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Full text of "Orientation, studien zur geschichte der religion"

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ORIENTATION 



STUDIEN 

ZUR 

GESCHICHTE DER RELIGION 



VON 



HEINRICH NISSEN 



ZWEITES HEFT 



BERLIN 

WEIDMANNSCHE BUCHHANDLUNG 
1907 



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äTrXoO<; ö |li06o(; rr\<; äXriÖeia^ ^qpu, 

KOÖ TTOlKiXutV Öei TÄvblx' ^p|Lir|V6U|LidTUJV 

^X€i T<3tp auxa Kaipöv. 

Euripides 



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-V -• I . ■,'',■.',7 ■ ^ rK'". 



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Inhalt. 

Seite 
Kapitel V. 

Hellenische Sterntempel. 

Verehrung der Sonne 108 

Richtung der Tempel 112 

Penrose's Arbeiten 117 

Hellenische Zeitrechnung 120 

Orientation nach Sternen • 123 

Die Zwillinge 125 

Thera 129 

Didyma 133 

Lagina 136 

Samothrake 137 

Delphi 144 

Athen 146 

Oropos 149 

Eleusis 150 

Lokri . \ . . 153 

Metapont 154 

Ancona . 156 

Stellare und solare Orientation 157 

Kapitel VI. 

Hellenische Sonnentempel. 

Athen 164 

Olympia 182 

Nemea 202 

Argos 205 

Epidauros 207 

Korinth 208 

Mykenae 211 

Tegea 212 

Megalopolis 213 

Phigalia 214 

Lykosura Messene 215 

Lebadea 216 



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IV Inhalt. 

Seite 

Theben Plataea 218 

Thermos 219 

Korkyra Tarent Kroton 220 

Paestura . , 221 

Segesta Seliuunt 222 

Akragas . 223 

Gela Syrakus 226 

Tauromenion Aegina 229 

Delos 230 

Samos 236 

Ephesos 237 

Magnesia a. M 239 

Geschichte der hellenischen Orientation. 

Verzeichnis von Tempeln 244 

Ost und West 248 

Nord und Süd 253 

Die Festzeiten 256 



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Kapitel V. 

Hellenische Sterntempel. 

In den anschaulichen Bildern aus dem mazedonischen 
Aufstande, welche die Kölnische Zeitung im Juli 1906 brachte, 
wird die folgende Scene vorgeführt (Freitag 20. Juli Nr. 774) : 
Morgendämmerung auf der Jelinska Planina. Leichte Nebel 
irren durch den Wald und mischen sich mit Ranchwolken 
der Lagerfeuer. Fröstelnd sitzen wortkarge Menschen an den 
Resten der Feuer und schüren die Glut. Die Schaffell- 
jacken der Bauern hängen mit dem Fell nach aufsen gekehrt 
auf den Schultern, müde Augen starren in die Glut. Von der 
Gegend her, wo der Pope mit seinem Lager stehen mufs, 
klingt in Absätzen das Brüllen des Viehes herüber. Beständig 
kläffen Hunde, die bei der Gründung des neuen Reiches keine 
besondere Weisung erhalten haben und nun nicht wissen, wo 
sie bleiben sollen, bei dem Vieh, oder bei dem Herrn, oder 
bei den Kindern, obgleich diese im alten Reiche nur Prügel 
für die gewissenhaften Hüter von Haus und Hof zu ver- 
schenken hatten. — Vor dem Zelte des Grofswoiwoden sitzt 
der Stab des Heeres, der dicke Stojan aus Gargowo, der Daskal 
aus Wulkowo und der Fahnenträger Minko Tokmaktscheto, 
das Hämmerchen, aus Gargowo, ein stiller Mensch mit un- 
geheuren Fäusten an nervigen Armen. Stojan gots sich einen 
Morgenschnaps in die Kehle und ächzte dann schwer; ja was 
tut der Mensch nicht, um seine Pflicht zu erfüllen. Nun kam 
der Major und trat schnell an die Gruppe heran. „Tritschko 
ist noch nicht zurück, der Apostel auch nicht, man hat einige 
Schüsse gehört, ich bin etwas in Sorge um die beiden Freunde." 
„Ah bah'', rief ihm Stojan zu, „die verstehen ihre Sache, komm 
heran, Grolswoiwode, und lafs uns kräftig futtern, wer weils, 
was der Tag bringt.'' Da waren bald die Holzspiefse bereit 

Nissen, Orientation, Stnd. z. Reliffions^esch. II. 1 



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110 Kapitel V. 

mit gebratenen Fleischstücken, die man mit wenig Salz und 
viel rotem Pfeffer bestreut hatte, auf Blättern lagen grofse 
Stücke des weifsen Schafkäses und des gelben Kaschkawal, 
der Pope hatte aus seinem Lager Milch gesandt, und in Messing- 
töpfen stand das Wasser bereit, um türkischen Kaffee zu 
kochen. Das war Stqjans Werk. Das neue Reich mufste sich 
vor dem alten zuerst durch reichlichere Zumessung von Speise 
und Trank auszeichnen. Während des Frühstücks traf sie der 
erste Strahl der Morgensonne; sie war längst am Himmel, 
aber die Berge im Osten verhinderten, dafs sie früh zur Jelinska 
Pianina kam. Da standen die Männer stillschweigend auf, 
zogen ihre Fellmützen herab, blickten zur Sonne, neigten und 
bekreuzigten sich. So hatten ihre Vorfahren es wohl schon 
vor vielen tausend Jahren getan, als sie noch die Sonne als 
lebengebendes Auge der ewigen Gottheit verehrten. Jetzt rief 
man Christus dabei an und machte sein Kreuz, sonst war alles 
dasselbe geblieben. Ein neuer Tag war gekommen, und der 
Sorgen gab es genug. — Die Schilderung kann uns Farben leihen 
um die Lagerscene auszumalen, wo Sokrates Tag und Nacht 
auf demselben Fleck in Nachdenken versunken gestanden hat, 
endlich durch das junge Licht geweckt wird, zur aufgehenden 
Sonne betet und fortgeht (Plat. Symp. 220 d) ; oder die Scene, 
wo Dion am Anapos vor den Toren von Syrakus das Tages- 
gestirn feierlich begrüfst (Plutarch 27, 2). Im Uebrigen liegt 
es auf der Hand, dafs das Morgengebet auf Erden in ver- 
schiedenen Ländern und Zeiten unter abweichenden Formen 
erscheint. Der grofse Häuptling der Natschez von Louisiana 
z. B. trat jeden Morgen bei Sonnenaufgang vor die Tür, blickte 
gen Osten, jauchzte und warf sich dreimal zur Erde, blies zum 
Schlufs seinen Tabaksrauch zuerst nach der Sonne, alsdann 
den anderen drei Weltgegenden aus (Tylor II 289). Gern 
erinnert sich der Freund der Nicotiana, dafs das edle Kraut 
die Gottheit zu ehren diente, bevor es zum blofsen Genufs- 
mittel wurde. Auch innerhalb des engeren Gesichtskreises, 
den die Alten beherrschten, wurden auffällige Besonderheiten 
wahrgenommen und von unseren Berichterstattern gelegentlich 
erwähnt. In der Schlacht bei Cremona 69 n. Chr. begrüfsten 
die Soldaten der dritten Legion das Erscheinen der Sonne 
nach syrischer Sitte mit lautem Zuruf: Tacit. bist. III 24 undique 



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Hellenische Sterntempel. 111 

clamor et orientem solem (ita in Suria mos est) tertiani salu- 
tavere. Das Gleiche wird aus der Schlacht von 217 n. Chr. 
in Betreff der Parther gemeldet: Herodian IV 15, 1. Während 
<ier Grieche im gewöhnlichen Lauf der Dinge seiner Andacht 
vor der aufgehenden Sonne durch einen Handkufs Ausdruck 
gab, mufsten die umständlichen Turnübungen, zu denen der 
Brahmane tagtäglich verpflichtet war und ist (Tylor II 426), 
«ein Erstaunen wachrufen. Darüber spricht sich Lukian aus, 
über den Tanz 17 'Ivboi ^Treibctv ?uj6€V dvacrTdvTe<; Trpocreuxujv- 
Ttti TÖv fiXiov, oux uJCTTrep f]|Li€i<; Tf|v x^ipa Kucravieq f)Y0U|Li€6a 
^vteXfi f||Liu)V elvai Tf]V eux^iv, dW ^kcivoi 7rpö<; Trjv dvaroXriv 
<TTdvTe<; öpxncrei töv f^Xiov dcTTrdZiovTai, crximctTiZiovTeq ^auT0u<; 
(TiujTrfl Kai )LiijLiou)Li€VOi Tfjv x^peiav toO Geoö* xai toöt' ecrfiv 
"^IvbiiJv Kai €uxn Kai xopo'i ^«^ Oucria. biö Kai toutokj iXeouvrai 
TÖV 6€Öv bi<;, Kai dpxo)Li€VTiq Kai buo)LievTiq xfiq f||Liepa<;. 

Die Heiligkeit von Tagesanfang und -ende bedingt, dafs 
alle mit besonderer Feierlichkeit umkleideten Handlungen, 
Opfer Gebet Gelübde an sie geknüpft sind. An die Warnung 
vor dem Bösen schliefst Hesiod die folgende Mahnung zur 
Frömmigkeit an, Werke und Tage 335 

dXXd (Tu Tujv \xkv TrdjLiTrav ?€pT' decTicppova 6u)liöv 
Kdb buvajuiv b' epbeiv iep' dGavdTOicTi Geoicriv 
dYVi&<; Kai KaGapÜLKj, ^m b' dyXad juripia Kaieiv 
äXXoT€ hk CTTTOvb^cTi GuecTCTi T€ IXdcTKecTGai, 
i^ji^v 8t' euvdZir) Kai ÖTav (pdo<j iepöv ?XGij, 
uj<; Ke TOi iXaov Kpabiriv Kai Gujliöv ly^yy^aw. 
Gegen die Gottesleugner führt Piaton in den Gesetzen 
X 887 d die Erlebnisse ihrer eigenen Jugend mit den Worten 
ins Feld: dvdYKTi Ydp bfj x«^€7ruj<; cpepeiv Kai juicreiv eKeivou^, 
o'i TOUTUJV f])Liiv aiTioi Tiliv XÖTUJV T^T^VTiVTai Kai TiTVOvrai vOv, 
ou 7r€iG6)Li€V0i TOiq fnuGoiq, ouq ^k veujv Traibujv li\ iv YdXa£i 
TpecpöjLievoi Tpocpüüv t€ fJKOuov Kai luriTepuJv, oiov ^v d7ra)baT<s 
jueTd T€ 7raibid<; Kai jueTd (y7roubfi<; X€to)li€vujv, Kai ^xeiä GucTiuJV 
dv €uxai<j auTOU<;, dKOuovT^<; t€, Kai öipeiq 6pujVT€<s dTrojLi^va^ 
auTOiq Sq fibiCTTa ö y€ v^o<; öpqt t€ Kai dKOÜei 7rpaTT0|Li€va<s Guöv- 
Tujv, iv anovbiji Trj \xefiavri Toug auTiiJv yoviaq UTrep auTiIiv t€ 
Kai dKeivujv dcTTTOubaKÖTa^, ilx; ö ti judXicTTa oöcri 0€oT<; euxaiq 
7rpocrbiaXeYO|Lievou<j Kai iK€T€iai<;, dvaTeXXovT6<; t€ f|Xiou Kai creXri- 
VTiq Kai Trpöq bucrfiidq iövtujv irpOKuXicTei^ &}xa Kai TrpocTKuvricreK; 



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112 Kapitel V. 

dK0U0VT^<; T€ Kai öpüüVT€<s 'EXXr|viüv xe Kai ßapßdpujv TrävTuuv 
iv cruficpopaTq TravToiaiq dxojLieviüV Kai ^v euTrpaYiaiq, oux uj<; 
ouK övTiüv ÖW ujq ö Ti iLiaXicTTa övTiuv Ktti oubafiifi ii7rov|iiav 
dvbibövTiuv \jjq OUK e\(J\ 6eoi. 

Der Gegensatz von Licht und Finsternis, diie Bedeutung- 
des Aufgangs im Gottesdienst tritt am Eindrucksvollsten an den 
grofsen Kirchenfesten hervor. Wie bei Aegyptern und Christen 
wird auch bei den Hellenen die Hauptfeier in der Nacht vor- 
bereitet und eingeleitet. Ein attischer Volksbeschlufs um 334 
V. Chr. gefafst, ordnet an (CIA. H 163 Dittenberger 2 634) 
TOU<j bk i€poTroiou<; TOu<; bioiKoOvTa<; TCi TTavaBrjvaia Tct Kar'' 
dviauTÖv TToeiv Tfjv Tiavvuxiba \h<; KaWicrniv Tri 0eu) Kai Tf|v 
7T0|LiTTf)V TT^iiTreiv a)Lia f|Xiuj dviövTi CriiLiioövTaq töv \xi\ TreiOapxoOvxa 
Tai<s ^K Td)v vöjLiujv Z!Ti)Liiai<j. Nach Beendigung der Nachtfeier 
hat sich der Festzug im Kerameikos vor der Stadt geordnet 
und harrt des Augenblicks, wo die ersten Sonnenstrahlen die 
Götterbilder und -Wohnungen der Burg vergolden, während 
noch tiefe Schatten die Unterstadt decken. Alsbald setzt sich 
die Procession in Bewegung, die Tagesfeier beginnt. — Unsere 
Lebensgewohnheiten, die technischen Fortschritte der Neuzeit 
haben unsere Sinne abgestumpft, die Empfindung der Natur- 
gegensätze verwischt. Der heutige Zustand der Ruinen kommt 
der Phantasie nicht zu Hülfe bei dem Bestreben in die Vor- 
gänge des alten Cultus deutliche Einsicht zu gewinnen. Man 
mufs sich mühsam erinnern, dafs das Innere des Tempels (ebenso 
wie des ältesten Hauses) lediglich durch die Tür erhellt wurde. 
Wenn nun das goldene Licht der aufgehenden Sonne herein- 
strömte, das Götterbild mit seinen Strahlen verklärte, in dem 
ganzen weiten Raum die Nacht aufscheuchte, so schauten die 
Gläubigen eine Offenbarung des Höchsten die tief in die Seele 
drang. Die Alten haben aus diesem Zusammenhang die Rich- 
tung ihrer Tempel erklärt. Am Bestimmtesten Lukian über 
das Haus 6 tö t^P Tfi<; t€ fm^paq irpö^ tö KdXXicTTOV dTioßX^Treiv 
— KctXXiCTTOV bi auTTiq Kai TToGeivöraTOV fj dpxn — Kai töv 
fiXiov ÖTrepKuipavxa eu0uq uTrob^x^crGai Kai toO (pujTÖ<s d)LiTri)Li7rXacr6ai 
iq KÖpov dvaTreTTTaii^viJuv tujv Gupujv, Ka0' ö Kai xct kpa ßXe- 
TTOvra diroiouv 01 TraXaioi. Von entgegengesetztem Standpunct 
aus verlangt Vitruv IV 5, dafs Tempel und Götterbild nach 
Westen orientirt sei: uti qui adierint ad aram immolante» 



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Hellenische Sterntempel. 113 

* 
<iut sacrificia facientes, spectent ad partem caeli orientis 

^imulacrum quod erit in aede, et ita vota suscipientes con- 
tueantur aedem et orientem caelum, ipsaque simulacra vide- 
untur exorientia contueri supplicantes et sacrificantes ; quod 
xiras omnes deoi^um necesse esse videatur ad orientem spectare. 
An der Bezugnahme auf den Aufgang hält auch Vitruv fest. 
Wie er sich im üebrigen die Sache gedacht habe, ob etwa 
durch ein Fenster der Rückwand die Sonnenstrahlen in den 
Tempel und auf das Bild fallen sollen, darüber lassen uns seine 
Worte im unklaren. 

Derselbe Zwiespalt zwischen Ost und West kehrt bei den 
librigen Zeugen wieder. Aufser Lukian spricht auch Plutarch 
Numa 14, 4 für Osten* Bei den Feldmessern stofsen wir auf 
-die Bemerkung Hygins p. 169, dafs zu seiner Zeit die Tempel 
nach Osten orientirt wurden, aber nach der Angabe alter Archi- 
tekten (Vitruv?) sei Westen die alte und normale Richtung: 
^ecundum antiquam consuetudinem limites diriguntur. quare 
non omnis agrorurn mensura in orientem potius quam in 
occidentem spectat, in orientem sicut aedes sacrae, nam anti- 
qui architecti in occidentem templa recte spectare scripserunt: 
postea placuit omnem religionem eo convertere, ex qua parte 
^aeli terra inluminatur. Frontin p. 27, wie er sagt nach 
Varro, läfst den Decumanus gezogen werden ah Oriente ad 
occasum, quod eo sol et luna spectaret, sicut quidam ai^hi- 
tecti delubra in occidentem recte spectare scripserunt. Ferner 
Clemens Alex. Stromatt. VII p. 724 iva oi dTravTmpöcrujTrov 
Tiijv (XTaXiLidTUJV icTTdjLievoi npöq dvaroXfiv Tp^TrecrGai bibdcTKUJVTai. 
Am entschiedensten und ausführlichsten spricht sich Vitruv für 
die Orientirung nach Westen aus: er widmet dem Gegenstand 
-ein ganzes Kapitel IV 5: regiones autem quas debent spec- 
tare aedes sacrae deorum immortalium, sie erunt consti- 
iuendae, uti si nulla ratio impedierit liberaque fuerit potestas, 
nedis signumque quod erit in cella collocatum, spectet ad vesper- 
tinam caeli regionem: uti qui adierint ad aram immolantes 
aut sacrificia facientes, spectent ad partem caeli orientis 
•simulacrum quod erit in aede; dann folgt als Grund der 
oben angeführte Satz. Vitruv sieht die Orientirung nach Westen 
zwar nicht als einzig mögliche, aber doch als normale an: 
M nulla ratio impedierit liberaque fuerit potestas. Was 



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114 Kapitel V. 

er hierunter verstanden, ist nicht ganz klar; doch scheint er 
nur an örtliche Schwierigkeiten gedacht zu haben, wie die 
Fortsetzung lehrt. Sin autem loci natura interpellaverit, tunc 
convertendae sunt earum regionum constitutiones, uti quam 
plurima pars moenium e templis deoruni conspiciatur. iteriir 
si secundum flumina aedes sacrae fienty ita uti Aegypto circa 
Niluniy ad fluminis ripas videntur spectare debere, similiter 
si circum vias puhlicas erunt aedificia deorum, ita consti- 
tuantur uti praetereuntes possint respicere et in conspectu 
salutationes facere. Der Wert dieser Bemerkungen ist äufserst 
gering; die Erwähnung Aegyptens läfst vermuten, dats sie 
einem griechischen Compendium entstammen. Wie S. 34 ge- 
zeigt wurde, trifft es keineswegs allgemein zu, dafs die aegyp- 
tischen Tempel nach dem Lauf des Nil gerichtet sind. In 
Rom drehen die beiden Tempel am Tiberufer, welche ein 
günstiges Geschick bis auf unsere Tage erhalten hat, dem Flufs^ 
der eine den Rücken, der andere die Seite zu. Auch die 
Forderung, dafs die Tempel einen möglichst grolsen Teil der 
Mauern überblicken sollen, erscheint ziemlich nichtssagend; 
natürlich legte man die Tempel im Allgemeinen lieber an er- 
habenen weithin sichtbaren Stellen an, als in der Tiefe ver- 
steckt. Ebenso verhält es sich mit der letzten Bemerkung,, 
dafs die an den Straf sen gelegenen Tempel ihre Front der 
Strafse zukehren sollten, um die Reverenz der Vorübergehen- 
den empfangen zu können. Gewifs ist das richtig; allein alle 
diese äufseren Gesichtspuncte lassen um so deutlicher erkennen^ 
dafs Vitruv von den Principien, auf denen die Orientirung der 
Tempel beruhte, wenn überhaupt, jedenfalls nur sehr unklare 
Vorstellungen hatte. 

Um ihm und seinen Zunftgenossen nicht Unrecht zu tun,, 
müssen wir uns die Zeitumstände vergegenwärtigen unter denen 
sie schrieben. Seit den Anfängen des Tempelbaus in Griechen- 
land und Italien waren viele Jahrhunderte verstrichen, Wissen- 
schaft und Technik hatten ungeheure Fortschritte gemacht,, 
die nationale Eigenart wurde immer stärker vom Weltbürger- 
tum ergriffen. Die von Alexander begründete monarchische 
Aera stellte der Baukunst die höchsten Aufgaben. Aber dem 
hellenischen Meister der zu ihrer Lösung berufen wurde, fehlte 
das innere Verhältnits zu den religiösen Anschauungen des 



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Hellenische Sterntempel. 115 

Landes in dem er wirkte. Ohnehin waren ihm die Hände ge- 
bunden. Mögen die antiken Bauhütten von der Weihe ihres 
Berufs ebenso tief durchdrungen gewesen sein wie die mittel- 
alterlichen, so erfolgt doch die Anlage eines Heiligtums nach 
den Vorschriften des Rituals, das vom Sachverständigen d. h. 
dem Priester gedeutet wird. Auf einer frühen Stufe der Ent- 
wicklung ist Architekt und Theolog ein und dieselbe Person 
gewesen, mit der Trennung beider Berufe wird die Reibung 
und der Zusammenstofs unvermeidlich. Der weltliche Künstler 
verficht die Gebote der Zweckmäfsigkeit und Schönheit, der 
Priester die Gebote seines Gottes. Wenn auch das entscheidende 
Wort dem Priester zukommt, wird er oft genug äufseren Rück- 
sichten weichen und mit kluger Casuistik die geistliche Tradi- 
tion ihnen anpassen müssen. In jungen Gründungen konnte 
eine einheitliche Orientation leicht durchgeführt werden. In 
Städten einer reichen Vergangenheit, wo nach und nach eine 
Menge fremder Culte auf knapp bemessenem Raum sich ein- 
genistet hatten, erhielt sie ein buntscheckiges regelloses Aus- 
sehen. Die Gegenwart kann uns das erläutern. Ein Holländer 
der über Kirchenrichtung einige hundert Seiten geschrieben 
hat, teilt den Herzensergufs mit den ein Freund aus Rom 1857 
an ihn richtete ^) : fespdre que vous nous ferez savoir pour- 
quoi les ^glises de Borne sont occidenUes en g4n4ralj ou 
plutöt d^sorienUes, Cette occidentation de S, Pierre est 
cause que fai toujours perdu la Tramontane et la boussole 
dans la Ville-Eternelle ; ä Vheure quHl est je ne puis pas 
encore dire oü est la Sicilej oü la Toscane et par cons^quent 
la France relativement ä Rome. Je suis tellement hahitui 
ä m orienter sur les eglises, que quand cette orientation me 
fait d^fauty je ne sais plus oü jen suis. Der Bataver der 
in der Leibwache des Augustus Dienste nahm, hatte keine Uhr 
in der Tasche und las die Zeit vom Himmel ab; hätte sein 
Katechismus ihn angewiesen die Weltgegenden aus der Rich- 
tung der Tempel zu entnehmen, so würde das antike Rom 
ihm nicht minder den Kopf verdreht haben als das christliche 
seinem Nachfahren. Das Bewutstsein von der Heiligkeit des 



1) Alberdingk Thijm, Lettre sur la ligne sacr6e ä M. Auguste 
Reichensperger, Amsterdam 1858, p. 4. 



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116 Kapitel V. 

Sonnenaufgangs war dem Menschen mit der Muttermilch ein- 
geflöfst worden ; aber wie und warum diese Heiligkeit so ver- 
schiedenen baulichen Ausdruck erhalten konnte, blieb dem 
Laien verborgen. Die theoretische Forderung der wir zuerst 
bei Vitruv begegnen, dafs Tempel und Gott nach Westen 
schauen sollen, ist nach langem Widerstreben in der Christen- 
heit durchgedrungen. Für das Altertum dagegen lehrt der 
Tatbestand, dafs von den römischen Tempeln kaum die Hälfte, 
von den griechischen kaum ein Zehntel der Forderung ent- 
spricht. 

Von den Neueren ist diese Frage nicht eingehend er- 
örtert worden^). Sie begnügten sich mit der im Ganzen ge- 
nommen durchstehenden Tatsache, dafs die hellenischen Tempel 
nach Osten gewandt seien, also der auch sonst anerkannten 
Heiligkeit jener Weltgegend einen fafslichen Ausdruck leihen. 
Bötticher, Tektonik der Hellenen 4, 97 erläutert dies so: „Gleich 
wie aber die Cella selbst nur des Kultbildes wegen gegründet 
ist, so wird sie auch durch die Stellung dieses Bildes orientirt, 
und weil letzteres nach den Satzungen des hellenischen Kultes 
mit dem Antlitze stets nach Osten gewandt sein mufs, um die 
Thymele unter seinen Augen zu haben, so öffnet sich die Cella 
in ihrer Thtire und der Pronaos mit seinem Eingange ebenfalls 
nach dieser Himmelsgegend; dies ist eine Thatsache, die sich 
durch alle Literatui-zeugnisse 2) und Monumente mit kaum be- 
merkenswerthen Ausnahmen bestätigt findet." Dies bedeutende 
Buch hat die Herrschaft die es in der Mitte des vorigen Jahr- 
hunderts ausübte, verloren. Aber seitdem die empirische For- 
schung das Feld behauptet, ist die Wichtigkeit des Problems 
keineswegs in der wissenschaftlichen Welt zur Anerkennung 



1) Man beschränkte sich darauf, die Stellen der Alten zu- 
sammenzutragen. Soweit ich sehe, tat dies zuerst Spencer, de 
legibus Hebr. ritualibus lib. 3 diss. 6 cap. 2, 4, dann Hermann» 
Gottesdienstliche Alt. 2. p. 103. Welcker, Gr. Götterlehre 1, 403 u. A. 

2) Bötticher meint, Vitruv habe die Orientirung nach Osten 
beschreiben wollen ; die Worte signum quod erit in cella collocatum, 
spectet ad vespertinam eaeli regionem bedeuten nach ihm, „dafs das 
Bild in dem westlichen Theile der Cella stehen soll und nach Osten 
schaut"! Die Worte ipsaque simulacra exorientia contueri suppli- 
cantes et sacrificantes sind verderbt usw. Man nahm solche Deutung 
gläubig auf. 



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Hellenische Sterntempel. 117 

gelangt. Für mitteilsame Leute hat die Zahl etwas Kaltes 
Abstofsendes Ungemütliches, um nicht zu sagen Brutales. 
Mythologen welche auf die Postille gebückt zur Seite des 
wärmenden Ofens ihre Gedankenfäden um die Götter Griechen- 
lands spinnen, lassen die Rechentafel im Winkel verstauben. 
Und wo der Spaten greifbare augenfällige Ergebnisse aus dem 
Schutt hervorholt, werden die Leiter sich gern einer Müh- 
waltung entziehen die ihnen nutz- und zwecklos erscheint. Im 
Zeitalter der Ausgrabungen sind leider allzu viele Gelegen- 
heiten verpafst worden, wo durch Messung von Tempelaxen 
der Culturgeschichte wichtiges Material hätte zugeführt werden 
können. 

Trotz Allem ist das Material an Umfang und Zuverlässig- 
keit ansehnlich gewachsen. Wenn ich heute über Orientation 
mit gröfserer Einsicht reden kann als vor vierzig Jahren, so 
habe ich dies teils dem Beistand und der Vermittlung meiner 
Freunde, teils dem Eintreten von Penrose zu danken. Die 
erste der beiden S. 10 A. 2 genannten Abhandlungen enthält 
p. 805 den Satz: in Herr Nissen' s researches there is some 
want of exactitude in the measurements which he has used, 
which interfere with the accuracy of some of the conclusions 
arrived at. Der Tadel ist berechtigt, ist zudem in so ver- 
bindliche Formen gekleidet und aus diesem Munde so schmeichel- 
haft, dafs jede Entgegnung vom Uebel sein würde, wenn sie 
nicht durch die Sache geboten wäre. Als ich zum ersten Male 
die Aufforderung ergehen liefs mit einer exacten Aufnahme 
des Tatbestandes zu beginnen, rechnete ich mit Minuten und 
beschränkte die erstrebenswerte Fehlergrenze der Messung auf 
zehn Minuten (Templum p. 178). In der Folge hat die Er- 
fahrung mich sattsam belehrt, dafs die Unsicherheit der magne- 
tischen Messung viel zu grofs sei um eine derartige Genauig- 
keit zu erreichen^). Sie konnte auch vorläufig entbehrt werden: 
wer dem Meer Neuland abgewinnen will, wirft einen Deich 
auf und überläfst der Zukunft die Sorge es anzubauen und 
wohnbar zu machen. Nach altem Stil bestimmte man die Rich- 
tung griechischer Tempel durch Wendungen wie nach Osten, 



1) Wilski in HUIer's Thera I p. 346 fand sogar auf einem so 
beschränkten Raum wie Thera locale Schwankungen von 2— 3 Grad. 



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118 Kapitel V. 

ungefähr, nicht ganz genau nach Osten usw. und gestattete 
dabei einen Spielraum von einem halben Quadranten^). Solche 
Angaben sind unbrauchbar. Aber mit einer Sammlung an- 
nähernder Messungen konnte der Nachweis erbracht werden, 
dafs die Lage der Tempel zu den Götterfesten und dem 
Kalender in Beziehung steht, konnte derart ein ergiebiges 
Arbeitsfeld gemutet werden. Für dessen Ausbeutung war es 
ein unverhoffter Glücksfall, dafs der Mann der einst an den 
Curven des Parthenon seine scharfen Sinne und peinliche Sorg- 
falt erprobt hatte, jetzt seine reiche Erfahrung ihm zuwandte. 
Reichlich 60 griechische Tempel wurden untersucht, lieber 
sein Verfahren erklärt Penrose p. 808 : tlie orientation angles 
given in the lists which follow were obtained from azimuths 
taJcen from the Sun or the planet Venus. In almost every 
case two or more sights were taJcen, Observations of stars 
at night were also used from time to time^ to test the Per- 
formance of the theodolite, Magnetic variations were also 
observed in most instances, ichich confirmed the opinion I had 
already arrived at that, owing to local attractions, magnetic 
bearings were not sufficiently exact for the purposes of this 
inquiry, The height subtended by the visible horizon opposite 
the axis of the temple was also in every case observed. Da- 
mit hat er denn ein Fundament geschaffen, fester und trag- 
fähiger als ich ehedem ersehnt hatte. Zugleich bietet sich 
eine andere erfreuliche Wahrnehmung dar. In etwa 30 Fällen 
kann die Genauigkeit der von mir benutzten Messungen an 
den Zahlen Penrose's nachgeprüft werden; die absolute Richtig- 
keit dieser Zahlen vorausgesetzt, übersteigt der Fehler im 
Durchschnitt kaum einen Grad. Da aber die historische 
Forschung Massen von Material anhäufen, einen weiten üm- 
blick gewinnen mufs, so bleibt sie nach wie vor auf die leichter 
zu beschaffenden magnetischen Messungen angewiesen und wird 
unter Beachtung der nötigen Vorsicht reichen Nutzen aus ihnen 
ziehen können. 



1) Um ein Beispiel anzuführen, heiCst es über einen Anten- 
tempel auf dem Palatin, das sog. Auguratorium, bei Lanciani und 
Visconti Guida del Palatino, Roma 1873, p. 135 : ^ orientato coi punti 
cardinali delV orizzonte, während die Abweichung nach Westen 
20-210 beträgt. 



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Hellenische Stern tempel. 11^ 

Was Penrose mit seinen Arbeiten bezweckte, besagt die 
Aufschrift. Die erste Abhandlung (1893) führt den Titel: On 
the Eesults of an Examination of the Orientations of a num- 
her of Greek Temples with a view to connect these Angle» 
with the Amplitudes of certain Stars at the time the Temples 
were founded, and an endeavour to derive therefrom the 
Dates of their Foundation hy consideration of the Changes 
produced upon the Right Ascension and DecUnation of the 
Stars hy the Precession of the Equinoxes, Kürzer lautet er 
bei der zweiten ergänzenden Abhandlung (1897): On the 
Orientation of certain GreeJc Temples and the Dates of their 
Foundation derived from Astronomical Considerations. Die 
Arbeit ist durch Lockyer angeregt worden. Ihr Gedankengang 
ist kurz folgender: die meisten hellenischen Tempel sind so 
angelegt, dafs am Festtag die ersten Sonnenstrahlen auf das 
Götterbild in der Cella fallen. Weiter aber hat der Gründer 
darauf Bedacht nehmen müssen, dafs die Priester zeitig genug, 
d. h. etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang, von dem bevor- 
stehenden Ereignis Kunde erhielten um das Festopfer zu rüsten 
und die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Deshalb suchte er 
einen Stern aus, der kurz vor der Sonne in derselben Richtung 
aufging, also gleichfalls in der Axe das Götterbild beschien. 
Im Laufe der Jahre jedoch wurde die so klug erdachte Himmels- 
uhr ungenau, weil der eine Zeiger, der Stern in Folge des 
Vorrückens der Nachtgleichen immer mehr nachging. Sie war 
genau bei der Gründung eingestellt, als die Richtung der Tempel- 
axe, des aufgehenden Sterns und der aufgehenden Sonne haar- 
scharf zusammen traf. Wann solches stattgefunden hatte, läfst 
sich mit unsern heutigen Mitteln berechnen. Es würde viel 
Raum beanspruchen und den Leser ermüden, wollte ich statt 
eines Gleichnisses die technische Sprache brauchen und all 
die Erwägungen und Beobachtungen die Penrose für die Lösung 
der Aufgabe angestellt hat, vortragen. Seine Umsicht und 
Geduld erinnert an jene astronomischen Uhren, Wunderwerke 
der Mechanik die man vereinzelt in unseren Kirchen, z.B. in 
Strafsburg Nürnberg Lübeck antrifft. Aber während deren 
Erbauer sichere Tatsachen zur Anschauung brachten, arbeitet 
Penrose mit falschen Voraussetzungen. Die ganze Theorie 
(ihr Urheber ist Lockyer) widerspricht dem Festbrauch und 



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120 Kapitel V. 

Festkalender, der ZeitrechnuDg und Astronomie der Hellenen, 
lauter einfachen und bekannten Dingen. Sie liefert denn auch 
unsinnige Ergebnisse. Viele Tempel werden einer Epoche zu- 
geschrieben, wo es weder hellenische Gotteshäuser noch -bilder 
gab, so der alte Burgtempel in Athen 2020 v. Chr., der Vor- 
gänger des Parthenon 1495, das Heraion in Olympia 1445 usw. 
Die Theorie spielt auch der geschichtlichen üeberlieferung 
übel mit, teilt dem durch Epaminondas ins Leben gerufenen 
Megalopolis einen Zeustempel von 605 zu, versetzt die Isis 
von Pompeji aus dem 2. Jahrhundert nach 750 und verübt 
ähnlichen Schabernack, an dem ein Pedant Anstofs nehmen 
könnte. Wer Sinn für Humor in der Wissenschaft sich bewahrt 
hat, macht davon kein Aufhebens. 

Eine methodische Erforschung der hellenischen Orientation 
geht von der hellenischen Zeitrechnung aus, deren Grundzüge 
Geminos in seiner Einleitung zur Astronomie 8,6 Manitius so 
zusammen gefafst hat: TtpöOecri^ fjv xoi^ dpxctioiq tou^ j^ev 
ixf\va<; äfeiv Kaxa aeXrjVTiv xou^ bk ^viauxou^ Ka6' fiXiov tö 
Tap UTTÖ TUJV vöjaujv Kai tuüv xpr\a^(jj\ TrapaYYtXXöjaevov xo 
Oueiv Kaxa xpia fj^ouv xd iraxpia ixY\va(; fijLi^pat; eviauxoug, 
xoöxo bieXaßov äiravxe^ oi "EXXrive^ xtu xou^ j^ev dviauxou^ 
(JujLKpiüVujq äfexv xip fiXiuj xdq bk fijaepa^ Kai xou^ wva^ xrj 
aeXrjvr]. Also geben zwei Himmelskörper im Leben die Zeit 
an, und die Bewegungen beider mit einander in Einklang zu 
bringen ist die Aufgabe an deren Lösung die Hellenen sich 
abmühten. Der geistige Fortschritt den die Menschheit im 
Grofsen wie das einzelne Volk gemacht hat, beruht auf der 
Vervollkommnung des Messens von Raum und Zeit. Als die 
redende und bildende Kunst ihre schönsten Blüten entfaltete, 
im perikleischen Athen begegnet eine allgemeine Unklarheit 
bezüglich der Zeitmafse die Staunen erregt. Herodot war ein 
welterfahrener gescheidter Mann; aber die Handhabung der 
vier Species wurde ihm saurer als einem heutigen Philologen 
das Rechnen mit Logarithmen. „Bis zu 70 Jahren, läfst er 
I 32 den weisen Solon zu König Kroesos sprechen, stecke ich 
dem Menschen die Grenze seines Lebens. Diese 70 Jahres- 
kreise geben 25200 Tage ohne Schaltung. Will man aber 
ein Jahr ums andere einen Monat länger machen, damit die 
Jahreszeiten an die richtige Stelle im Kreislauf kommen und 



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Hellenische Sterntempel. 121 

damit zusammen gehen, so gibt das während 70 Jahre 35 
Monate und aus diesen Monaten 1050 Tage. Von allen diesen 
26250 Tagen die auf die 70 Jahre entfallen, führt keiner ein 
gleiches Geschehnis wie der andere herbei." Wo er die 
Aegypter lobt II 4. weil sie den zwölf dreißigtägigen Monaten 
nur fünf Schalttage hinzufügten und so den Kreis der Jahreszeiten 
am selben Ort festhielten, kehrt die abenteuerliche Behauptung 
wieder, dafs seine Landsleute die Dauer des Umlaufs der 
Sonne zu 375 Tagen annähmen. Freilich gehörte Herodot 
nicht zu den Wissenden, wie sie in den Hieroglyphen heifsen; 
die Regelung des Kalenders war Sache der Priester. Geminos 
a. 0. fährt fort: Ictx bfe tö jLifev Ka8' f^Xiov äT^iv xoi»; dviauTou^ 
TÖ Tiepi xa^ auxd^ üipa^ xoö dviauxoO xa^ amäq Oucria^ xoig 
Qeoxq dmxeXeTaGai Kai xf]v ^kv dapivfjv Ouaiav biet 7Tavxö<; Kaxd xö 
lap (TuvxeXeTaOai, xfjv bi Gepivfiv Kaxa xö G^po^, öjaoiuj^ bi Kai Kaxa 
xou^ Xomouq Kaipou^ xoö ?Touq xd^ auxd^ Ouaia^ TTinxeiv. 
xoöxo T&P uTiAaßov Ttpoariv^^ Kai K€xapiajaevov elvai xoi(; Qeoxq, 
xoöxo b'äXXu)^ ouK Sv buvaixo Y^v^aGai, €i ixi\ oX xpoirai Kai 
ai lariiLiepiai irepi xoü^ auxoi»^ Wva(; yivoivxo. xö bfe Kaxa 
.aeXrjVTiv fiT€iv xd^ flM^paq xoioöxöv iCTx xö dKoXouGuj<; xoTg 
xfj^ aeXrjvTi? qpu)xi(T|aoi^ xd^ 7rpoar|Yopia(; xujv fmepujv fiveaGai. 
Durch diese Sätze ist das Gebiet der Orientation der Gottes- 
häuser umschrieben. Ihr Verständnis erfordert näheres Ein- 
gehen auf Ursprung und Zweck. Der Mond hat in Urzeiten 
vom Messen den Namen erhalten (S. 61) und hat den Hellenen 
das überall verbreitete. Jedermann geläufige, recht eigentlich 
volkstümliche Zeitmafs geliefert. Aber nirgends auf Erden 
hat er die Richtung von Gotteshäusern bestimmt. Solche» 
war durch die Unregelmäfsigkeit seiner Bahn ausgeschlossen 
(S. 26) und durch keinerlei Bedürfnis empfohlen. Der Mond- 
umlauf war eine so kleine handliche teilbare Gröfse, der 
Gang des Zeigers an der Himmelsuhr liefs sich so leicht 
verfolgen, dafs der Mensch für den täglichen Gebrauch gar 
nicht an künstliche Hülfsmittel denken konnte, um daraus zu 
ersehen wann Neumond und Vollmond, erstes und letztes 
Viertel war. Anders verhält es sich mit der Sonne, deren 
Bahn zu begreifen höhere Anfordeiningen an das Fassungs- 
vermögen stellte. Die rohe Gleichung des Jahres mit 12 
Monaten oder 360 Tagen, die in Urzeiten gefunden und tief 



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122 . Kapitel V. 

im Volksbewulstsein eingewurzelt war, erwies sich bei längerer 
Beobachtung als irreführend. Wenn man nun die Monduhr 
dadurch verbesserte, dafs 30 und 29 tägige Monate einander 
ablösten, so wurde die Dauer des Jahres bald auf 354 Tage 
vermindert, bald auf 384 erhöht. Mit einem derartigen 
Schwanken war weder dem Ackerbauer noch dem Seefahrer 
gedient. Geminos betont die religiöse Seite: nach altem 
Glauben sei es den Göttern wohlgefällig das schuldige Opfer 
in der richtigen Jahreszeit zu empfangen. Ihm lag die An- 
schauung fern, dafs der Cultus in den Anfängen der Ge- 
sellschaft deren ganzes Wissen zum Ausdruck bringt und alle 
Lebensrichtungen beherrscht. Dies gilt in hohem Mafse von 
der Astronomie. — Ihre Entwicklung beginnt mit dem Setzen 
jener Steinsäulen und Steinkreise, die in der alten und in der 
neuen Welt den Eintritt der Wenden und Gleichen anzeigten 
(S. 23 fg.). Sie schreitet fort mit dem Bau von Tempeln, die 
als die frühesten Observatorien gedient haben. Die Alten 
verfügten über kein Fernrohr, wufsten jedoch durch sinnreiche 
Vorkehrungen einen Teil der Dienste die jenes leistet, sich 
anzueignen. Aus dunklem Raum kann durch Tür oder Fenster, 
wenn das Seitenlicht abgeblendet ist, eine Himmelserscheinung 
leichter und genauer wahrgenommen werden als im Freien. 
Lockyer p. 108 fg. vergleicht die Anlage der aegyptischen 
Tempel mit riesigen Teleskopen, indem die einander folgenden 
Pylone als Diaphragmen wirkten und einen schmalen Streifen 
ungetrübten Lichtes in das Allerheiligste leiteten^). An einem 
einzigen Tage des Jahres wird das Allerheiligste geöffnet 
und von der aufgehenden Sonne oder dem aufgehenden 
Stern mit ihren Strahlen für ein paar Minuten erfüllt. Der 
weihevolle Augenblick kündet den Gläubigen die Wieder- 
geburt des Gottes an; den Priestern bietet er eine Handhabe 
um die Bewegungen der Himmelskörper nachzuprüfen und 
fürs praktische Leben all die Anordnungen zu treffen, die 



1) Es sei daran erinnert dafs Eratosthenes in Syene einen 
Brunnen graben liefs um den Zenithstand der Sonne am Mittag der 
Sommerwende festzustellen (Rhein. Mus. LVIII 236). Die aegyptische 
Optik hat ihr Höchstes in den unterirdischen Grabkammern geleistet, 
deren Inschriften und Bilder bei Spiegellicht angefertigt sein müssen, 
•da jede Spur von der Verwendung künstlichen Lichtes fehlt. 



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Hellenische Sterntempel. 123 

ihnen als Ealendermaehern obliegen. Man kann sieh nicht 
leicht diese Tätigkeit vergegenwärtigen noch die Gründe des 
langsamen Fortschreitens begreifen. Jahrtausende sind darüber 
hingeflossen, bis festgestellt wurde dafs der Umlauf der 
Sonne 365 Tage befasse und ein Viertel dazu. — Der geistige 
Austausch zwischen den einzelnen Bildungstätten ist durch 
politische und nationale Schranken zwar gehemmt, aber nicht 
verhindert worden. Vor Allen verstanden die Hellenen aus 
dem Wissensschatz des Morgenlandes zu schöpfen. Demokrit 
hat nach seinen eigenen Worten in Aegypten die Meisterschaft 
der Harpedonapten erreicht (S. 32 vgl. Diodqr I 98). Vor ihm 
haben die grofsen Naturforscher deren Namen genannt werden, 
von Thaies ab die Fremde aufgesucht um zu lernen. Sie 
wirken in der Oeffentlichkeit, machen die auf Wenige be- 
schränkte Erkenntnis zum Gemeingut Aller, schälen den Kern 
aus der bunten Hülle der Mythen und Rätsel, unter der er 
seither verborgen war. Als Meton Demokrit Eudoxos u. a. 
wissenschaftliche Kalender zu Jedermanns Gebrauch ausstellten, 
lieferten sie jener von Piaton (S. 111) bekämpften Aufklärung 
eine schneidige Waffe. Aber bevor sie mit Thaies in das 
Licht des Tages eintrat, hat es eine hellenische Wissenschaft 
gegeben. Ihre Träger waren Priester deren Namen ver- 
schollen sind. Auch sie haben gleich ihren bekannten Nach- 
folgern reiche Anregung und Belehrung aus den Culturstaaten 
des Ostens tiberkommen. Spuren ihrer Wirksamkeit sind in 
den Tempelruinen erkennbar. Es verlohnt sich ihnen nach- 
zugehen: sie führen in die Vorhalle der hellenischen Astro- 
nomie und der hellenischen Bildung. 

Wir unterscheiden Sonnen- und Sterntempel, je nachdem die 
Axe nach dem Auf- und Untergang der Sonne oder dem Auf- und 
Untergang eines Sterns gerichtet ist. Der Sterndienst eignet 
südlichen Breiten: zunächst wegen der gröfseren Klarheit der 
Luft (S. 27), sodann aus einem andern Grunde. Die Orientation 
erscheint uns lediglich als ein Gebot des Cultus, als durch 
ehrwürdiges Alter geheiligter frommer Brauch. Aber wie 
die Menschen gewohnheitsmäfsig den morschen Hausrat ihrer 
Vorväter mitschleppen ohne ihn zu nutzen, so vergessen wir 
ganz dafs die Religion einst mit dem Leben zusammenfiel, 
und dafs der Brauch einem praktischen Bedtirfhis entsprang. 



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124 Kapitel V. 

Die Orientation kommt der Zeitrechnung zu Hilfe, die Tempel 
halten die Abschnitte der jährlichen Wanderung der Sonne 
fest und erleichtern es die Länge der Sonnenbahn zu messen. 
Die Länge des Bogens den die auf- und untergehende Sonne 
am Horizont beschreibt, wechselt mit der geographischen 
Breite und nimmt nach Norden zu, befafst in Aegypten einen 
Kreisausschnitt von einigen 50^, in Deutschland einige 20^ mehr. 
In Folge dessen wird der Unterschied von kurzen und langen 
Tagen fühlbarer, der Gegensatz von Sommer und Winter 
schroffer. Dafs die Sonne durch ihre Wanderung den 
Wechsel bewirkt und die einzelnen Phasen im Naturleben 
herbeiführt, läfst sich um so leichter erkennen, je weiter die 
Bahn vor dem Auge des Beobachters sich erstreckt. Eine 
Bahn, die vier Zehntel des Gesichtskreises umspannt, ist ein- 
drucksvoller und teilbarer als eine Bahn von drei Zehnteln. 
Das Bedürfnis Sterne im Dienste der Zeitrechnung zu ver- 
wenden fehlt dem Norden von Hause aus gänzlich. Wenn 
nun also die Orientation nach Sternen dem Süden eignet, so 
fügen wir die fernere Einschränkung hinzu, dals sie überhaupt 
erst auf einer höheren Stufe der Cultur vorkommt. Soweit 
unsere Kenntnis bis jetzt reicht, werden die altaegyptischen 
Tempel nach der Sonne gerichtet, erst die Tempel des neuen 
Reichs nach Sternen (S. 59). Alles Leben auf Erden entspringt 
aus einem einzigen Urquell, folgerichtig werden die übrigen 
Gestirne in Abhängigkeit von der Sonne gedacht. Mithin mufs 
die Orientation nach Sternen denselben Zwecken dienen wie 
die solare, mufs in Beziehung stehen zur Zeitrechnung. Den 
Beweis für die Geltung dieses Satzes in Aegypten zu bringen 
bleibt der Zukunft vorbehalten. Was die hellenische Welt 
betrifft, wollen wir ihn nunmehr antreten. 

Das von Hellenen bewohnte Gebiet liegt seiner Haupt- 
masse nach zwischen 41 und 35^ N. Br., der Parallel von 
Athen 3V 58' bezeichnet den mittleren Durchschnitt. Hier 
wendet die Sonne auf ihrer jährlichen Fahrt an der Morgen- 
seite bei 238^ 46' im Sommer, bei 300^ 10' im Winter; an 
der Abendseite sind die entsprechenden Grenzen mit 121^ 14' 
und 59^ 50' beziffert. Demnach steht ein volles Drittel des 
Horizonts zur Verfügung, innerhalb dessen die Längsaxe eines 
Tempels durch den Sonnenaufgang bestimmt werden kann. 



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Hellenische Sterntempel. 125 

Nicht häufig, aber es kommt doch auch bei den Hellenen vor, 
dafs wie bei Aegyptern und Italikern die Queraxe nach der 
Sonne orientirt ist. Für derartige Fälle ist ein zweites Drittel 
anzuweisen. Endlich bleibt vom Gesichtskreis ein letztes 
Drittel übrig, wo jede Bezugnahme auf die Sonne ausgeschlossen 
ist. Diesem letzten Drittel gehört etwa ein Zehntel der bis- 
her gemessenen griechischen Tempel, darunter sehr alte und 
sehr berühmte an. Penrose hat mit ihnen nichts anzufangen 
gewulst. Die Fesseln der üeberlieferung drückten ihn nicht, 
aber die Erwägung hätte ihn stutzig machen können, dafs 
vom Urheber einer Regel zugleich die Erklärung der Ausnahmen 
verlangt wird. Uns ist der Weg durch die bisherigen Erörte- 
rungen gewiesen. 

Die überwiegende Mehrzahl der hellenischen Tempel 
schaut der aufgehenden Sonne entgegen. Durchmustert man 
die Liste (sie steht am Ende des nächsten Kapitels), so wird 
man durch die Tatsache überrascht, dals kein einziger auf die 
Wenden Bezug nimmt. Mit aller sonstiger Erfahrung, mit dem 
was wir von der Orientation in Amerika Aegypten Britannien 
Italien sowie der Christenheit wissen, ergibt sich ein seltsamer 
Widerspruch. Jedoch nur ein scheinbarer. Als die Hellenen 
begannen den Göttern Tempel zu errichten, hatten sie bereits 
in Erfahrung gebracht, dafs Fixsterne zur Bestimmung der 
Jahreszeiten verwandt werden können. Dieses Mittels haben 
sie sich bedient um die Endpuncte der Sonnenbahn durch 
Tempelaxen festzuhalten. Es ist nach Aeschylos ein Geschenk 
des Prometheus, dem die Sterblichen alle Elemente der Ge- 
sittung verdanken, v. 454 fg.: 

fjV b' OUb^V aUTOl^ bÖT€ X^lMCtTO^ T^KjLiap 

oöt' dveej^uübou^ fjpo^ oöxe Kapirijaou 
Gepou^ ß^ßaiov, dXX' äxep Tvu>)iir|^ tö ttcIv 
^Ttpaaaov, Ig t€ brj acpiv dvxoXcK; i^(x) 
aaxpujv IbeiHa xdq xe bucJKpiTou^ biicreiq. 
In Wahrheit sind die Anfänge der Astronomie wie der 
übrigen Wissenschaft bei den Hellenen aus dem Morgenlande 
entlehnt. Unter den Fixsternen hat keiner die hellenische 
Theologie mehr beschäftigt als das Paar der Aibujaoi GeminL 
Beide gehören zu den hellen Sternen zweiter Gröfse: der süd- 
liche ß Geminorum besitzt die gröfsere Lichtstärke, nämlich 

Nissen, Orientation, Stud. z. Beligionsgescta. II. 2 



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126 Kapitel V. 

1,55, der nördliche a nur 1,98; herkömmlich bezeichnet in der 
Reihenfolge der Fixsterne die mindere Zahl den höheren Glanz. 
Die neuere Namengebung hätte nach dem von ihr aufgestellten 
Princip eigentlich die Buchstaben a und ß vertauschen sollen ; 
sie folgte jedoch der Wertung des Altertums, das dem nörd- 
lichen Zwilling den Vorrang zuteilt, weil er vor dem Bruder 
aufgeht, oder mythisch gesprochen der Erstgeborne ist. Jener 
heilst Kastor, dieser Pollux. Seit dem 5. Jahrhundert ist ihre 
Zuteilung an die Dioskuren aus der Litteratur nachweisbar 
und zur allgemeinen Annahme gelangt. Aber dafs sie von 
Hause aus an verechiedenen Orten mit ganz anderen Götter- 
namen belegt wurden, zeigt die folgende Uebersicht: 

Mann und Weib, bezw. Jüngling und Mädchen, Tierkreis 

von Dendera und mittelalterliehe Darstellungen Boll, 

Sphaera (Leipzig 1903) p. 235. 
Grofse Götter von Samothrake, Nigidius Schol. zu Germ. 

Arat. 146; verschiedenen Ges.chlechts Varro LL V. 57. 
Apoll und Herakles, Varro RR. II 1, 7 Manilius IV 756 

Hygin II 22 Serv. V. Aen. XI 259 Ptol. Tetrabiblos 

I 9 nebst vier astrologischen Texten bei Boll p. 122 fg. 
Amphion und Zethos, Schol. zu Germ. Arat. 146. 
Theseus und Herakles, Schol. zu Germ. Arat. p. 69 

Breysig Ampelius 1. mem. 2, 3. 
Triptolemos und Jasion, Hygin fab. p. 38, 4 vgl. Boll 

p. 123 A. 
Ptolemaeos hat in seinen cpdaei? dirXavuJv daxepujv xm auva- 
fujfi] dTTianiLict^iiJ^v die Auf- und Untergänge von 30 Fixsternen 
für 5 verschiedene Breiten berechnet und aus den älteren 
Kalendern von Meton ab bis auf Caesar und die Aegypter 
den Witterungswechsel beigefügt, der nach der Meinung der 
Alten mit dem Erscheinen der Sterne verbunden war. Einen 
philologisch gereinigten Text verdanken wir Wachsmuth (Calen- 
daria Graeca omnia im Anhang zu Lydus de ostentis^ Leip- 
zig 1863). Die sachliche Verwendbarkeit ist gewährleistet 
durch Ideler (Abb. d. Berl. Ak. 1816/17 p. 163 fg.), der sämt- 
liche 580 Ansätze nachgerechnet und wo nötig verbessert hat. 
Ich gebe zunächst eine Uebersicht über die jährlichen Auf- 
und Untergänge der Zwillinge, die deren periodisches Erscheinen 
und Verschwinden in der Morgen- und Abenddämmerung be- 



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Hellenische Sterntempel. 127 

zeichnen, nach den Daten des Ptolemaeos. Das abweichende 
Ergebnis Idelers ist in Klammer beigefügt. 

Frühuntergang nach der Winterwende Tage unter 
230 51' 30« 22' 36« 40« 56' 45« 1' 

a 6 (8) 9 (10) 12 (13) 15 (17) 20 (21) 
ß 8 (9) 10 (11) 12 (13) 15 (16) 18 (19) 

Spätaufgang vor der Winterwende Tage unter 
23« 51' 30« 22' 36« 40« 56' 45« 1' 

a 21 (22) 24 (25) 28 33 39 

ß 15 (17) 17 (19) 19 (21) 22 (24) 26 (27) 

Frühaufgang nach der Sommerwende Tage unter 
23« 51' 30« 22' 36« 40« 56' 45« 1' 

<x 5 (4) 5 (4) (4) 7 (5) 8 (6) 

ß (10) (10) 11 13 (12) 16 (13) 

Spätuntergang vor der Sommerwende Tage unter 
23« 51' 30« 22' 36« 40« 56' 45« 1' 
a 21 (18) 20 (18) 19 (18) 18 17 (19) 

ß 17 18 19 (18) 20 (19) 21 (20) 

ünsichtbarkeit im Winter Tage unter 
23« 51' 30« 22' 36« 40« 56' 45« 1' 

a 27 (30). 33 (35) 40 (41) 48 (50) 59 (60) 
ß 23 (26) 27 (30) 31 (34) 37 (40) 44 (46) 

ünsichtbarkeit im Sommer Tage unter 

23« 51' 30« 22' 36« 40« 56' 45« 1' 

a 26 (2>) 25 (22) 23 (22) 25 (23) 25 

ß 27 28 30 (29) 33 (31) 37 (33) 

Die Zwillinge erleichterten durch ihr paarweises Auftreten 

die Beobachtung, insofern der lichtstärkere gewisser Mafsen 

vom Bruder angemeldet wurde. Sie gingen an verschiedenen 

Tagen auf, aber am selben Tage unter. Für die Hellenen 

gewannen sie eine besondere Bedeutung durch ihr Verhältnis 

zu den Wenden. Die Ansätze des Ptolemaeos gelten für 138 fg. 

n. Chr., das Jahr in welchem er schrieb (Wachsmuth proleg. 

p. 48). Nun aber bleibt der Sternhimmel in Folge der sog. 

Praecession der Nachtgleichen rund alle 70 Jahr um einen 

Tag hinter der Sonne zurück. Wenn also die Zwillinge zur 

Zeit des Ptolemaeos unter 36« dem Parallel von Rhodos 13, 



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128 Kapitel V. 

unter 4P am Hellespont 16 Tage nach der Winterwende in 
der Morgendämmerung verschwanden, so fiel diese Erscheinung 
800 T. Chr. unter 36«, 1000 v. Chr. unter 41« mit der Wende 
zusammen. Femer ist zu beachten, dals der Eintritt der Wende 
bis auf Tag und Stunde nur mit vollkommenen Instrumenten 
und von einer vorgeschrittenen Forschung gefunden werden 
kann. Noch Meton (Ideler Handb. I 326 A. 2) und Eudoxos 
(Mommsen Rom. Chron. 64 A.) lassen die Wende sich über 
3 Tage erstrecken. In älterer Zeit vor Thaies darf man die 
Dauer füglich auf 10 ausdehnen; denn innerhalb dieser Frist 
ändert sich das Azimuth der Sonne nur um 8'. Mithin konnte 
das Gestirn 1200—500 in Rhodos, 1400—700 v. Chr. am 
Hellespont als Zeiger für Anfang und Ende des Kreislaufes 
der Natur dienenr Nachdem es für diesen Zweck untauglich 
geworden war, brachte alsbald in einer jüngeren Periode seine 
Stellung zur Sommerwende ihm neue Ehren ein. Der Früh- 
aufgang von ß trifft auf sie am Hellespont 800, in Rhodos 
700 V. Chr., der Frühaufgang von a 300 und 200 v. Chr. 
Im Volksbewufstsein sind beide so eng mit der Sommerwende 
verbunden, dafs Eudoxos und ihm folgend Aratos sie in den 
Wendekreis verlegen. In Wirklichkeit, bemerkt Hipparch in 
seinem Commentar I 10, liegt ß 6^ und a nahezu 10® nörd- 
licher. Man ersieht, wie langsam die wissenschaftliche Astro- 
nomie von der Praxis sich losgelöst hat. Man ersieht ferner, 
dafs die Zwillinge durch anderthalb Jahrtausende der helle- 
nischen Zeitrechnung Hilfe und Beistand leisten konnten. Mit 
dem Wechsel der Erscheinungen hat auch die mythische Ein- 
kleidung gewechselt. In der gemäfsigten Zone wird der winter- 
liche Einschnitt im Naturleben tiefer empfunden als der sommer- 
liche, die ansteigende Bahn der Sonne freudiger begrüfst als 
die absteigende. Deshalb werden die beiden Sterne ursprüng- 
lich machtvollen Göttern, Apoll und Herakles zugeschrieben. 
Später als Sommergötter heifsen sie Dioskuren, sind Patrone 
der Seefahrer und Ritter. Des Weiteren ersieht man, dafs 
vom antiken Standpunct aus gesprochen, die Zwillinge nordische 
Gottheiten sind. Unter niedrigen Breiten, in Aegypten und 
Babylon treten sie spät, als die einheimische Cultur schon ab- 
geblüht hatte, mit den Wenden in Berührung. Hier wurden 
sie einem Zeichen des Tierkreises eingefügt, das seitdem ihren 



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Hellenische Sterntempel. 129 

Namen führt. Die vorgetragene Anffassang, vor zwanzig Jahren 
bereits gestreift, läfst sich mit dem mittlerweile hinzugekommenen 
Material bündig beweisen. Während aber rohe Schätzungen 
genügten um den allgemeinen Hergang zu veranschaulichen, 
mufs der Beweis mit den Mitteln moderner Forschung geliefert 
werden. Zu dem Behuf entnehme ich aus Danckwortt eine 
Tabelle über die frühere Lage der Zwillinge zum Aequator: 
AR Rectascension bedeutet die östliche Entfernung vom Früh- 
lingspunct, D Declination die nördliche (+) oder südliche (— ) 
Abweichung vom Aeqnator. Die Secunden sind fortgelassen 
bezw. auf Minuten abgerundet. 

a Geminorum 
AR D 

+28» 40^ 
31 43 

31 57 

32 10 
32 22 
32 34 
32 44 

32 53 

33 2 
33 9 
33 16 
33 21 
33 26 
33 30 
33 32 
33 34 
33 35 
33 24 
32 50 
32 19 

§ 1. Thera. 
In den drei stattlichen Bänden in denen Freiherr Hiller 
v. Gärtringen die Ergebnisse seiner langjährigen Forschungen 
über Thera niedergelegt hat (Berlin 1899—1903), ist an einer 



-2000 


49055' 


1000 


65 9 


900 


66 44 


800 


68 18 


700 


69 54 


600 


71 29 


500 


73 5 


400 


74 41 


300 


76 18 


200 


77 55 


- 100 


79 32 





81 9 


+ 100 


82 47 


200 


84 25 


300 


86 3 


400 


87 41 


500 


89 19 


1000 


97 29 


1500 


105 37 


+ 1800 


110 27 



ß Geminorum 


AR 


D 


54» 36' 


+26" 17' 


69 33 


28 56 


71 5 


29 7 


72 38 


29 17 


74 10 


29 27 


75 43 


29 35 


77 16 


29 43 


78 50 


29 50 


80 24 


29 56 


81 57 


30 1 


83 31 


30 5 


85 6 


30 8 


86 40 


30 11 


88 14 


30 12 


89 49 


30 12 


91 23 


30 12 


92 58 


30 10 


100 50 


29 49 


108 38 


29 6 


113 16 


28 30 



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130 Kapitel V. 

Stelle von Orientirimg die Rede. Es handelt sich um den 
Tempel des Apollon Karneios, der an einen Felsrttcken gelehnt, 
hoch und frei über das Meer blickt. In Betreff der Anlage 
wird gesagt III 64: „die Stützmauer besteht aus mächtigen 
Blöcken, besonders an der Nordecke ; orientirt ist die Axe fast 
genau nach Südost, mit einer Abweichung nach Nord von nur 
2 Grad. In dieser Richtung mufs eine Absicht gesucht werden ; 
denn sie war nur durch mühsame Terrassirung zu erreichen. 
Doch kommt es mir nicht bei die Geheimnisse der Orientirungs- 
theorien ergründen zu wollen." Die Unbefangenheit mit der 
es vorgetragen wird, erhöht den Wert des Zeugnisses. Freilich 
irrt V. Hiller. hinsichtlich der Weltgegend: die Axe weicht 
nicht wie er sagt 2^ nach Norden, sondern nach Ausweis des 
von Architekt Wilberg herrührenden Grundrisses I 277 2^ nach 
Süden vom Südostpunct ab. Der Tempel liegt also 

317«. 
Und nun zur Enthüllung der angeblichen Geheimnisse. Von 
Orientimngstheorien zu reden trifft eigentlich nicht zu: über 
die Theorie sind die bisherigen Bearbeiter einig und gehen 
nur hinsichtlich der Anwendung aus einander. Die Grund- 
maxime lautet, dafs die Tempelaxe im Längs- oder Querschnitt 
nach dem Aufgang oder Untergang der Sonne oder eines her- 
vorragenden Fixsterns gerichtet sei. In unserem Falle ist eine 
Bezugnahme auf den Untergang durch die Lage am Berg aus- 
geschlossen. Desgleichen bleibt die Sonne aufser Betracht, 
weil diese bei 300® den südlichen Endpunct ihrer Bahn erreicht. 
Demnach kommt allein ein Sternaufgang in Frage. Wäre der 
Tempel in der Längsaxe nach solchem gerichtet, so müfste 
der Stern ungefähr 36« südlich vom Aequator gesucht werden. 
Allein dem Apoll geweihte südliche Sterne sind nicht bekannt ; 
an solche zu denken widerrät auch die bauliche Anlage, da 
der Eingang an der westlichen Langseite liegt. Also ist der 
Tempel von Thera, ebenso wie die von Delphi (?) Phigalia 
Samothrake, im Querschnitt orientirt. Der einzige nördliche 
Stern der zu Apoll Beziehungen hat, ist a Geminorum nicht, 
wohl aber der bekannteste. Die Rechnung beweist mit voller 
Sicherheit, dafs die Beobachtung seines Aufgangs jenen von 
V. Hiller betonten Kraftaufwand veranlafst hat. Das Aufgangs- 
azimuth (A) hängt ab von der geographischen Breite des Ortes 



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Hellenische Sterntempel. 131 

(9) und der Declination des Sterns (b). Von diesen dreiFac- 
toren ist der sicherste 9 = 36® 22' (die Secunden unberück- 
sichtigt). Dem Vorschlag v. Hiller's III 69 den Tempel 600 
V. Chr. anzusetzen folgend nehmen wir b=32®34'; je nach- 
dem die Gründung auf- oder abwärts verschoben wird, ist die 
Zahl nach der Tabelle S. 129 zu vermindern oder zu erhöhen. 
Am Unsichersten scheint A = 180 + 47®, weil die Minuten ver- 
nachlässigt sind. Suchen wir den letzten Factor aus den beiden 

anderen zu ermitteln, so gilt die Formel cos A = aus- 

' ° cos 9 

gerechnet 

9,73101 -9,90542=9,82509=480 3'. 
Dies ist das wahre Azimuth, das scheinbare (wie es sich dem 
Auge wegen der Strahlenbrechung im Horizont darstellt) 
47*^ 28'. Dem gegenüber ist die Messung bei v. Hiller 28'' zu 
klein. Der Fehler verringert sich um 13^, wenn die Gründung 
500 angenommen wird, und verschwindet um 400 v. Chr. Diesen 
Weg dürfen wir nicht betreten, sondern eher die Gründung 
nach oben rücken. Denn der Standort des Beobachters 320 m 
über der Meeresfläche ergibt eine Kimmtiefe von 35^, die das 
scheinbare Azimuth reducirt auf 46^ 53^ Somit treffen Messung 
und Eechnung nahe zusammen. — Immerhin ist die Frage 
aufzuwerfen, welches Mafs von Genauigkeit bei der Richtung 
ihrer Tempel von den Alten eingehalten werden konnte. Wo 
er die Berechnung der heliakischen Aufgänge auseinandersetzt, 
weist Ptolemaeos Synt. liaath. VIII 6 p. 203 Heiberg auf die 
grofse Unsicherheit hin, dafs der Stern an dem berechneten 
Tage wirklich wahrgenommen werde. Dem stehe nach seiner 
eigenen Erfahrung entgegen: erstlich die Dunstschicht am 
Horizont; zweitens die optische Schwierigkeit für das Auge 
den Moment des Erscheinens zu erfassen. Nouet der Astronom 
der Expedition Bonaparte's sagt aus, dafs Aufgänge von Sternen 
2. und 3. Gröfse nie, selbst in den hellsten Nächten nicht ge- 
sehen wurden. Lockyer p. 122 bemerkt: it must not he ima 
gined that even in Egypt all stars can be observed the moment 
ihey are above the horizon. In the morning especially there 
are mists, so that all but the brightest stars are often in- 
msible tili they are P or 2^ high. Für Griechenland nimmt 
Penrose p. 818 an, dafs aufser Sirius alle übrigen Sterne 



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132 Kapitel V. 

heliakisch (in derselben Richtung wie die Sonne auf- oder 
untergehend) für gewöhnlich nur bei einem Winkel von 3^ über 
dem wahren Horizont erblickt werden konnten. Dies wird für 
die Sterne 3. Gröfse für die Penrose eine unberechtigte Vor- 
liebe zeigt, aber nicht für die 30 Fundamentalsterne des Ptole- 
maeos zutreflFen. Auch wechselt die Klarheit der Luft in den 
einzelnen Teilen des Landes, Attika steht darin kaum hinter 
ünteraegypten zurück (Neumann-Partsch, Phys. Geogr. v. 
Griechenland p. 25). Penrose selbst hat Rigel (0,82) unter un- 
günstigen Bedingungen bei 2® 40^ heliakisch erblickt und räumt 
ein : these observations by no means show the limiting angles 
of visibility of heliacal stars by younger eyes looking from 
a darkened Chamber through a narrow opening and towards 
points in the horizon where it toould be known that the stars 
must rise. In der Tat mufs es als sicher gelten, dafs die 
Beobachtung im dunkeln Raum statt fand (Ideler I 326); 
die beiden am hinteren Teil des Tempels im Felsen aus- 
gehauenen Kammern mögen von den Priestern Thera's für 
diesen Zweck verwandt worden sein. Ferner kam es beim 
Frühaufgang nicht darauf an, ob der Stern am Horizont oder 
einige Grade drüber gesehen wurde; es kam darauf an fest- 
zustellen, wann der Stern nach längerem Verschwinden zum 
ersten Mal wieder auftauchte. Eine hundertjährige Verehrung 
war vorausgegangen, tausendfach hatte man in mondloser Nacht 
nach dem Aufgang des göttlichen Boten ausgespäht, bevor die 
Richtung am Boden festgehalten und auf die Tempelaxe über- 
tragen ward. Alles in Allem wird der etwaige Fehler eher 
der modernen als der antiken Messung zur Last fallen. 
Das läfst sich nur durch subtile Untersuchungen am Ort ent- 
scheiden. 

Der erörterte Gegenstand entbehrt nicht der geschicht- 
lichen Bedeutung. Der Tempel stammt aus einer Zeit als der 
Frühaufgang von a Geminorum mit dem Beginn der Sommer- 
wende zusammen fiel (S. 128). Der Gott des Sterns heifst 
Apollon und bleibt es in der Wissenschaf t (S. 126). Aber die 
volkstümliche Benennung der Zwillinge als Dioskuren kündet 
sich in Thera schon vorher an: die um 700 v. Chr. angesetzte 
Felsinschrift CIGr. XII 359 bietet das älteste Zeugnis ihres 
Vorkommens. — Die Arbeiten v. Hillers haben noch weitere 



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Hellenische Sterntempel. 133 

Tempel und alte Kirchen ans Licht gefördert. Selbstverständ- 
lich sind die Axen mit annähernder Genauigkeit bestimmt 
worden. Aus den Zahlen könnte man viel lernen. Sie aus 
dem Plan herauszufischen ist unter allen Umständen mifslich, 
bei dessen Einrichtung unmöglich. Denj Text eingefügt hätten 
sie eine, höchstens zwei Zeilen gefüllt. Die Sätze mit denen 
ich vor zwanzig Jahren von der Verfolgung dieser Studien im 
Rheinischen Museum Abschied nahm, treffen auch heute zu: 
„ich will diese Betrachtungen nicht weiter ausspinnen. Es 
kommt darauf an das Material zu sammeln. Die Töpfer und 
Steinmetzen des Altertums erfreuen sich von Seiten der monu- 
mentalen Forschung einer Rücksichtnahme, die seinen Weisen 
beharrlich versagt wird. Demokrit rühmte sich in der Schärfe 
der Himmelsbeobachtung die Harpedonapten erreicht zu haben. 
Auf Leute seines Schlages, auf die Träger der antiken Wissen- 
schaft gehen die Orientirungen der Tempel zurück. Ihre Deu- 
tung wird wohl erst der Zukunft vollständig gelingen, aber 
manche unmittelbar in die Augen springende Ergebnisse be- 
rechtigen wie ich hoffe diese Mitteilungen, den Raum einer 
philologischen Zeitschrift von neuem in Anspruch zu nehmen." 

§ 2. Didyma. 
In jüngerer Zeit ist der Versuch gemacht worden das 
Orakel bei Milet zu einer delphischen Filiale zu stempeln. 
Darüber braucht kein Wort verloren zu werden, die bessere 
Tradition setzt es vor Ankunft der Jonier (Herod. I 157 Paus. 
VII 2, 6). Den Namen BpaTxi^ai führt es noch durchaus bei 
Herodot (I 46. 92. 157—59 II 159 V 36); er wird verdrängt 
durch AibufLia, das zuerst in einem Spruch des 5. Jahrhunderts 
begegnet (Herod. VI 19). Die Priesterschaft der Branchiden 
hatte die Tempelschätze an Xerxes ausgeliefert und war vom 
König im fernen Osten angesiedelt worden, um sie vor dem 
Hafs der Milesier zu schützen; derart blieben die Schuldigen 
straflos, die Nachkommen jedoch liefs Alexander den Verrat 
büfsen. Folgerichtig erlischt mit dem Abzug der Branchiden 
auch ihr Name an der geweihten Stätte und wird durch den 
der hier verehrten Gottheit ersetzt. Allerdings wird bei Pauly- 
Wissowa V 1, 437 Didyma für karisch erklärt. Wäre die 
Behauptung richtig, so würden die vielen Zwillingsinseln -berge 



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134 Kapitel V. 

-burgeil, -fltisse die bei griechischen Schriftstellern vorkommen, 
zu dem Schlufs nötigen, dafs die karische im Mittelmeer all- 
gemeine Verkehrsprache gewesen sei. Indem wir bei der An- 
nahme verharren dafs die Griechen griechisch redeten, erhebt 
sich die Frage warum ihnen das Heiligtum Zwillingshausen 
hiefs. Die dem Lukian beigelegte Schrift über Astrologie 
bringt die Prophetie in Beziehung zu den Gestiraen und gibt 
§ 23 die Antwort : Kai iv Aibu|Lioicri bk inaviriiov xoO 'AttöXXuü- 
voq, i[xo\ boKeei, Kai toOto ^k ti&v T^epiujv Aibu|uujv övoiudZüexai. 
Die Richtigkeit der Aussage läfst sich beweisen. 

Nach seiner Zerstörung durch die Perser erhob sich das 
Heiligtum unter Seleukos I zu neuem Glanz. Der Bau eines 
Tempels ward in Angriff genommen, der an umfang (60 X 119,4 m) 
dem Kölner Dom wenig nachsteht, freilich nie zur Vollendung 
gelangte. Was ihm vorausging, der Tempel den Kroesos mit 
Weihgeschenken schmückte, davor vermutlich ein säulenloser 
Hof und am Anfang eine kleine Kapelle — die verschiedenen 
Schichten und ihr relatives Alter werden, so weit dies noch 
möglich ist, durch die von Wiegand geleiteten deutschen Aus- 
grabungen Aufklärung finden. Bei dem augenblicklichen 
Stand der Dinge ist bis zum Beweise des Gegenteils theoretisch 
die Annahme geboten, dafs der Wechsel der Zeiten an der 
einmal festgestellten Axenrichtung nicht gerüttelt hat. Haupt- 
mann V. Marees bestimmte solche im Herbst 1906 zu 60® 40' 
Ost vom Magnetischen Nordpunct und betrachtete auf Grund 
des Materials der deutschen Seewarte 4® 15' Abweichung der 
Nadel nach West als den mittleren für die Gegend von Milet 
und Didyma geltenden Wert. Wenn wir demgemäfs den 
Tempel zu 

236« 25' 
ansetzen, so kann diese Zahl bis P ungenau sein. In einem 
so zerklüfteten erdbebenreichen Lande wie das griechische 
ist, hat jedes qkm, um eine briefliche Aeufserung Prof. Wilski's 
in Freiberg zu brauchen, seine eigene Declination. Dies Urteil 
stimmt völlig mit den Erfahrungen Penrose's (S. 118) überein. 
Was das hier behandelte Gebiet betrifft, so hatte v. Marees 
im Latmosgebirg bei Kyrpalan 4® 50^ W. und bei Milet am 
Stationshause 3^ 30^ W. festgestellt. Für seine Karte hat 
Wilski eine Bestimmung gemacht, über die er mir Folgendes 



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ä 



Hellenische Sterntempel. ld& 

schreibt : „endlich bin ich in der Lage Ihnen den endgültigen 
Wert der von mir ermittelten Declination mitzuteilen. Mein 
Theodolit hatte einen Orientirungsfehler von 47^ in dem Sinne, 
dafs er die Declination um diesen Betrag zu klein anzeigte. 
Die Declination betrug daher in dem Sumpfe Schemschi batan 
asmagi [nahe bei Milet, E4 der Karte] am 19. October 1899: 
30 40^ + 47' = 40 27^. Diesen Wert von 47^ für den Orien- 
tirungsfehler habe ich mit Hülfe Gaufs'scher Collimatoren und 
des Schmidt-Hildebrand'schen Spiegeldeclinatoriums festgestellt. 
Auch habe ich die Bestimmung von Studirenden der Berg- 
akademie mehrmals unabhängig wiederholen lassen. Dabei 
zeigte sich, dafs der Wert auf etwa 2^ genau anzusehen ist." 
Von der täglichen Schwankung der Nadel, der Möglichkeit 
aufserordentlicher magnetischer Störungen rede ich nicht. — 
Die obige Ziffer 236^ 25^ als richtig angenommen drückt da& 
scheinbare Azimuth des Sterns aus, das auf den wahren oder 
Seehorizont zurückzuführen ist. Ich weifs nicht ob örtliche 
Hindernisse den Ausblick nach Osten, der hier allein in Be- 
tracht kommt, und damit die Bestimmung des Höhenwinkels 
erschweren. Wenn der Beschauer in der Richtungsaxe des 
Tempels stehend die Höhen am Horizont unter einem Winkel 
von 1® sieht, so ist das wahre Azimuth 36^ kleiner als das 
scheinbare; bei einem Winkel von 2® wird es 1^42' kleiner^ 
bei einem Winkel von 3® wird es 2® 46^ kleiner. Aus der 
Karte erhellt dafs der Horizont von Bergen begrenzt wird; 
aber der Gesichtswinkel läfst sich nicht durch Schätzung, 
sondern nur durch Messung an Ort und Stelle ermitteln. Fassen 
wir die ganze Erörterung zusammen, so kann mit Rücksicht 
auf die Unsicherheit der Messung, ferner auf Refraction und 
Höhenwinkel das Aufgangsazimuth des Sterns nach dem der 
Tempel gerichtet ist, nicht genauer in Rechnung gesetzt 
werden als 

233— 236«. 
Didyma liegt 37^ 23^ n. Br. Die Sonne geht dort im wahren 
Horizont am längsten Tage auf: 1000 v. Chr. unter 239« 27', 
300 V. Chr. unter 239^34' (b = 23» 49' bezw. 23^440. Mithin 
kommt die Sonne nicht in Betracht. Wir entsinnen uns aber 
der Aussage Hipparchs, dass ß Geminorum 6® nördlich vom 
Wendekreis stehe (S. 128). Die heutigen Werte für die Decli- 



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136 Kapitel V. 

nation früherer Zeiten ergeben nach der Formel cos A = 

cos q> 

als Aufgangsazimuth : 

300 v.Chr. 23P 6' 

1000 232 30 

1500 234 6 

2000 236 8 

Darnach läfst sich, so wenig auch das Material strengeren 
Ansprüchen genügt, mit voller Sicherheit behaupten, dafs die 
Stiftung des Heiligtums ins 2. Jahrtausend hinauf reicht. 
Schärfer läfst sich der Zeitpunct vorläufig nicht umgrenzen. 
Es hat auch keinen Sinn Erwägungen über die Sichtbarkeit 
des Sterns und Beobachtungsfehler der Alten an die ich nicht 
glaube (S. 132), anzustellen. Das gewonnene Resultat stimmt 
aufs Beste zur Ueberlieferung über das hohe Alter des Heilig- 
tums. Wie dessen ursprünglicher Inhaber hiefs, wissen wir 
nicht. Die hellenische Astrologie teilt meistens a Geminorum 
dem Apollon, ß dem Herakles zu (S. 126). Der Streit beider 
Götter um den Dreifufs mit der nachfolgenden Versöhnung 
drückt in mythischer Sprache die Tatsache aus, dafs Orakel- 
stätten die gleich Didyma nach ß orientirt sind, von Hause 
aus nicht dem Apollon angehören. 

§ 3. Lagina. 

Im karischen Bergland bei Stratonikeia befindet sich ein 
Gegenstück zu dem eben besprochenen Tempel. Strabo XIV 660 
bemerkt: Jan b'lv trji x^P9 tujv ZpaxoviK^wv biio iiEpd, dv \ikv 
AttTivoiq TÖ Tfi^ 'EKdiTiq iTTiqpav^cyTaTOv iraviiTvipeiq |i€TdXa? 
<TuvdTOv Ktti' dvmuTÖv. Tacitus Ann. III 62 erwähnt unter 
Tiberius' Eegierung, dafs der Senat über das Asylrecht des 
Tempels verhandelte. Der Name begegnet endlich noch im 
Wörterbuch des Stephanos von Byzanz. Das Schweigen der 
Litteratur, mit den Nachrichten über Didyma verglichen, wird 
durch die abgeschiedene Lage erklärt. Zahlreiche Inschriften 
klären uns über die Einrichtung und die jüngere Geschichte 
des Heiligtums auf (Gruppe Griech. Myth. p. 236). Sein Alter 
ist vermutlich ein hohes; indefs fehlt die monumentale Gewähr, 
da die von Benndorf geplante Ausgrabung unterblieben ist. 
Mein verstorbener Freund sandte mir 1883 eine Messung, die 



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Hellenische Sterntempel. 137 

Architekt Niemann bei ihrer zwei Jahre zuvor fallenden An- 
wesenheit genommen hatte. Rechnen wir für 1881 die Decli- 

nation zu 6^, so liegt der Tempel 

1440 

während 6. Hirschfeld der mir auch sein Material zur Ver- 
fügung gestellt, 147® gefunden hatte, freilich selbst (mit den 
Worten „doch bin ich nicht ganz sicher, jetzt wohl genau 
durch Benndorf zu erfahren**) an der Verläfslichkeit zweifelte. 
Endlich ist der Höhenwinkel unbekannt. Von der Ortsforschung^ 
hängt daher die Entscheidung darüber ab, ob die Längsaxe 
nach dem Untergang oder die Queraxe nach dem Aufgang^ 
gerichtet sei. Im üebrigen ist das Azimuth des Tempels nebst 
der geographischen Breite (qp = 37® 2(y) nahezu das gleiche 
wie in Didyma. Mithin hat ß Geminorum in Lagina die 
Orientation bestimmt. Wir wissen nicht, welche einheimische 
Göttin von den Hellenen Hekate getauft worden ist. In der 
hellenischen Astrologie sind beide Zwillinge, so verschiede» 
ihre Namen auch lauten, männlichen Geschlechts (S. 126). 
Aber bei den Aegyptern und in Samothrake ist der eine 
weiblich. Es wäre müssig zu fragen, wie der nämliche Stern 
als Sinnbild eines Gottes in Didyma und einer Göttin in Lagina 
hat dienen können: die Theologie sowohl der alten Karer als 
ihrer mutmafslichen Lehrmeister ist für uns, vielleicht auf 
immer, verschollen. 

§ 4. Samothrake. 

Nach der Schlacht bei Salamis, erzählt Herodot VIII 122,, 
verlangte der delphische Gott von den Aegineten seinen Lohn, 
und sie weihten ihm drei goldene Sterne auf ehernem Mast. 
Ansprechend bemerkt Stein zu der Stelle, man habe einen 
gröfseren Stern auf dem Top des Mastes und zwei kleinere an 
den Enden einer £aa zu denken. Indessen müssen wir uns^ 
dabei vergegenwärtigen, dafs die Alten nur sog. lateinische 
Segel kannten, deren £aa nicht in der Mitte am Mäste hängt, 
sondern mit ihrem langen Ende etwa dreimal so weit hinaus- 
ragt als mit ihrem Vorderende. Ein Sternbild, wie Stein im 
Sinne gehabt zu haben scheint, kommt in der Verehrung der 
Hellenen nicht vor. Setzen wir die richtige Vorstellung eines^ 



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138 Kapitel V. 

antiken Mastes mit seiner Kaa dafür ein, so verhalten sich die 
drei Sterne des aeginetischen Weihgeschenks zu einander w^ie 
die Zwillinge zum Sirius am Himmel. Der Aufgang der beiden 
Zwillinge kündigte, den Hellenen, dafs die Sonne an das Ziel 
ihrer jährlichen Bahn gelangt sei, mit dem Aufgang des Sirius 
begannen die Etesien zu wehen: an beide Erscheinungen 
knüpften die Kalender einen Wechsel der Witterung an. — 
Als Lysander zum üeberfall von Aegospotamoi aussegelte, 
«tanden die Zwillingsterne in der Morgendämmening zu beiden 
Seiten seines Schiffs (Plut. Lys. 12, 1). Zum Dank weihte 
^r den Dioskuren goldne Sterne in Delphi, die vor der Nieder- 
lage bei Leuktra wieder verschwanden (Plut. 18, 1 Cic. de Div. 
I 75). Dies Wunder hat sich in den thrakischen Gewässern 
zugetragen, wo die Kabiren zu Hause waren. — Herodot II 51 
bezeugt bereits die allgemeine Bekanntschaft der Weihen von 
Samothrake; in der hellenistischen Epoche werden Kabiren 
und Dioskuren oftmals als gleichbedeutend bezeichnet (z. B. 
Plut. Aem. Paul. 23, 6 flieht König Perseus als Schutzflehender 
^m Touq AiocJKOupouq). In den Zwillingen erblickten die Alten 
ein freundliches hülf reiches Gestirn. Das Pantheon umschlofs 
mancherlei Götterpaare, welche in ihnen verkörpert gedacht 
iverden konnten. Man rief sie an als Apollon und Herakles, 
Herakles und Theseus, Amphion und Zethos, in historischer 
Zeit am häufigsten mit dem Namen Kastor und PoUux, der 
auch bei uns in Gellung verblieben ist (S. 126). Das dem Sinn 
nach klare, im Wortlaut kaum herzustellende Scholion zu Germ. 
Arat. 146 besagt: Nigidius deos Samothracas quorum argu- 
mentum nefüH sit enumerare praeter* eos qui mysteriis [codd. 
ministeriis] praesunt, item dicit Castorem et Pollucem Tyn- 
daridas Geminorum honore decoratos, quod hi principes 
dicantur mare tuium a praedonibus maleficiisque pacatum 
reddidisse. Nigidius erklärt also die Zwillinge für die Götter 
von Samothrake, deren Wesen nur den Eingeweihten kuod 
getan werde, die Dioskuren seien wegen ihrer Verdienste zur 
See an die Stelle gerückt. An Nachrichten über den Gegen- 
stand gebricht es nicht, ihre Erörterung füllt in Lobecks 
Aglaophamus 240 Seiten, nach einem leitenden Faden schaut 
man in diesem Labyrinth sehnsüchtig aus. Die Cultstätten, 
welche durch zwei auf Conze's Anregung hin unternommene 



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Hellenische Sterntempel. 139 

österreichische Expeditionen aufgedeckt worden sind, bieten 
einige Aufschlüsse'). 

Die Heiligtümer liegen oberhalb eines Bachbettes etwa 
500 m von der Küste zu Füfsen der Stadt, welche den einzigen 
günstigen Platz für eine Hafenanlage an der Nordküste der 
Insel einnimmt. Sie schauen nach Nordwest auf das Meer 
und das ferne Festland hinaus. Die Längsaxe kommt nur 
für den Untergang in Betracht, die Queraxe ist die entschei- 
dende. Gerade wie in Phigalia die aufgehende Sonne durch 
eine Seitentür das Tempelbild bescheint, sind in dem Neuen 
Tempel an der Ost- und Westseite zum gleichen Zweck Türen 
angebracht (II 29). An dem Alten Tempel läfst der zerstörte 
Zustand eine ähnliche Vorrichtung nicht erkennen. Die Axen- 
richtung ist mit Sorgfalt (vgl. I 52) gemessen worden. Die 
magnetische Declination wurde im Mai 1873 bestimmt zu 7^ 
15^ 9^^ Ich beginne mit dem ältesten Tempel. Es war ur- 
sprünglich ein bescheidenes aus einheimischen Steinen auf- 
geführtes Gebäude dorischen Stils mit bunter Bemaluug und 
metallenen Zierraten, das im 5. spätestens in der ersten Hälfte 
des 4, Jahrhunderts durch einen Neubau nach Südosten er- 
weitert wurde. Nach dieser Erweiterung mifst die Cella etwa 
27X11 ni. Nach II Tafel 2 fg. liegt 

Alter Tempel 140^ 
also aufserhalb des Sonnenaufgangs. Bei der Messung sind 
die Minuten nicht berücksichtigt; aafserdem ist die Meereshöhe 
des Tempels, wovon der Ansatz der Kimmtiefe abhängt, nicht 
angegeben. Endlich ist der Ausblick nach Norden frei; ob auch 
nach Osten, läfst sich aus dem Plan nicht mit Sicherheit ent- 
nehmen. Höhenwinkel und Refraction werden einander ungefähr 
ausgleichen. Unter solchen umständen ist die Rechnung (9 = 
40® 280 nur annähernd genau. Für den Aufgang erhält man 
b + 29^ IV: die Declination von ß Geminorum 800 v. Chr. 
(S. 129). Die Orientirung nach diesem Stern, dessen Früh- 
aufgang mit der Sommerwende zusammen fiel (S. 128), ist 
sicher; auch wird wohl das Heiligtum in der angegebenen 

1) Archaeologische Untersuchungen auf Samothrake von Conze, 
Hauser, Niemann, Wien 1875 fol. Neue archaeologische Unter- 
suchungen auf Samothrake von Conze, Hauser, Benndorf, Wien 
1880 fol. 



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140 Kapitel V. 

Epoche gegründet sein. Für den Untergang den die Längsaxe 
bezeichnet, berechnet man (unter Berücksichtigung der Re- 
fraction, aber nicht der Kimmtiefe) b + 35® 34^ Diese Gröfse 
weicht 3® von der Declination des Kastor ab und führt viel- 
mehr auf a Bootis Arktur. Letzterer hatte 

AR D 

— 1000 1790 9' +36^39' 

900 180 22 36 2 

800. 181 35 35 25 

700 182 47 34 48 

600 183 59 34 11 

500 185 11 33 34 

191 3 30 31 

+ 1800 211 38 20 14 

Es ist der dritthellste unter den griechischen Fixsternen. Er 
wird überaus häufig erwähnt: sein Frühaufgang kündete die 
Weinlese und den Beginn des Herbstes an, sein Spätuntergang 
die herbstlichen Stürme, die ihm die Beiwörter saemis vehemens 
horridus eingetragen haben (Ideler, Sternnamen 48. 300). 
Ptolemaeos setzt für 4P den 24. September als Frühaufgang 
an, den 7. November als Spätuntergang, Die Daten fallen 
zur Zeit der Gründung 13 Tage früher, können aber in Samo- 
thrake recht wohl als Grenzen des Herbstes betrachtet werden. 
Einer bestimmten Gottheit wird Arktur nicht zugeschrieben: 
vielleicht ist an Dionysos zu denken. 

Neben dem alten ist unter den Ptolemaeern, etwa inner- 
halb der Jahre 300 — 250 v. Chr. ein zweiter 34 m langer 
Tempel dorischen Stils hinzugefügt worden. Beide haben die- 
selben Opfergruben im Inneren, deren Form auf chthonischen 
Dienst hindeutet. Es kann füglich nicht bezweifelt werden, 
dafs in beiden der nämliche Götterverein verehrt wurde. Der 
Münztypus von Samothrake führt zu dem Schlufs, dafs die 
Göttermutter an seiner Spitze stand. Auch Athena begegnet 
häufig auf den Münzen. Seit dem Aufschwung, den der Cultus 
im 4. Jahrhundert nahm, ist die Priesterschaft bemüht gewesen, 
die Insel zum religiösen Mittelpunct des Mittelmeers zu erheben, 
die Hauptgötter Griechenlands, Asiens, Aegyptens, Italiens hier 
zu vereinigen. Der Wechsel der Weltlage hat in dieser Ver- 
schmelzung zum Ausdruck gelangen müssen, ältere und jüngere 



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Hellenische Sterntempel. 141 

Schichten sind in der Götterlehre von Samothrake zu scheiden. 
Herodot schreibt dem Dienst der Kabiren pelasgischen Ursprung 
zu: die Ausgrabungen haben sein hohes Alter bestätigt und 
zugleich erwiesen, dafs er von den samischen Colonisten bei 
ihrer Abkunft vorgefunden wurde (II 108). Der Name der 
Kabiren ist aus dem Semitischen entlehnt. Zwar halten Conze 
und Benndorf einen phoenikischen Ursprung des Cultus für 
höchst unwahrscheinlich und meinen: „zu Schutzmächten der 
Seefahrt sind die samothrakischen Götter offenbar erst im 
Laufe der Zeit durch ihren Inselsitz in dem von Stürmen 
besonders heimgesuchten thrakischen Meere geworden". Aber 
die Beobachtung und Verehrung der Sterne die in der Orien- 
tation des Alten Tempels zum Ausdruck gelangt, kann doch 
nicht dem thrakischen Boden entsprossen, sondern nur aus der 
Fremde verpflanzt sein. Die geringere Bewölkung des aegaei- 
schen Meeres verglichen nuit den westlichen Gebieten des 
Mittelmeers gibt einen überzeugenden Grund ab, wie an seinen 
Ufern der Sterndienst Fufs fassen konnte. Die fremde Her- 
kunft war den Alten wohl bekannt. In der Lukians Namen 
tragenden Schrift über Astrologie heilst es § 2: „die Kunde 
ist alt und nicht neuerdings zu uns gelangt, sondern das Werk 
gottgeliebter Könige. Zuerst haben die Aethiopen vermöge 
der Eeinheit ihrer Luft sie ausgebildet und an die benach- 
barten Aegypter übermittelt. Dann folgten die Libyer, den 
Hellenen verkündete Orpheus zuerst die Astrologie". In der 
Tat ist in den hellenischen Gewässern Samothrake der älteste 
Sitz der Lehre und hat einen mächtigen Einflufs namentlich 
auch auf Rom und den Westen ausgeübt. Die Zwillinge sind 
bezeugter Mafsen die Götter von Samothrake und recht eigent- 
lich Schützer der Seefahrt. Später trat die Grofse Götter- 
mutter in den Vordergrund, vermutlich durch das Vordringen 
des asiatischen Kybeledienstes veranlafst. Die Vereinigung 
derselben mit den Kabiren führte zu einer Verdoppelung der 
Cultstätten. Nach I 52 liegt der 

Neue Tempel 168». 
Die Queraxe entspricht einem Sonnenaufgang 24 Tage nach der 
Frühlings- vor der Herbstnachtgleiche, einem Untergang 25 Tage 
vor bezw. nach demselben Termin. Indessen ist der Horizont 
nicht frei, der Gesichtswinkel, gröfser als beim Alten Tempel, 

Nissen, Orientation, Stad. z. Religionsgesch. II. 3 



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142 Kapitel V. 

mag 2 — 3^ betragen. Auf die übereinstimmende Lage des 
Metroon zu Olympia sei hier schon aufmerksam gemacht. In 
Eom war der Tempel der Magna Mater am 10. April geweiht 
und wurden die Megalesien vom 4. — 10. April gefeiert. An 
beiden Orten ist der Horizont nicht frei. Unter allen Fällen 
jedoch liegen die heiligen Zeiten in Eom und Samothrake 
nahe beisammen, üebrigens ist auch dieser Tempel nach dena 
Aufgang eines Sterns erster Gröfse (1,1) 6 Xainirpö^ tuiv Tdbuiv a 
Tauri gerichtet. Die Rechnung mit qp = 40^ 28^ A = 78^ 
ergibt b = + 9® 6^ für die Queraxe; für den Untergang der 
Langaxe, für den ich keinen passenden Stern finde, + 48® 5'. 
Die Declination von a Tauri betrug 

— 300 + 8« 55^ 24'' 

— 200 9 21 53. 

Hinsichtlich der Schärfe aber des Zusammentreffens gilt das 
oben Gesagte. Ueberhaupt müfsten feinere Messungen vor- 
liegen, um chronologische Schlüsse aus dieser Betrachtungs- 
weise zu gestatten. Aber die Beziehung des Stiers am Himmel 
zu unserm Heiligtum ist klar, nicht minder die bunt schillernde 
Bedeutung des bald als lo tragenden Stiers, bald als Kuh 
gefafsten Gestirns nebst seiner Umgebung der Hyaden. Die 
betreffenden Mythen sind bei Ideler, Sternnamen 137 fg. ge- 
sammelt. — Mit der Herrschaft der Ptolemaeer übt Aegypten 
seinen mächtigen Einflufs aus. Varro LL. V 57 schreibt: 
principes dei Caelum et Terra, hi dei idem qui Aegypti 
Serapis et Isis, etsi Arpocrates digito significat ut taceas 
eam, idem principes in Latio Saturnus et Ops, Terra enim 
et Caelum ut Samothracum initia docent, sunt Dei Magni 
et hi quos dixi multis nominibus, non quas Samothracia ante 
portas statuit duas virilis species aeneas, Dei Magni; neque 
ut volgus putat ii Samothraces Dei qui Castor et Pollux; 
sed ii mas et femina. Von der Verschmelzung der Grofsen 
Götter mit Isis und Serapis zeugt der von Ptolemaeos II (f 247) 
laut der Inschrift am Epistyl GeoTq MeTOtXoiq geweihte Bau. 
Hauser erklärt ihn für ein auf Fufsgänger berechnetes Tor, 
wozu seine geringe Tiefe bei 6 Säulen Front stimmt, läfst 
aber die Möglichkeit, dafs es ein Doppeltempel gewesen, offen. 
Die Baustelle war die denkbar ungünstigste und mystische 
Rücksichten haben hier offenbar obgewaltet, da die Besonder- 



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Hellenische Sterntempel. 143 

heiten der Anlage eine befriedigende technische Erklärung 
nicht zulassen (I 44). Auch hier ist eine bewufste Orientirung 
nach Himmelskörpern vorauszusetzen. Nach II Tafel 17 liegt das 

Ptolemaeion 289<>. 
Der entsprechende Sonnenaufgang fällt etwa 52 Tage vor und 
nach der Winterwende, also nahe zusammen mit dem grofsen 
Isisfest, das nach römischem Kalender 28. Oct. bis 1. Nov. ge- 
feiert wurde. Die Hathor von Dendera (S. 46) hat annähernd 
dieselbe Lage. In der Tat ist auch dieser Bau nach dem 
Aufgang des Sirius gerichtet. Ich berechne für das Jahr 
250 V. Chr. (9 = 40^28^ b = — 160 12^9^^ p = 350 das Auf- 
gangsazimuth des Sirius zu 290® 56^: folglich erschien der 
Stern 2® höher am Horizont als bei ungehindertem Ausblick 
vorauszusetzen wäre. — In der nämlichen Zeit, wohl einige 
Jahrzehnte früher ist vor dem Alten Tempel ein prächtiger 
Rundbau den Grofsen Göttern von der Arsinoe errichtet worden. 
Der Richtungswinkel ist nicht beigeschrieben : nach I Tafel 56 
bestimmt man annähernd 

Arsinoeion 74®. 
Wenn dies Mafs zutrifft, so finde ich als Stern, nach dessen 
Aufgang die Axe gerichtet sein könnte, nur a Arietis (2, 40). 
Die Rechnung 9 = 40® 28' A = 74® gibt für b + 12®6'; der 
genannte Stern hatte — 300 eine Declination von +11® 19^42''; 
— 200 + 11® 53' 13". Der Widder erscheint häufig auf den 
Münzen von Samothrake. Nigidius (Schol. Germ. 223) nennt 
ihn duc^^ et principium signorum und erklärt ihn für Jupiter 
Ammon. König Lysimachos, als dessen Gemahlin Arsinoe das 
Gebäude stiftete (II 111), trägt auf seinen Münzen die Ammons- 
hörner gerade wie sein Vorgänger Alexander. Die Stiftung 
hat also den nämlichen dynastischen Hintergedanken wie er 
bei dem Tempel zu Tage trat, den Kleopatra dem Osiris- 
Antonius weihte (S. 57). Sie erhielt ihr Gegenstück durch die 
Stiftung, welche der spätere Gemahl der Arsinoe Ptolemaeos II 
hinzufügte und nach dem Stern der Isis orientirte. 

Der Festkalender von Samothrake ist unbekannt. Nach 
Aussage der Inschriften (I 39) hat Aufnahme in die Mysterien 
im Mai, Juli, August und September stattgefunden. Die Hoch- 
feier fiel in den Sommer (Plut. Luc. 13, Eutrop VI 6); Hirsch - 
feld vermutet nach CIL. III 720 am 20.— 22. Juli oder August, 



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144 Kapitel V. 

doch ist dies änfserst unsicher. Zu Ptolemaeos Zeit ging^ 
ß Geminorum unter der Breite von Samothrake um den 8. Juli 
in der Morgendämmerung auf, in derjenigen Epoche als der 
Alte Tempel gegründet wurde, am längsten Tage. Von einer 
Sonnenwendfeier hat demnach das Mysterium seinen Ausgang 
genommen. 

§ 5. Delphi. 

Die vorausgehende Erörterung hat uns tief hinunter in 
hellenistische Zeit bis an die Schwelle der römischen geführt. 
Bei Didyma und Lagina handelte es sich um karische Grün 
düngen, Thera und Samothrake waren durch ihre Lage der 
Einwirkung der Fremde in höherem Grade ausgesetzt als das 
hellenische Festland. Indefs auch hier läfst sich die Orien- 
tation nach Sternen nachweisen. Ich beginne mit dem Haupt- 
heiligtum des geschichtlichen Hellas. Der homerische Hymnos 
schildert v. 255 fg. die Ankunft ApoUous: ein starker West 
iTTaiyiZiwv iE aiG^poq treibt das Schiff durch den krisaeischen 
Golf Tipöq i^ai T Ti^Xiöv T€, im Hafen springt der Gott ans Land 
dcTT^pi eib6|i€voq inecTiu f^fiiaTr xoO b'dTTÖ iroWai 
CTTTivGapibeq ttwtuivto, a4\a<; b' exq oupavöv Ik€V 
l<; b' äbuTov Kaxebucre biet xpiTTÖbuiv dpminuüv. 
Es ßieht so aus, als ob der Dichter auf die Lage und die 
stellaren Bezüge des Tempels angespielt hätte; aber die be- 
zeichneten Merkmale treffen auf Capella nicht zu, wie unten 
gezeigt wird. Deutlicher drückt sich das mehrfach erwähnte 
Schriftchen über Astrologie 23 aus: Kai yctp bf| xd inavxrjia 
auxoicTi ouK ßu) dcTxpoXoTin? ?iv, dXXd Tiapd ixkv AeXq)oT(yi Tiap- 
Gevoq ^X^x xf)v 7Tpo9Tix€iTiv cru|LißoXov xfiq TrapG^vou xfi^ oupaviriq, 
Kai bpdKWV UTTÖ xili xpiTTobi q)G^TTexai, öxi Kai iv xoiCTi daxpoicTi 
bpdKiüv 9aiv€xai. Bei Didyma bewährte sich die Aussage des 
Verfassers; zwar die Jungfrau die am Aequator steht, und der 
einige 50® weiter nach dem Pol hin gerückte Drache lassen 
sich schwer zusammen reimen; immerhin verdient das Zeugnis 
Beachtung. Der Tempel schaut Trpöq f\6j x' ^^Xiöv x€, liegt 
auf ser halb des Bogens der aufgehenden Sonne, nach der 
Messung von Penrose 

227® 53^ oder 227« 8^. 
Mithin ist die Längsaxe des Apollotempels von Delphi un 



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Hellenische Sterntempel. 145 

gefähr demselben Punct am Horizont zugewandt wie die Quer- 
axe des oben besprochenen Tempels von Thera. Oberflächlich 
betrachtet könnte man beide demselben Stern zuweisen wollen. 
Die nähere Umgebung jedoch bewirkt, dafs die dort angestellte 
Rechnung hier nicht wiederholt werden kann. Sie wird von 
Penrose p. 50 (der zweiten Abhandlung) so geschildert: the 
pecuUar Situation, a narroto ledge of moderately sloping 
ground on a mountain side, in a nooJc formed hy two spurs 
of Parnassus, evidently determined the orientation of the 
temple; but this is so completely extra-solstitial, that at no 
period of the year could the rising sun shine along the axis. 
Moreover, one of the two poetic summits of the mountain, 
together with an eminence on the left bank of the Pleistus, 
predude any sunrise illumination upon the temple for con- 
siderably more than half the year, and a favourable gap 
does not occur tili about 12^ of south amplitude, where the 
rising sun can surmount the hüls at an altitude of 3^, The 
western view is less impeded: a sloping line of ground opposes 
itself to the axis of the present temple, at an altitude of 
about 3^, Nach diesem Tatbestand kann nur ein Stern für 
die Orientation in Frage kommen. Freilich tummelt Penrose 
sein Steckenpferd auch hier, läfst die aufgehende Sonne unter 
einem Winkel von 5P einen hypothetischen älteren Tempel 
streifen, findet für diesen und den jetzigen Tempel einen 
Warnerstern in dem kleinen ß Lupi (3, 14) und setzt die 
Gründung 1. März 970 bezw. 1. März 630 v. Chr. (a. a- 0. 
p. 51 Bulletin d. corr. hell. XX, 1896, p. 383). Die histo- 
rischen Einwände vermutlich und die Kleinheit des Sterns 
haben ihn 1899 wieder nach Delphi geführt. Jetzt erhält, 
was sich eher hören läfst, € Canis maioris (1, 86) die Eolle 
des Zeitwamers; leider wird im Zusammenhang damit die 
frühere Messung des Tempels von 227^ 53' ohne ein Wort 
darüber zu verlieren nunmehr auf 227® 8' herabgesetzt (Bulletin 
d. corr. hell. XXIV, 1900, p. 612). Beide, sowohl das Stern- 
bild das wir heute Lupus nennen (Ideler Sternnamen 278), als 
auch der Hund haben mit Apoll nicht das Mindeste zu tun. 
Nach einem der Zwillinge woran die früheren Ausführungen 
denken lassen, ist der delphische Tempel ebensowenig gerichtet. 
Um den betreffenden Stern zu finden, fragen wir zuvörderst 



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146 Kapitel V. 

nach dem Alter des Tempels. Der jetzige (23X58 m) au& 
dem 4. Jahrhundert stammende ist über den von den Alk- 
maeoniden im 6. gelegten Fundamenten emehtet (Homolle, 
Bulletin d. corr. hell. XX, 1896, p. 654; Wolters in Baedekers 
Griechenland* p. 144). Der letzterem vorausgegangene brannte 
548 V. Chr. ab. Man hat gemeint — auch Penrose ist der 
Ansicht — dafs dieser der polygonalen Stützmauer im Westen 
parallel 3^ 24' weiter nach Osten gewandt gewesen sei und 
231*^ IV gelegen habe. Beweise dafür werden vermifst; sowie 
aber die Untersuchung den Boden des Tatsächlichen verläfst, 
ist sie auf einem so schlüpfrigen Gebiet von allen Gefahren 
phantastischer Willkür bedroht. Bis der Beweis des Gegen- 
teils erbracht ist, haben wir daran festzuhalten, dafs wie der 
dritte dem zweiten, so auch der zweite dem vermutlich kleineren 
ersten Tempel an gleicher Stelle und in gleicher Richtung^ 
gefolgt sei. Der erste Tempel darf füglich nicht später als 
ins 7. oder 8. Jahrhundert gesetzt werden. Wenn nun in der 
Tempelaxe das scheinbare Azimuth des Sterns enthalten ist^ 
so kommt es darauf an solches für die Berechnung in das 
wahre umzusetzen. Den erforderlichen Höhenwinkel teilt 
Penrose allein für Südwest, den Untergang in der Längsaxe 
mit. Indessen ward schon S. 130 bemerkt, dafs Sterne mit 
hoher südlicher Declination bei Apoll aufser Betracht bleiben. 
Der nördliche Himmel weist mehrere ihm geweihte Bilder auf 
mit Sternen erster Gröfse. Deshalb wird das Augenmerk nach 
Nordost und Nordwest gerichtet sein müssen. Aber der Höhen- 
winkel den die Phaedriaden mit der Lang- und Queraxe des 
Tempels bilden, kann nicht aus Karten und Plänen errechnet, 
kann nur durch örtliche Beobachtungen ermittelt werden. 
Insofern schliefst diese Erörterung vorläufig ohne Ergebnis. 

§ 6. Athen. 

Die athenischen Tempel sind in anderem Zusammenhang 
zu behandeln, weil sie bis auf eine Ausnahme in den Bereich 
der Sonne gehören. Die Ausnahme wird gebildet durch das 
AiovucTiov dv AijLivai?. Das kleine Heiligtum (3,96X5,20 m) 
war in römischer Zeit aufgegeben und verschüttet. Sein 
Entdecker Dörpfeld setzt aus technischen Gründen die Er- 



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Hellenische Sterntempel. 147 

bauung vor Pisistratos (Ath. Mitt. XX, 1895, p. 170). In 
Betreff der aufgeworfenen topographischen Fragen stimmt 
Judeieh Top. 261 fg. zu. Die Orientation führt zum nämlichen 
Ergebnis. Penrose mafs 

317« 28^ 
d. h. dieselbe nur um einen Quadranten verschobene Richtung 
die der delphische Apoll hat. In Athen ist jeder Bezug auf 
einen Stemaufgang durch die Bodengestaltung ausgeschlossen, 
nur ein Untergang kommt in Frage. Penrose p. 48 (der 
zweiten Abhandlung) bestimmt den Höhenwinkel zu 3« und 
findet dafs die Axe des Heiligtums um Mitternacht den 19. Juli 
850 V. Chr. nach dem untergehenden Arctur gerichtet worden 
sei. Nach dem S. 140 Gesagten würde der Stern für den 
Gott vorzüglich passen. Allein wir müssen ohne willkürliche 
Annahmen den Tatbestand nachprüfen. Die Rechnung wird 
nach Küstner's Anleitung so geführt. Beobachtet ist 

Geographische Breite von Athen cp = 37<^ 58^ 20'^ 

Amplitude der Tempelaxe von W nach N A = 47® 28^ 
Höhe der Hügel im Westen h= 3o 

Zunächst ist festzustellen, welche Aenderung der wahre oder 
Seehorizont durch die Hügel erleidet. Dies geschieht ver- 
mittelst der Formel dA= ^-^dh, wo bedeutet dh eine 

cos A 

gegebene Aenderung der Höhe und dA die entsprechende 
Aenderung der Amplitude. Ausgerechnet 

9,89238—9,82996 = 0,06242=1,15 also dA = — l,15dh. 

Die Refraction beträgt im Mittel bei 3« Höhe 14^, folglich die 
wahre Höhe des Sterns 2® 46^ Dieser Betrag mit 1,15 multi- 
plicirt gibtdA = + 3^ 11^ Also stellt sich die Amplitude im 
wahren Horizont (die „Äbendweite") Aq = 50® 39'. Für die 

Abendweite A« gilt die Formel sin Ao = oder sin b = 

cos <p 

sin Aq cos cp. Ausgerechnet 

9,88834 + 9,89670 = 9,78504 = 37« 34^. 

Die dergestalt ausgerechnete Declination 37® 34^ trifft 750 
V. Chr. genau zu für einen Stern erster Gröfse (1) A!£ Capeila 
o Aurigae. Dessen Oerter sind 



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148 Kapitel V. 





AR 


D 


-2000 


14« 54' 


+ 31« 19' 


1000 


28 53 


36 29 


800 


31 50 


37 27 


700 


33 20 


37 55 


600 


34 51 


38 22 


500 


36 23 


38 49 


400 


37 55 


39 16 


300 


39 29 


39 41 


200 


41 3 


40 7 


- 100 


42 38 


40 31 





44 14 


40 55 


+1800 


75 29 


45 47 



Was zunächst die Gründungszeit betrifft, so wird man 
aus der Geschichte des griechischen Tempelbaus entnehmeo, 
dafs das Jahr 750 dem von Penrose berechneten 850 v. Chr. 
gegenüber entschieden den Vorzug verdient. Die Beziehungen 
zwischen Stern und Gottheit treten besonders deutlich in Delphi 
entgegen. Von Hause aus alleiniger Herr ist Dionysos durch 
den Ankömmling Apollon in den Hintergrund gedrängt worden. 
Nach der Legende haben Ziegen die Orakelstätte entdeckt 
(Diodor XVI 26). Aix ist Kind des Python, gibt einem Flufs, 
einer Ebene, dem Omphalos in Delphi den Namen (Wemicke 
bei Pauly-Wissowa III 111), erscheint oft auf dessen Münzen. 
Endlich steht der Stern in Beziehung zum Festkalender. Der 
Frühuntergang wird von Ptolemaeos (und bereits von Eudoxos 
nach dem unter Geminos' Namen gehenden Kalender) 7 Tage 
vor der Winterwende angesetzt, fiel also ehedem Anfang 
December. Das Verschwinden der heiligen Ziege die den 
Zeus gesäugt hatte (Arat. Phaen. 163), kündete den Alten mit 
Sturm und Regen den Eintritt der schlimmen Jahreszeit (Ideler, 
Sternnamen p. 93). In Delphi ging das Regiment von Apoll 
auf Dionysos über und verblieb diesem drei Monate lang 
(Plutarch, de Ei ap. Delph. 9). Im Tempel neben dem Gold- 
bild Apoirs oder im Omphalos befand sich seine Grabstätte 
(Lobeck, Aglaophamos I 573). In Athen zeigt der Frühunter- 
gang von Capeila die Zeit der ältesten bacchischen Winterfeste 
an (A. Mommsen, Heortologie p. 44); im April vier Monate 
später zeigt der Frühaufgang das Freudenfest der Dionysien an. 



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Hellenische Sterntempel. 149 

§ 7. Oropos. 
Die Tempelordnung des Amphiaraos gibt v. Wilamowitz 
Herrn. XXI, 1886, p. 97 Anlals die Orientirnng des Heiligtums 
zu berühren: „für die eigentliche Befragung des Orakels war 
ein Sehlafraum da, in welchem die Männlein östlich, die 
Weiblein westlich von dem Altare zu liegen kamen. Der 
Altar war also nach Norden oder Süden orientirt — als Traum- 
gott hätte Amphiaraos doch die moderne Orientirungs Weisheit 
mehr berücksichtigen sollen." Von Vitruv stammt die bekannte 
Vorschrift, dafs alle Götteraltäre nach Osten schauen müssen 
(S. 113). Ob sie ausnahmslos gilt, braucht uns nicht auf- 
zuhalten; denn im vorliegenden Falle trifft sie zu. Der Altar 
der Schlafhalle ist nicht nach Norden oder Süden, wie v. Wila- 
mowitz voreilig schliefst, sondern nach Nord- oder Südosten 
orientirt (vgl. den Grundrifs bei Pauly-Wissowa I 2, 1896): 
man kann die beiden Seiten des Altars im Griechischen nur 
als Morgen- und Abendseite fassen, wie die Inschrift tut. 
Was aber den Traumgott und die moderne Orientirungsweisheit 
betrifft, so spottet v. Wilamowitz über Dinge die er nicht 
kennt und nicht versteht. — Dörpfeld übersandte mir am 
6. December 1884 eine Messung des kürzlich ausgegrabenen 
Tempels, wonach er 49^/2^ nach Ost vom magnetischen Nord- 
punct entfernt liegt. Die magnetische Abweichung am Ort 
ist nicht genau bekannt, betrug damals etwa 7®. Wir setzen 
deshalb den Tempel annähernd an zu 

222—2230. 
Die Lage schliefst jede Beziehung zum Sonnenaufgang aus. 
Den geeigneten Stern ausfindig zu machen wird durch den 
Umstand erschwert, dafs wir den Winkel nicht kennen den 
die Tempelaxe möglicher Weise mit den Hügeln am näheren, 
bezw. am fernen Horizont bildet. Wir können deshalb nur 
das in der Tempelaxe gegebene scheinbare Azimuth, nicht das 
wahre Azimuth des Sterns in Rechnung setzen. Ein anderer 
Weg empfiehlt sich, üsener, Götternamen p. 355 schreibt: 
„nach Herodians in neuer Zeit aufgewärmter Theorie ist "Ajucpi^ 
Koseform von 'Ajucpidpao^ : der natürliche und wirkliche Ver- 
lauf war, dafs "Ajucpio? und "Ajucpi? durch formale Wucherung 
zu 'A)iicpiu)v. durch begriffliche zu 'A)Licpidpao?-€Uj? sich ent- 
wickelte und dies letztere unter dem Einflufs des Epos all- 



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150 Kapitel V. 

gemein gültiger Eigenname wurde". Nun werden die Zwillinge 
Amphion und Zethos zugesehrieben (S. 126). Wir setzen Am- 
phiaraos Amphion gleich : um so unbedenklicher als die Tempel- 
axe wirklich auf a Geminorum als den gesuchten Steni hin- 
weist. Dörpfeld läfst den Tempel in makedonischer und früb- 
römischer Zeit erbaut sein. Nehmen wir 200 v. Chr. an, so 
ist nach S. 129 b = 33o.9^ cp i8t = 38M7^ Die Formel 

cos A = — — gibt ausgerechnet 
cos cp 

9,73785—9,89485 = 9,84300 = 45« 50^ 
welcher Betrag durch die Strahlenbrechung für den Aufgang 
um 35' vermindert wird. Die Differenz zwischen Rechnung 
und magnetischer Messung ist nicht gar schlimm: die Decli- 
nation ist unsicher, Dörpfelds Compafs zeigt, mit den Bestim- 
mungen Penrose's verglichen, meistens zu niedrige Werte an. 
Wir sehen dabei von dem etwaigen Höhenwinkel ab und lassen 
die Möglichkeit der Annahme offen, dats der Tempel in seiner 
Queraxe nach dem Untergang orientirt war. Gewifsheit läfst 
sich nur an Ort und Stelle erreichen. — Das Heiligtum des 
Amphiaraos ist viele Jahrhunderte älter als der jetzige Tempel. 
Kroesos und Mardonios haben das Orakel befragt (Herod. 1 52 
VIII 134 Plut. de defectu orac. 5). Höher hinauf weist un& 
der Hauptaltar, dessen Axe merkbar von der Tempelaxe nach 
Osten abweicht. Man vermutet etwa 2^; denn wenn die 
Declination des Sterns 800 v. Chr. I® kleiner ist als 200, so 
wird umgekehrt das Azimuth gröfser. Als der Altar errichtet 
wurde, mag der Frühuntergang von a Geminorum\ mit der 
Winterwende zusammen gefallen sein; als der Tempel errichtet 
wurde, der Frühaufgang mit der Sommer wende. Freilich kann 
man derartige Fragen am Schreibtisch nur aufwerfen, die 
endgültige Lösung ist dem Diopter vorbehalten. 

§ 8. Eleusis. 
Im Vorhof vor den äufseren Propylaeen des Mysterien- 
tempels befindet sich etwa 30 Schritt vom Tor entfernt der 
Unterbau eines kleinen Tempels aus junger Zeit, der herkömm- 
lich der von Pausanias I 38, 6 erwähnten Artemis Propylaea 
zugeschrieben wird. Die Benennung ist unsicher; denn es 
heifst bei Pausanias : 'EXeuaivioi? bk ^ctti jiifev TpiTTToX^jiiou votoq, 



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Hellenische Sterntempel. 151 

^CTx bk TTpOTTuXaia^ 'ApT^liiibo^ xai TToaeibüjvo? TTaxpö?, cpp^op 
T€ KaXou)Li€vov KttXXixopov. Die Orientation weist eher auf 
Triptolemos, dem o Geminorum geweiht war (S. 126). Da& 
Heiligtum blickt laut Penrose p. 826 nach Südost und liegt 
313® 43' 13^'. Es scheint aber vielmehr, wie derselbe Gewährs- 
mann p. 832 einräumt, umgekehrt nordwestliche Front zu haben, 
also 133® 43' 13". Nach Penrose beträgt der Höhenwinkel im 
Osten ungefähr 2®. Wollte man nun annehmen, der Tempel 
sei in der Queraxe nach Aufgang gerichtet, so würde man 
einen Stern von + 35® 49' Declinalion erhalten, was weder 
auf Kastor (S. 129) noch auf einen anderen bedeutenden Stern 
seit 500 V. Chr. zutrifft. Deshalb wird der Untergang allein 
in Frage kommen. Die Elemente der Rechnung sind: 

Geographische Breite von Eleusis cp = 38® 2' 15" 

Amplitude der Tempelaxe von W nach N A = 43® 43' 

Refraction = 18' 

Höhe der Hügel im Westen = 2® 

Amplitude des Sterns Ao = 45®32' 

Die Formel sinAo= gibt b = 34® 12'. Dieser Betrag 

" cos cp ° 

ist, je nachdem man das Gründungsjahr ansetzt, 40 — 50' zu 
hoch (S. 129). Die Differenz verschwindet, wenn man den 
Gesichtswinkel kleiner nimmt: letzteren hat Penrose nur ge- 
schätzt, üebrigens hält er Capella für den gesuchten Stern, 
läfst ihn nach seinem Schema bei 3® Höhe über dem Horizont 
während der Kleinen Mysterien um Mitternacht 18./ 19. Fe- 
bruar 1010 V. Chr. die Tempelaxe bestimmen. Das ist für 
dies Tempelchen fast ein Jahrtausend zu früh. 

Der grofse Mysterientempel hat bei seinen Erweiterungen 
die Richtung eingehalten, die er vor der persischen Zerstörung 
hatte. Penrose bestimmte sie zu 

296® 51' 
Dörpfeld fand 1884 durch magnetische Messung (Declination 
Anfang November d. J. 7® 15' genommen) als Mittelwert 296®. 
Auf Sterne nimmt der Tempel weder im Lang- noch im Quer- 
schnitt Bezug. Allerdings fällt der Aufgang des Sirius um 
Mitternacht zur Zeit der Mysterienfeier 2100 v. Chr. mit der 
Hauptaxe zusammen ; Penrose p. 824 zweifelt nicht daran, dafs 
ein Stern der nach Lockyer's Nachweis eine solche Rolle in 



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152 Kapitel V. 

Aegypten gespielt, auch die Orientation in Eleusis bedingt 
habe, setzt indels willkürlich die Gründung auf 13. Septem- 
ber 1400 V. Chr. herab. Nun ist das Naturleben in Hellas 
nicht das gleiche wie am Nil, der Hund ist der hellste aller 
Fixsterne, aber ein böser Gast und keiner Gottheit, am 
Wenigsten der gütigen Demeter angemessen. Halten wir 
uns also ausschlielslich an die Sonne, so fällt ihr Aufgang 
rund 30 Tage vor und nach der Winterwende mit der Tempel- 
axe zusammen. Die Orientation bestätigt eine anderweitig 
bekannte Tatsache. Sie nimmt keinen Bezug auf das Mysterien- 
fest im Boedromion, sie nimmt Bezug auf die Thesmophorien 
des Pyanepsion, als deren Stifter die jüngere üeberlieferung 
den Triptolemos nennt (Gruppe, Griech. Mythologie p. 1 173 A. 5). 
Die Lehre von der Unsterblichkeit bildet den hauptsächlichen 
Inhalt der Mysterien. Diese reife Erkenntnis eignet nicht den 
Anfängen, sondern fortgeschrittenen Zeiten. Die Thesmophorien 
hingegen sind über den ganzen Umfang der hellenischen Welt 
verbreitet (Kern bei Pauly-Wissowa IV 2, 2750). Sie werden 
im Saatmonat Pyanepsion (November) gefeiert, nachdem der 
Herbstregen den von der Sonnenglut verhärteten Boden ge- 
lockert und mit neuer Lebenskraft erfüllt hat. Eine alter- 
tümliche Symbolik setzte die Ehe in engste Beziehung zur 
Bestellung des Ackers und machte aus den Thesmophorien 
ein Frauenfest. Als solches wurden sie nach A. Mommsen 
Heort. p. 287 fg. in Athen vom 10. — 14. Pyanepsion gefeiert. 
Der letzte Tag hiefs KaXXifeveia und verherrlichte Demeter 
als Mutter des schönen Kindes. An den voraufgehenden Tagen 
wallfahrten die Frauen nach Halimus und dem Vorgebirge 
Kolias westlich von Athen. Ehedem, wie uns für die Herr- 
schaft des Pisistratos glaubwürdig bezeugt wird^), war der 
Bittgang nach Eleusis gerichtet. Die Aenderung hängt mit 
der neuen Gestaltung des eleusinischen Gottesdienstes zu- 
sammen, die nach den Perserkriegen aus politischen Rück- 
sichten vorgenommen wurde. Herodot VIII 96 teilt aus einem 
auf die Vernichtung der Perser bezüglichen Örakelspruch den 

1) Aeneas 4, Justin II 8, Frontin IV 7, 44; die jüngere Tradi- 
tion Plut. Solen 8, Polyaen I 20 verlegt den späteren Verhältnissen 
angepasst die Handlung von Eleusis nach dem Vorgebirge Kolias. 
Vgl. A. Hug, Aeneas von Stymphalos p. 13, Zürich 1877. 



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Hellenische SterntempcL 153- 

Vers mit KwXidbe? bk -fvvaxKeq iptiixoxax cppu£ouai: mit eben 
diesem Orakel wird die Einführung der Wallfahrt nach Halimus 
begründet worden sein. Im fünften Jahrhundert ziehen die 
Geweihten aus ganz Hellas zur Demeter von Eleusis, die 
Frauen Athens zur Demeter von Halimus. üebrigens wird 
der Tempel ursprünglich ohne Rücksicht auf den athenischen 
Kalender gegründet worden sein: die üebereinstimmung war 
einfach durch das Klima und die Gleichheit der Lebens- 
bedingungen gegeben 

§ 9. Lokri. 

Unter den griechischen Tempeln Siciliens und ünteritaliens 
nimmt der von Lokri eine Sonderstellung ein, weil er allein 
im ionischen Stile erbaut ist (Koldewey und Puchstein, Die 
griechischen Tempel ünteritaliens und Siciliens, Berlin 1899^ 
p. 1 fg.). Nicht minder bedeutsam erscheint seine Orientation,. 
die bei einem Neubau abgeändert ward. Petersen dem wir 
die Aufdeckung verdanken, erkennt hier das berühmte Heilig- 
tum der Persephone; Puchstein stützt diese Ansicht. Was sich 
dagegen vorbringen läfst, ist der Umstand, dafs das Heiligtum, 
als es 276 von König Pyrrhos beraubt ward, aufserhalb der 
Mauer lag (Ital. Landeskunde II 953), jetzt innerhalb liegt. 
Jedoch wiegt der Einwand leicht; denn gerade der Frevel 
des Königs bot den Lokrern einen dringenden Anlafs den 
Tempelschatz gegen ähnliche Ueberfälle durch Einschlufs in 
die Stadtbefestigung zu schützen. Von Bedeutung ist ferner, 
dals die Dioskuren im Giebelfeld des neuen Tempels standen,, 
oder wohl richtiger als Akroterien verwandt waren. Da nach 
einer Lehre Persephone ihre Mutter ist (Cicero de deor. nat. 
III 53), hat die Verbindung nichts Befremdendes. Die reisigen 
Götterjünglinge haben in der berühmten Schlacht an der Sagra 
durch ihren Beistand Lokri vor der Uebeiinacht der Krotoniaten 
gerettet. An diese Verdienste werden wir im Angesicht des 
Tempels erinnert. Da Penrose p. 54 die Orientation des^ 
älteren Baus zweimal zu 309^37^ und 309^36^ (ebenso auf 
dem Gi-undrifs p. 55) angibt, bleiben Koldewey und Puchstein 
mit 3060 8^ aufser Betracht. Die Tempelaxe ist 9« südlich 
vom Solstitialpunct gerichtet. Ein passender südlicher Stern, 
nach dessen Aufgang sie bestimmt sein könnte, bietet sich 



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154 Kapitel V. 

nicht dar. Penrose läfst den Tempel nach dem Untergang' 
Ton ß Geminorum orientirt sein : vielmehr findet man den 
Untergang von a, wenn man der Rechnung folgende ihm ent- 
lehnte Werte zu Grunde legt: 

Geographische Breite von Lokri cp = 38<> 12^21'^ 

Amplitude der Tempelaxe von W nach N A = 39^ 36^ 

Refraction= 12^ 

Höhe der Hügel im Westen = 4^ 

Amplitude des Sterns Ao = 43« 26' 
Dies gibt eine Declination des Sterns von 32® 42' und ein 
<Jründungsjahr das 500 v. Chr. fällt (S. 129). Petersen hatte 
den Tempel 650 setzen wollen, aber Puchstein rückt den 
Termin um zwei Jahrhunderte herunter. Die historische Be- 
trachtung wird gern an eine Beziehung zur Schlacht an der 
Sagra denken, die ohne fest datfrt zu sein doch der nämlichen 
Zeitepoche angehört. — Der Alte Tempel wurde schon nach 
^in paar Menschenaltern verdrängt durch einen Neubau, der 
nach Penrose mifst 

2960 56' 
ivährend Koldewey 296« 8', Puchstein 294<> 8' (Schreibfehler) 
gibt. Die Orientation stimmt mit der Demeter von Eleusis 
genau überein, weshalb denn auch das dort über die Fest- 
izeiten Gesagte hier gilt. Auffallend bleibt die bei dem Neu- 
bau vorgenommene Aenderung der Axenrichtung, für die ein 
doppelter Beweggrund angeführt werden kann. Der Alte 
Tempel hatte nach Puchsteins Darlegung zwei Schiffe, der 
neue nur eines. Demnach sind in jenem Persephone und 
Demeter getrennt verehrt worden, in diesem als GecTjiiocpöpuJ 
in Cultgemeinschaft, die auch anderswo bezeugt wird (Gruppe, 
Griech. Myth. p. 1175 A. 5). Neben diesem Wechsel der 
religiösen Anschauung macht sich dann feiner das Bestreben 
bemerkbar, das in der hellenischen Welt während ihres höchsten 
Aufschwungs zu Tage tritt, die Tempel ausschliefslich nach 
«dem Aufgang der Sonne zu richten. Auf dies Bestreben 
werden wir im Folgenden zu reden kommen. 

§ 10. Metapont. 
Von dem ehemaligen Reichtum dieser seit dem hanni- 
Jbalischen Kriege hinsiechenden Stadt gibt es monumentale 



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Hellenische Sterntempel. 155 

und litterarische Zeugnisse (Ital. Landesk. II 912). Nach 
Strabo VI 264 hatte sie 9^po^ xP^<^oöv d. h. doch wohl eine 
goldene Garbe in Delphi geweiht, allwo sie ein eigenes Schatz- 
haus besals. Des Weiteren nennt er unter Berufung auf 
Ephoros als Gründer Daulios den Tyrannen von Erisa bei 
Delphi. Diese Nachrichten über die Beziehungen zwischen 
Metapont und Delphi erhalten eine überraschende Bestätigung 
durch die Chiesa di Sansone, wie er den Umwohnern heilst, 
den Tempel des Apollon Lykeios, wie eine Inschrift (Kaibel 647) 
anzeigt. Puchstein p. 35 schreibt ihn dem 6. Jahrhundert zu. 
Die Orientation mafs 

Penrose 306^ 39^ 
Koldewey und Puchstein 305^ 8'. 

Wie bei der Persephone von Lokri ist auch hier der Bezug 
auf die Sonne oder einen südlichen Stern ausgeschlossen. 
Penrose läfst in beiden Phallen die lange Axe durch den 
Untergang von ß Geminorum bestimmt sein. Solcher Annahme 
indefs steht die Verschiedenheit sowohl des Azimuths als der 
Gottheit im Wege. Nach den S. 126 angeführten Zeugnissen 
wird der südliche Zwilling von den Hellenen nicht mit Apoll 
in Verbindung gebracht. Eine befriedigende Lösung dagegen 
wird durch den in die Queraxe fallenden Sternaufgang geboten. 
Die geographische Breite ist = 40® 23^. Der Höhenwinkel 
nach NO ist nicht gemessen, aber klein. Lälst man ihn durch 
die Strahlenbrechung ausgeglichen sein, da ja diese den Betrag 
des Azimuths erhöht, während der Gesichtswinkel in Abzug 
zu bringen ist, so erhält man folgendes Ergebnis. Nach der 
Formel sin b = cos A cos cp ist b, die Messung von Penrose zu 
Grunde gelegt, +37®4(y; dagegen die Messung von Koldewey 
und Puchstein gibt b + 38® 32^ Beide Zahlen weisen mit aller 
Bestimmtheit auf Capeila (S. 148), aber die erstgenannte a%f 
750 V. Chr., die zweite auf 550 als Gründungsjahr hin. Wenn 
nun auch das letztere Datum den Vorzug verdient, so ist da- 
mit kein Schluls auf den Wert der beiden Messungen gestattet. 
Denn wir kennen den Höhenwinkel nicht; aulserdem bleibt 
die Möglichkeit offen, dals dem jetzigen ein älteres Heiligtum 
gleicher Lage vorausgegangen sei. Durch diese Unsicherheiten 
wird die Tatsache nicht erschüttert, dals der Apollotempel von 



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156 Kapitel V. 

Metapont nach demselben Stern gerichtet ist der in Delphi 
hoher Ehre genols, nach dem Aufgang von Capeila. 

In einiger Entfernung aufserhalb der Stadt liegt der unter 
dem Namen Tavole Paladine bekannte Tempel, von dem noch 
15 Säulen aufrecht stehen. Er gehört nach Puchstein der- 
selben Zeit wie der vorige an, ist aber nach der Sonne ge- 
richtet. Die Bestimmung von Penroöe 

276<> öV 
wird durch zwei aus einander gehende magnetische Messungen 
bestätigt: ich fand 1871 27 7^ 3(y, Koldewey und Puchstein 
274*^ 38^ Man hat hier die Athena Eilenia (Ps. Arist. mir. 
ausc. 108 Etym. M. 298, 27 Justin XX 2) erkennen wollen, 
was möglich aber ungewifs ist. Die Orientation gewährt 
keinen Aufschlufs. 

§ 11. Ancona. 
Aphrodite war die Hauptgöttin der von Syrakusiem nicht 
lange nach 400 v. Chr. gegründeten Stadt an der Adria 
(It. Landesk. II 416). Die heutige Kathedrale ist ihrem ersten 
Bischof geweiht und nimmt das 94 m hohe Vorgebirge ein 
das den Hafen seewärts schützt. In der Neuzeit ist die 
Ansicht verbreitet, wenn auch nicht unbedingt angenommen 
worden (üghelli. It. sacra I 326), dafs der Heilige die Stelle 
der von CatuU und Juvenal gefeierten Göttin sich angeeignet 
habe. Was sich dafür sagen läfst, ist dafs die im 12. Jahr- 
hundert erbaute Kirche antike Säulen enthält; dafs die aufser- 
halb des Sonnenaufgangs fallende Richtung der Axe christ- 
lichem Brauch widerstreitet; endlich dafs der weithin sichtbare 
Ort für eine Beschützerin der Seefahrer vortrefflich pafst. 
Man wird die Tragkraft dieser Gründe nicht überschätzen. 
Auch durch die Orientation werden sie nicht weiter verstärkt. 
Penrose bestimmte nach der Kirche den angenommenen 
Tempel zu 

223« 11^ 23'^ 
Die geographische Breite beträgt 43® 37' 1 1'^ StrahlenbrechuDg 
35', Kimmtiefe 16'. Daraus berechnet man den Aufgang eines 
Sterns von b-f32^ 21'. Dies könnte auf a Qeminorum passen, 
wenn die Gründung um 700 v. Chr. fiele; für ß Geminorum 
ist die Ziffer 2^1 2^ zu hoch (S. 129); am besten stimmt sie zu 



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Hellenische Sterntempel. 157 

Arktur, der 300 v. Chr. die entsprechende Declination hatte 
(S. 140). Für Arktur entscheidet sich denn auch Penrose, 
lälst ihn aber erst bei 3^ Höhe sichtbar werden, setzt in Folge 
dessen den Gründungsact auf 16./17. Nov. 620 v. Chr. an. 
Wir nahmen oben eine Beziehung des Sterns zu den Kabiren 
von Samothrake an (S. 140), damit würde der Seetempel von 
Ancona in Einklang stehen; allein des schwankenden Bodens 
auf dem wir uns bewegen, eingedenk brechen wir die Er- 
örterung ab. 

Die Ansicht dals die Hellenen ihren Tempelbau dem 
Orient entlehnt haben, gleichwie die Germanen ihre Kirchen 
den Römern, war ehedem eine Ketzerei nnd ist heute ein 
Gemeinplatz. Bei Homer noch spärlich, nimmt die Zahl der 
Tempel langsam zu, die Zunahme trägt zur Ausprägung der 
Göttertypen wesentlich bei. Welches Gewicht beim Bau der 
Orientation beigelegt wurde, kann man daraus schliersen, dals 
hervorragende Denker geradezu den Ursprung der Götter und 
des Götterglaubens aus den Bewegungen der Himmelskörper 
herleiten. So schreibt Piaton ^): cpaivovTai fnoi ol TipoiTOi tüüv 
dv8pu)7ru)v Tüöv irepi t^v 'EXXctba toutou^ fnövou^ tou^ Qeoxx; 
flT€Tcy6ai, oöcTTrep vOv ttoXXoi tüüv ßapßdpwv, ^Xiov xai cTeXriviiv 
Ktti T^v Kai ficTTpo Kttl oupavöv fixe oöv auxct öpiövre^ ttoyto 
dei lövTa bpöjiiijfj xai G^ovra, dirö rauTTi^ Tf\^ cpu0€U)^ Tf\<; xoö 
GeTv 0€ou^ auxou^ dirovojiKicrar ucrxepov hk KoxavooOvxe^ xou^ 
äXXou^ Trdvxa^ i\br\ xoüxiw xtu övö)Liaxi TrpocroTopeüeiv. Nach 
Aristoteles^) ist das Gottesbewulstsein durch seelische Erschei- 
nungen und die Bewegungen der Himmelskörper bei den 
Menschen entstanden: Geacrdjbievoi fäp jiieG' fjjbi^pav jiifev ^Xiov 
TiepiTroXoOvxa, vuKxwp bfe xfjv eöxaxxov xujv fiXXwv dcJx^pujv 
KivTi<Tiv, dvöjLiicyav etvai xivo Oeöv xdv xf^^ xornux^^ Kivriaeu)^ 
KOI euxoHia^ otxiov. Es wurde schon S. 123 hervorgehoben, 
dals die praktischen Bedürfnisse des Lebens mit der Ausbildung 
der Theologie Hand in Hand gingen. Dafür liefert die vor- 
ausgegangene Untersuchung einen Beleg. 



1) PL Kratyl. 16 p. 397 C, ebenso Plut. Isis 60. Clemens AI. 
protrept. 2, 26; 3, 44 fg.; 4, 46—62. 

2) frgm. p. 35 fg. Didot. 

Nissen, Orientation, Stnd. z. ReÜKionsgresch. II. 4 



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158 Kapitel V. 

Die Sterntempel der römischen Epoche werden für eine 
spätere Besprechung aufgespart. Ob die Entwicklung der 
hellenischen Orientation durch [ein reicheres Material als mir 
zu Gebote stand, in ein anderes Licht gerückt werden wird 
bleibt in der Schwebe. Auch räume ich bereitwillig ein, dals 
schärfere Messungen und Rechnungen im Einzelnen zu ab- 
weichenden Ergebnissen führen können. Was jetzt über den 
Einflufs von Sternen auf den Cultus gesagt werden kann, ist 
kurz Folgendes. Gerichtet sind nach: 

Kastor Apollon, Thera 600 

Persephone, Lokri 500 
Amphiaraos, Oropos 200 
Triptolemos, Eleusis 200 
Pollux Eabiren, Samothrake 800 
Apollon, Didyma 1000 
Hekate, Lagina 1000 
Capella Apollon, Metapont 550 

Dionysos, Athen 750 
Arktur? Aphrodite, Ancona 300? 
Kabiren, Samothrake 800. 

Da Delphi für uns ein Rätsel und Ancona zu unsicher 
ist um mitzuzählen, so bleiben 9 Tempel übrig, die aufserhalb 
des Bereichs der Sonne liegend nach Sternen orientirt sind. 
Davon gehören 3 der vorhellenischen Zeit, 4 der älteren 
Periode des Tempelbaus, 2 der jüngeren an. Von Arktur ab- 
gesehen, dessen Geltung zweifelhaft ist, kommen nur 3 Sterne, 
die beiden Zwillinge und Capella in Betracht. Jene dienen 
zur Feststellung der Wenden, dieser zur Begrenzung des 
Winters (S. 148). unter den Gottheiten begegnet Apoll nicht 
weniger als dreimal; auch der Litteratur ist seine Erscheinung 
als Stern ganz geläufig (S. 144). Man könnte daran Anstofs 
nehmen, dafs Sonne sowohl als Stern durch denselben Gott 
verkörpert wird. Deshalb erinnern wir uns, dafs bereits ein 
paar Jahrtausende zuvor der selige Pharao den Menschen 
Tags als Sonne, Nachts als Stern leuchtete (S. 45). Die 
heutigen Auffassungen über das Wesen ApoUons gehen weit 
aus einander, auf seine Einwanderung aus der Fremde kommen 
wir später zu reden. Zunächst beschäftigt uns die geringe 



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Hellenische Sterutempel. 159 

Zahl der hellenischen Sterntempel. Wenn die Richtung der 
Tempel zur Bestimmung des Jahres und zur Einhaltung der 
Feste dienen sollte, so war die Wahl zwischen Sonne und 
Fixsternen frei gestellt. Nach der Volksmeinung und der 
Wissenschaft sind es Stemauf- und Untergänge, die den Wechsel 
des Wetters und der Jahreszeiten bewirken. Verständiger 
Weise hat im 6. Jahrhundert Anaximenes den Einflufs der 
äterne geleugnet und den alleinigen Urheber in der Sonne 
erkannt (Diels, Doxographi 347); aber sein Widerspruch drang 
nicht durch. Wenn also nach der allgemein herrschenden 
Anschauung die Sternaufgänge eine solche Rolle im Leben 
«pielen, so erwartet man, dafs ähnlich wie bei den Aegyptem 
diese Wichtigkeit in der Orientation zum Ausdruck gelangen 
werde. Die Erwartung wird getäuscht. Ein Drittel des 
Horizonts bleibt aufserhalb des Bereichs der auf- und unter- 
gehenden Sonne, aber auf dies Drittel entfällt höchstens ein 
Zehntel der hellenischen Tempel. In den Anfängen mag das 
Verhältnis anders gewesen sein, mögen Sonne und Fixsterne 
«ich die Wage gehalten haben. Aber mit dem Aufschwung 
den der Tempelbau im 6. Jahrhundert nimmt, gewinnt die 
•Sonne alleinige Geltung und behauptet sie bis zum Rückschlag 
den die orientalische Religion seit König Alexander ausübt. 
Ein schlagendes Beispiel für den eingetretenen Wandel liefern 
die Lokrer, indem sie beim Neubau des Persephonetempels die 
«tellare Richtung mit einer solaren vertauschen (S. 154). Die 
Strömung hat hier früher dort später eingesetzt und schliefs- 
lieh dahin geführt, dals die hellenischen Tempel in über- 
wiegender Mehrheit auf einen Kreisausschnitt von 40^ beschränkt 
nach Osten schauen. Eine Landeskirche hat ja Hellas nicht 
gekannt, und doch sieht es so aus als ob in der Blütezeit 
aller Orten dieselben bindenden Vorschriften hinsichtlich der 
Orientation befolgt worden wären. Wie soll man im Angesicht 
der Sterntempel von Didyma Samothrake Delphi Athen Thera 
Metapont Lokri diese merkwürdige Wendung erklären? Aus 
der Beobachtung des Vorrückens der Nachtgleichen, der 
Erkenntnis von der langsamen Verschiebung der Fixsterne im 
Jahresring darf die Wendung nicht hergeleitet werden. Dazu 
stand die ältere Astronomie zu tief, wie uns Hipparchs Com- 
inentar überzeugend darlegt. Den richtigen Weg weist der 



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160 Kapitel V. 

Kalender. Nach Geminos (S. 120) ist die Festordnung des 
ganzen Jahres durch Gesetz und Orakelsprüche, modern g'e- 
redet durch weltliches und geistliches Recht geregelt. Soweit 
wir die Geschichte der Menschheit übersehen, liegen Staat 
und Kirche über die Zeitrechnung im Streit. Die sinnlose 
Anomalie dals das Haaptfest der Christenheit keinen festen 
Platz im Jahresring einnimmt, wird allseitig als lästige 
Störung empfunden; dals sie bald beseitigt werde, dafür ist 
nur schwache Hoffnung vorhanden. Immerhin sind wir vor 
Ueberraschuugen sicher denen Griechen und Römer vor Caesars 
Reform ausgesetzt waren, als Niemand im voraus wissen konnte, 
wie viel Monate das kommende Jahr und wie viel Tage der 
einzelne Monat erhalten witrde. In den Anfängen stellt der 
Priester nach eigenem Wissen den Kalender allein her, mit 
der Entwicklung von Handel und Verkehr greift der Staat 
ein und sucht die geistliche Willkür durch feste Normen ein- 
zudämmen. Beide Gewalten sind bei der Errichtung eines 
Tempels beteiligt: ihr Zusammenwirken wird für Aegypten 
{S. 37) und für Rom (Kap. VII) ausführlich beschrieben, ver- 
steht sich auch für Hellas von selbst. Wurde nun die Axe 
nach dem Auf- oder Untergang eines Sterns abgesteckt, so war 
damit ein auf die Länge trügendes, für einige Menschenalter 
vorzügliches Hülfsmittel zur Beobachtung des Himmels ge- 
schaffen. Sein Gebrauch jedoch blieb auf den engen Kreis 
der Wissenden beschränkt, der Bürger mufste den Spruch des 
Priesters auf Treu und Glauben hinnehmen. Wurde dagegen 
die Axe nach dem Aufgang der Sonne gerichtet, so war der 
Kalender der Aufsicht der Oeffentlichkeit unterstellt; die Länge 
des Schattens den der Tempel warf, tat männiglich kund wann 
sein Fest zu feiern sei. Es verdient Beachtung, dals die 
Hauptsitze des geistlichen Rechtes, der Orakel und Mysterien 
die stellare Orientation bevorzugen, die der Freistaat beseitigt. 
Mit dem Sieg des Bürgertums geht die Einführung der acht- 
jährigen Schaltperiode Hand in Hand. Sie beruht auf der 
am Nil ermittelten Kenntnis von der Dauer des tropischen 
Jahres, sucht einen verständigen Ausgleich zwischen Sonne 
und Mond. Aller Mängel ungeachtet bezeichnet sie gegenüber 
der priesterlichen Geheimtuerei einen ähnlichen Fortschritt, 
wie das geschriebene vom Gewohnheitsrecht. Derart rückt 



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Hellenische Sterntempel. 161 

die Frage nach der hellenischen Orientation in den allgemeinen 
Zusammenhang ein^ den Kampf von Aufklärung und Tradition, 
Bürgertum und Hierarchie. Sie bietet deshalb der geschicht- 
lichen Forschung dankbaren Stoff. Vor mehr als zwanzig 
Jahren habe ich darauf hingewiesen, dafs wir in den Tempel- 
ruinen historische Urkunden ersten Ranges besitzen. Aber 
deren Entzifferung und Verwertung kann nur durch die gemein- 
schaftlichen Bemühungen von Astronomie und Archaeologie, 
orientalischer und klassischer Philologie gelingen. Für das 
Verständnis der christlichen nimmt die hellenische Orien- 
tation eine Wichtigkeit in Anspruch, die eine ausführliche 
Behandlung im Sinne dieser Studien rechtfertigt. 



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Kapitel VI. 

Hellenische Sonnentempel. 

Die Hellenen rechnen ihre Jahre nach dem Umlauf der 
Sonne, ihre Monate und Tage nach dem Umlauf des Mondes. 
Aus diesem Grunde zeigen die Tempelaxen kein einzelnes 
Datum, sondern nur die Mittellage der Feste an. Wir schrieben 
der Orientation nach Sternen einen priesterlichen, der Orien- 
tation nach der Sonne einen bürgerlichen Charakter zu. In 
einzelnen bemerkenswerten Fällen sind beide mit einander 
verbunden. In der Regel wird nur die Sonne berücksichtigt» 
Ich gebe zum Schlufs ein Verzeichnis sämtlicher mir bekannter 
griechischer Tempel, deren Lage zum Horizont näher bestimmt 
ist. Der Grad der Genauigkeit hängt von der Erfahrung, der 
Zeit, dem Instrument des Messenden ab. Die S. 39. 46 er- 
wähnten Fälle aus Aegypten lehren, dafs auch bei der Verwen- 
dung von Theodolithen Fehler von 1 — 2^ nicht ausgeschlossen 
sind, wo die magnetische Schwankung ins Spiel kommt. Deshalb 
gebührt dem von Penrose eingehaltenen Verfahren nach dem 
Sonnenstand die Richtung der Tempelaxen zu ermitteln ent* 
schieden der Vorzug (S. 118). Fehler kommen auch hierbei 
vor und wurden durch die vertrackte Aufgabe begünstigt, um 
deren Lösung er sich abmühte. Es schien nützliöh das ander- 
weitige Material beizufügen, teils zur Controle, teils um die 
Zuverlässigkeit magnetischer Messungen nachzuprüfen. Bei 
den im Folgenden aufgezählten 113 Tempeln ist stets der 
Gewährsmann angeführt, auf den die Orientirungsziffer zurück- 
geht. Der Name Penrose begegnet 66 mal. Einige deutsche 
Angaben stehen den seinigen an Zuverlässigkeit gleich. Es 
bleiben reichlich 40 Fälle übrig, wo allein magnetische Mes- 
sungen verfügbar sind. Trotz der obwaltenden Unsicherheit 
von ±2<^ lassen sie sich für unsere Zwecke gut brauchen. 



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Hellenische Sonnentempel. 163 

Wo der vermutliche Fehler diesen Betrag zu tibersteigen schien, 
habe ich einen Stern vorgesetzt: wenn auch zur näheren Be- 
sprechung weniger geeignet, leisten solche Nummern immerhin 
Dienste um den üeberblick über den Tatbestand zu erweitem. 
Dagegen habe ich auf ein paar Dutzend Tempel verzichtet, 
deren Messung nur bis auf ± 5® zuzutreffen schien. Die An- 
ordnung ist die topographische, beginnt vom Nordpunct (nach 
astronomischem Sprachgebrauch = 180<^) und kehrt durch Ost 
(2700) Süd (360« = 0^) West (90«) zum Ausgang zurück. Eine 
flüchtige Durchsicht zeigt, dafs die hellenische Welt überein- 
stimmend ihre Feste in gewissen Abschnitten des Jahres feierte, 
während andere leer ausgingen. Jedoch ist dabei nicht zu 
vergessen, dafs die Liste in der Richtung der Tempel nur 
den scheinbaren Horizont enthält; dieser weicht gelegentlich 
um ein paar Grad von dem wahren oder Seehorizont ab, der 
das Azimuth des Gestirns und damit die Lage des Festes 
angibt. Auf den jeweiligen Unterschied wird in den Erläute- 
rungen hingewiesen werden. Da ferner die Orientation ge- 
wechselt hat, sowohl was die Verwendung von Sternen als 
die Beschränkung auf eine einzelne Himmelsgegend betrifft, 
schien es zweckmäfsig die Gründungsepoche soweit möglich 
beizufügen. Von der Mehrzahl der Tempel sind die Inhaber 
bekannt; bei einzelnen gewährt die Orientation einen Anhalt 
zur Bestimmung. Freilich zielt unsere Arbeit weniger auf 
eine Förderung der Topographie als auf die Aufhellung des 
hellenischen Festkalenders hin, der die vielseitigsten Berüh- 
rungen mit der Götterlehre, der politischen und Culturgeschichte 
aufweist. Wir beginnen mit Einzelerörterungen und gehen 
von den Fällen aus, bei denen üeberlieferung und Denkmäler 
einander ergänzen. Wo uns jene im Stich läfst, haben die 
Denkmäler wenig zu sagen. Aber ein neuer Fund kann dem 
einzelnen Worte leihen. Vor allem trägt jeder Zuwachs des 
hier angelegten Repertoriums zum Verständnis des Ganzen bei. 
Und daran wird es nach den bisherigen Erfahrungen auch in 
Zukunft nicht fehlen. Die Lehrsätze die sich gegenwärtig 
aus dem vorhandenen Material über die Entwicklung der 
hellenischen Orientation gewinnen lassen, sollen am Ende des 
Kapitels zusammen gefafst werden. 



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164 Kapitel VI. 

§ 1. Athen. 
Die Nachrichten tlber den attischen Festkalender sind 
nach Ursprung und Bedeutung in zwei Klassen zu sondern. 
Die eine befafst die bei gleichzeitigen Schriftstellern, auch 
wohl in Urkunden erhaltenen Daten. Ihre Zurückführung auf 
das Sonnenjahr ist vorläufig noch unsicher, weil der Jahres- 
anfang nicht feststeht, über den nach der heutigen Lage dei* 
Forschung die Ansichten weit von einander abweichen. I?ie 
zweite Klasse enthält das jüngere Material, welches Gelehrte, 
Grammatiker, Scholiasten, Lexikographen der römischen Kaiser- 
zeit und der byzantinischen Epoche darbieten. Eine metho- 
dische Untersuchung der Feste mufs dies jüngere Material zu 
Grunde legen, da es bestimmt und klar mit dem solaren 
Kalender geglichen ist. Namentlich tritt dies bei Plutarch, 
unserm wichtigsten Gewährsmann zu Tage. Er erklärt Public. 
14, 3 eiboi^ ouv Z€7rT€)LAßpiai^ ö (JuvTUTXttvei rrepi rriv iravdeXiivov 
|üidXi(JTa Toö McTaYeiTviüüvoq, Sulla 14, 6 ^XeTv bi jäq 'AGrjva^ 
auTÖq q)Ti(Jiv ^v TOi^ \j7rojLivr)jLia(Ji Mapxiai^ KaXdvbai^ flTi^ Tiinepa 
jLidXKJTa (TuiLATTiTTTei Tfl voujLATivi(jt ToO 'AvOedTTipiOüvo^ M^vö^j 
Caesar 37, 2 x^ijliujvo^ ^v xpoTiai^ övToq idTajiievou 'lavouapiou 
jUTivö^ (oÖTO^ b' äv €iTi TTo(J€ib€U)v 'AÖTivaioi^). Er setzt also 
den Neujahrstag oder 1. Hekatombaeon = 1. August und weist 
den einzelnen Monaten im solaren Jahr einen Platz an, der 
nach der gewöhnlichen Meinung um eine Stelle vorgerückt 
erscheint. Dafs ihm die Zeitrechnung seiner attischen Nach- 
barn, bei denen er studirt hatte, wohl vertraut war, bedarf 
keines Beweises; auch seine Kenntnifs der römischen erlernte 
er praktisch durch seinen Aufenthalt in Rom. Allerdings 
begegnet ihm Marius 26, 4 der Irrtum, Juli und August mit 
einander zu verwechseln, aber nur durch einen Fehler des 
Gedächtnisses, Plutarch hatte vergleichende Monatskunde 
getrieben, heortologische Schriften verfafst. Seine Gleichung 
der attischen Monate mit den iulianischen wird* durch den 
zweiten uns genau bekannten Sonnenkalender, denjenigen von 
Alexandria bestätigt, insofern es Isis 69 heilst Ictti bk 6 infiv 
ouTO^ Tiepi TTXeidba anoQiixoq öv 'A9up Aitutttioi, TTuavei|iiuiva 
b' 'AGrivaioi, Boiuütoi bk Aa^dTpiov KaXoOm. Der angeführte 
Früliuntergang der Plejaden fällt Anfang November, der Atbyr 
reicht vom 28. October bis 27. November: hier wiederum 



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' Hellenische Sonnentempel. 165 

gleicht der Pyauepsion nicht dem ersteren, wie man zu sagen 
pflegt, sondern dem letzteren Monat. Der Ansatz Plutarchs 
stimmt ferner vollkommen ttberein mit dem bildlichen Kalender, 
der tlber der Tür einer aus antiken Werksttlcken erbauten 
Kapelle Panagia Gorgopiko in Athen eingemauert ist ^). Die 
Monate sind hier durch die in ihnen gefeierten Hauptfeste 
dargestellt, aufserdera vermittelst der Bilder des Tierkreises 
orientirt. Der durch das Schiff der Panathenaeen als Heka- 
tombaeon bezeichnete Monat führt das Bild des Löwen und 
Hundes. Nach der im Altertum herrschenden Anschauung trat 
die Sonne in das Zeichen des Löwen, sobald der Sirius in 
der Morgendämmerung sichtbar wurde. Der Frühaufgang des 
Sirius fiel in Aegypten um den 20., in Attika den 27. und 
28. Juli. Der Bildner dieses Kalenders — unsicherer Epoche, 
man vermutet das erste Jahrhundert v. Chr. — dachte sich 
also den Hekatombaeon vom 27. Juli bis 26. August reichend. 
Indessen haben wir es offenbar bei unserem Bildwerk nicht 
mit einem beliebigen, sondern mit einem allgemein gültigen 
Ansatz zu tun. Die Schwankungen der lunisolaren Rechnung, 
die Verschiedenheit der Datirung in den einzelneu Staaten 
zwangen die historische Forschung Mittelwerte aufzustellen 
und diese nach einem festen Mals, d. h. dem Sonnenumlauf 
zu bestimmen. Man setzte also Hekatombaeon = August oder 
= Mesori oder = dem Zeichen des Löwen : die Abweichung 
dieser drei Gleichungen unter einander fiel für den praktischen 
Gebrauch nicht ins Gewicht. Eine strenge Genauigkeit, wie 
sie von der heutigen Forschung gefordert wird, war bei den 
Alten nicht üblich: ohne Bedenken behandelten Römer und 
Griechen die Daten des römischen Kalenders vor und nach 
der Reform Caesars als gleichwertig, wie erheblich auch der 
Unterschied in einzelnen Fällen sein mochte. Nach dem 
Gesagten haben wir die Angaben, die sich in der späteren 
Litteratur über attische Feste finden, nach den mitgeteilten 
Gleichungen umzurechnen, um die Stellung der Feste im Sonnen- 
jahr zu bestimmen. Die Frage, ob der bürgerliche Kalender 
der Athener im ganzen Verlauf seiner Entwicklung den an- 



1) C. Böttiöher, der antike Festkalender an der Panagia Gor- 
gopiko, Philologus XXII p. 385 fg. 755. 



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166 Kapitel VI. 

genommenen Gleichungen entspricht, braucht nicht erörtert zu 
werden. Für die ältere Epoche, in welcher der Festeyclus 
geordnet und die Tempel erbaut wurden, ist sie unbedenklich 
zu bejahen. Eine Mondfinsternifs vom 9. October 425 v. Chr. 
wird ausdrücklich dem Boedromion zugeschrieben und damit 
die Dauer dieses Monats vom 25. September bis 24. October 
erwiesen. Nach der eindringenden ürkundenforschung Böckh's 
stellt A. Mommsen^) für die Epoche 438 — 423 v. Chr. einen 
Kalender auf, dessen Neujahr zwischen dem 15. Juli und 
11. August schwankt. Nach dem metonischen Cyclus, wie 
man ihn wieder aufgebaut hat, wird dagegen der erste Heka- 
tombaeon bis zur Sonnenwende herangerückt. Ich gebe bereit- 
willig zu, dafs Aufklärung und Politik eine derartige Ver- 
schiebung der Jahresanfänge veranlafst haben können. Indessen 
wird eine erneute Durchmusterung der griechischen Chronologie, 
die weniger auf ein geschlossenes System als auf zweifellose 
Tatsachen zu achten hätte, den Frühanfängen ein gewisses 
Mifstrauen entgegen bringen. Die Gleichung der Heortologen 
stimmt nicht nur zu den für das fünfte Jahrhundert ermittelten 
Ansätzen der Oktaeteris, sie stimmt vor allem zu den Richtungs- 
axen der Tempel selbst. Der froniine Glaube, welcher in den 
Aufgängen der himmlischen Leuchten Aeufserungen des Götter- 
willens erkannte, hat im Lauf der Zeiten nicht gewechselt, 
tritt am Ausgang des Altertums mit gleicher Inbrunst auf wie 
in den Anfängen. Es läfst sich kaum annehmen, dafs er zeit- 
weilig im Volksbewufstsein verdunkelt, seine Aeufserung im 
Cultus verdrängt gewesen sei. Es ist sehr wohl denkbar,^ dafs 
bürgerliche und kirchliche Rechnung getrennte Wege gewandelt 
sind; wie kunterbunt es in dieser Hinsicht in einem verfallenden 
Freistaat zugehen konnte, wissen wir zur Gentige aus Rom. 
Aber es ist nicht die Aufgabe dieser Darstellung, so schwierige 
Probleme im Vorübergehen zu streifen. Sie bescheidet sich 
Material zur Lösung solcher Probleme herbeizuschaffen. 



Aufser den neuesten Messungen Penrose's stehen ältere 
magnetische zur Verfügung; für deren Umrechnung ist es nötig 



1) Chronologie» Untersuchungen über das Kalenderwesen der 
Griechen, insbesondere der Athener, Leipzig 1883, p. 391 fg. 



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Hellenische Sonnentempel. 167 

sichere Mittelwerte festzustellen. Die westliche Declination 
der Nadel betrug 1837 nach dem Plan von Aldenhoven an- 
nähernd IP 35^. Sie war nach einer Mitteilung des verstor- 
benen Direktors der Sternwarte J. Schmidt im März 1863 im 
Piräus und südlich von Munychia bestimmt worden und zwar 
für 1861 zu 9^ mit einer jährlichen Abnahme von 5'. Sie 
betrug nach einer älteren Mitteilung desselben Gelehrten (Tem- 
plum p. 179) 1857 9^ 15^. Die Annalen der Hydrographie 
VIII p. 64 (Berlin 1880) geben für den 1. Januar 1880 im 
Piräus 7^ 30' mit 5' jährlicher Abnahme an. Diese vier über- 
einstimmenden Angaben werden durch drei unrichtige Bestim- 
mungen bestätigt. Penrose fand 1847 IP 47' d. h. P 37' zu 
viel, Kaupert fand nach einer Mitteilung v. Altenas 1875 6^45' 
d. h. P 5' zu wenig, v. Alten fand 1877 8« 46' für Athen, 
S^ 18' für Piräus d. h. V 6' bezw. 38' zu viel. Ich lege also 
die durch Schmidts Güte 1874 mir übersandten Werte zu 
Grunde: 

1861 Variation = 9« 0' N zu W 
1870 8 15 

1875 7 50 

1877 7 40 

Folgende Messungen werden von mir benutzt: 

Penrose, an investigation of the principles of Athenian 
architecture, London 1851, p. 4 und plate 2. Die Bestimmung 
der magnetischen Declination ist zwar ungenau, aber die 
Winkel der Tempel auf der Akropolis sind durch davon un- 
abhängige Messungen ermittelt. 

Schöne in den von mir im Templum, Berlin 1869, 
benutzten Mitteilungen. 

Burnouf, la legende Athenienne, 6tude de mythologie 
compar6e, Paris 1872. Der Verfasser knüpft an die Lage des 
Parthenon astronomische Theorien an und weifs dabei nicht, 
dafs die magnetische Declination eine veränderliche Gröfse sei. 
Er hält die von Penrose 1847 getroffene falsche Bestimmung 
derselben zu 1P47' für absolut gültig vor wie nach diesem 
Zeitpunct. Da er 1870 gemessen zu haben scheint, irrt er 
sich um 3^ 32'. Aus den einander widereprechenden Angaben 
p. 43 und 52 ist nicht ersichtlich wie der Verf. seine Opera- 
tionen angestellt hat, daher die Umrechnung nicht unbedingt sicher. 



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168 Kapitel VI. 

Kaupert in seinen Aufnahmen ffir die Berlin 1881 
herausgegebenen Karten von Attika. Herr v. Alten tibersandte 
mir daraus die oben erwähnte Bestimraung der Declination 
sowie Messungen von Parthenon, Erechtheion und Olympieion. 
Die Umrechnung ist einfach und sicher. Später erhielt ich 
durch E. Curtius* Vermittlung etwas anders lautende Angaben 
für die Tempel der Akropolis, die der definitiven Verarbeitung 
des Materials anzugehören scheinen und um etwa Vj^^ falsch 
orientirt sind. Die Messung des Niketempels läfst sich nur 
annähernd daraus gewinnen. 

6. V. Alten als Preraierlieutenant im Grofsen General- 
stab 1877 bei der Vermessung Attika's beteiligt, hat zum 
Besten der Orientirungstheorie Tempel und Kirchen Athens 
gemessen und mir in liebenswürdiger Zuvorkommenheit ein 
ebenso reichhaltiges als zuverlässiges Material zur Verfügung 
gestellt. Seine Bestimmung der Declination ist ungenau, aber 
die Umrechnung nach dem oben festgestellten Mittelwert sicher. 

Dörpfeld hat mir 1884/85 eine Anzahl Messungen 
übersandt. 



In jungen nach einheitlichem Plan angelegten Städten 
wie Priene Paestum Selinunt herrscht eine einzige Orientation. 
Die alten Gründungen die im Verlauf vieler Jahrhunderte 
heran gewachsen sind, tragen in dem Wechsel ihrer Tempel- 
axen zugleich eine bewegte Vergangenheit zur Schau. Wie 
in Aegypten (S. 42) und anderwärts die Götterwohnung erst 
spät neben dem Herrschersitz zur Geltung gelangte, so ist es 
auch in Athen gegangen. Dnter den erhaltenen das älteste 
dürfte das kleine Heiligtum des Dionysos in den Sümpfen sein, 
das Thukydides II 15, 4 den Anfängen zuweist: wir setzten es 
S. 147 ins 8. Jahrhundert. Dann folgt der im 7. auf der 
Stätte des früheren Königspalastes errichtete Alte Tempel, den 
Dörpfeld 1885 entdeckt hat (Judeich Top. 237 fg.). Er liegt 

260<> 55' Penrose 

259<> 45' Dörpfeld. 

Da nach Ersterem der Höhenwinkel im Osten 2^ 40' 

beträgt^ so entspricht die Axe einem Sonnenaufgang 24 Tage 

nach der Frühlings-, vor der Herbstnachtgleiche; einem unter 

gang 20 Tage vor bezw. nach demselben Termin. Der Tempel 



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Hellenische Sonnentempel. löB» 

480 zerstört, hierauf notdürftig hergestellt, brannte 406 ab 
und verschwindet seitdem. Wie er in seiner Richtung die 
Mitte hält zwischen Parthenon und Erechtheion, so mögen die 
an beiden gefeierten Feste ursprünglich an ihm vereinigt 
gewesen sein. Der allgemeine Hergang in den Freistaaten ist 
ja der, dafs die Vermehrung der Tempel die Vermehrung der 
Feste einbegreift. Aber über den Kalender der älteren Zeit 
ist nichts Näheres bekannt. — Die Pisistratiden erhoben die 
Panathenaeen zum Hauptfest des athenischen Staats: als Sitz, 
der Feier wurde der prachtvolle Tempel begonnen, der nach 
mancherlei Zwischenfällen durch Perikles 447 — 32 zur Aus- 
führung gelangte (Judeich Top. 225 fg.). 

Parthenon: 255M3^ Penrose (1851) 



257 




Schöne 


255 


49 


Burnouf 


255 


45 


Kaupert 


255 


38 


V. Alten 


256 




Dörpfeld 



257» V Penrose. 
Den Höhenwinkel nach Osten gibt Letzterer zu 2^ 25^ 
an. Folglich entspricht die Axe einem Sonnenaufgang, der 
64 Tage von der Sonnenwende, 30 Tage von der Nachtgleiche 
entfernt ist: iulianisch ausgedrückt in den Schaltjahren 601 v.Chr. 
27. April 30. August, 1 v. Chr. 22. April 25. August. Das Haupt- 
fest des Tempels sind die Panathenaeen. Sie wurden nach 
dem Kalender von Gorgopiko unter dem Zeichen des Löwen» 
(27. Juli bis 26. August) gefeiert, den Urkunden zufolge zwischen 
dem 16. Hekatombaeon und den Eleusinien im Boedromion^ 
nach Euripides am Ende eines Monats, nach Demosthenea 
nicht viel später als der 13. Hekatombaeon^). Alles trifft 
zusammen, um die Angabe des Proklos zu bestätigen zu 
Piatons Timaeos p. 9 tot Top MCTciXa TTavaGrjvaia tou 'EKaxoiLA- 
ßaiÄvoq ^TiveTO Tpitri dmövroq, u)^ xai toOto toT^ ^iLATipocrOev 
icTTÖpriTai. Der 28. Hekatombaeon, den Proklos den Heorto- 
logen entnommen, ist nach den S. 165 mitgeteilten Gleichungen 
im Mittel auf den 23. 26. oder 28. August zu setzen. Dem-^ 



1) Die Zeugnisse zusammengestellt bei Michaelis, Parthenon, 
p. 319 fg. vgl. p. 370. 



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170 Kapitel VI. 

zufolge ergibt sich zwischen der Richtung des Tempels und 
der kalendarischen Lage des Festes eine so vollkommene 
üebereinstimmung, wie man nur irgend wünschen kann. Indefs 
bleibt zu erwägen, ob nicht auch der Frühlingstag, an dem 
die aufgehende Sonne das Götterbild beschien, im Cultus aus- 
gezeichnet worden sei. 

Der 28. Hekatombaeon wird von den Neueren als Ge- 
Mrtstag der Athena betrachtet, ohne dafs in der Litteratur 
für solche Annahme eine sichere Grundlage gegeben wäre; 
denn es berichtet allein der Scholiast zur Ilias VIII 39 TpiTO- 
T^veia ^KXfiOn . . . fj öti Tpirr) cpGivovTO^ ^T^xOn- Beides die 
Ansicht der Neueren wie die des Scholiasten wird durch den 
Ostgiebel des Parthenon widerlegt. Hier hat uns Phidias den 
'Geburtstag mit einer Bestimmtheit angegeben, die ich urkund- 
lich nennen möchte. In der Südostecke steigt Helios auf, in 
der Nordwestecke sinkt Selene hinab: ebenso war es auf der 
Basis des Zeus von Olympia, welche die Geburt der Aphrodite 
darstellte (Pausan. V 11, 8). üeber die Bedeutung beider 
Figuren ist viel Tiefsinniges gesagt worden. Für einen 
-Griechen, meine ich, war jeder Zweifel ausgeschlossen. Nur 
einmal im Monat trifft es zu, dafs Selene nieder- und gleich 
nachher Helios aufsteigt: am Vollmond, der weihevollsten Zeit, 
wo die Dunkelheit verdrängt ist, die grofsen Himmelslichter 
■einander ablösend ihre siegreichen Bahnen beschreiben. Die 
Vollmondstage waren bei den Römern dem Jupiter heilig 
(Preller, Rom. Myth.^ p. 139). In der üeberlieferung wird 
kein besonderer Kalendertag dem Zeus zugewiesen; aber dafs 
^uch ihm der Vollmond geweiht war, können wir mit Fug 
-aus dem Umstand schliefsen, dafs die Zeusfeste eben vorzugs- 
weise auf diesen Zeitabschnitt gelegt werden. Nach Phidias 
-also ist Athena in der Frühe eines Vollmondstages geboren. 
Für einen Scholiasten war es ein verzeihlicher Irrtum, dies 
Ereignifs mit der Tpirri q)9ivovTO^ und den Panathenaeen in 
Verbindung zu bringen. Aber die Bewohner Attika's können 
schwerlich geglaubt haben, dafs ihre Göttin in einer Jahreszeit 
das Licht der Welt erblickte, als die Vegetation verdorrt, die 
Natur in den Sommerschlaf gefallen war, der rote Sirius am 
Himmel stand. Im Lenz werden die Götter des Lebens ge- 
Jboren. Der Parthenon gibt näheren Aufschlufs. Zweimal trifft 



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Hellenische Sonnentempel. 171 

die Richtung der aufgehenden Sonne mit seiner Axe zusammen : 
am 22. April und 25. August. Wenn das letztere Datum auf 
eine Tpirr] cpOivovTO^ gelegt ist, so fällt das erstere notwendig 
in die Nähe eines Vollmonds, und da jenes dem Hekatombaeon, 
gehört dieses dem Elaphebolion an. Der Vollmond des Ela- 
phebolion weist das Fest der Pandien auf, das im Kalender 
nach den städtischen Dionysien und vor dem 18. steht, von 
C. Fr. Hermann auf den 16., von A. Mommsen auf den 14. 
gesetzt wird^). Nach den Alten tritt Vollmond frühestens am 
13. spätestens am 17. ein (Geminos 9). Vom 25. August rück- 
wärts gerechnet würden wir auf den 18. Elaphebolion gelangen; 
doch ist auf den einzelnen Tag nichts zu geben, da bei luni- 
solarer Rechnung immer ein gewisser Spielraum frei bleibt. 
Ueber das Fest wissen wir mit Sicherheit nur, dafs es dem 
Zeus galt. In der Blütezeit von Athen ist die Aufmerksamkeit 
ganz von den Panathenaeen gefesselt, die ein Ausdruck attischer 
Macht und Herrlichkeit erfolgreich mit den Olympien wett- 
eiferten. In der Kaiserzeit ist die ursprüngliche Festepoche 
wieder zu Ehren gelangt. Im vierten Jahrhundert n. Chr., 
als das attische Reich längst in Trümmeiii lag, feiert man 
die Panathenaeen im Frühling, wenn die Nachtigallen singen 
(A. Mommsen a. 0. 134 fg.). — Der Alte Tempel der Athena 
wurde in zwei zerlegt. Von diesen ist am Tempel der Athena 
Polias, oder wie wir ihn zu nennen pflegen, am Erechtheion 
noch im letzten Drittel des peloponnesischen Krieges gebaut 
worden. 



ion: 264» 13' 


Penrose (1851) 


267 30 


Schöne 


266 15 


Bnrnouf 


263 5 


Kaupert 


263 28 


V, Alten 


264 


Dörpfeld 



2650 9^ 22^' Penrose 
Die Ziffer steht bei Penrose p. 825 zu lesen. Dagegen nimmt 
er p. 810 ein älteres Erechtheion an das 251 ^ 39^ liegen soll. 



1) Hermann, Lehrbuch d. gottesdienstlichen Altt. d. Gr.^ 
p. 407 fg. A. Mommsen, Heortologie p. 387 fg., Feste der Stadt 
Athen p. 431. 448. 



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172 Kapitel VI. 

und berechnet als dessen Gründungstag den 29. April 1070 v. Chr. 
Aber die Deutung jener Mauerztige unter der Westfront (Judeich 
Top. 245) ist ebenso unzulässig wie die ganze Annahme. Viele 
Götter wurden neben der Polias verehrt, von einem Hauptfest 
ist nichts überliefert. Der Sonnenaufgang fällt in die Richtungs- 
axe 17 Tage vor und nach der Feier des Parthenon, also vom 
28. Hekatombaeon gerechnet auf Vollmond etwa den 15. Meta- 
geitnion. Dieser Monat wird im Kalender von Gorgopiko ganz 
übergangen, aber Plutarch de exilio 6 schreibt äpa oöv Hvox 
Kai dTTÖXibc^ elcTiv 'AGrivaiuüv ol jueTadTCtvTeq ^k MeXiTiiq eiq 
AiuijLiiba, ÖTTOU Kai jnfiva MeTaTCiTViuiva Kai Ouaiav ^ttüüvujlaov 
äTOuai Toö )LA€TOiKi(y)LAoO TOI McTaTeiTvia, Tf|v Trpö^ ^x^pou^ T€l- 
TviacTiv 6UKÖXujq Kai IXapuiq ^KbexöjiAevoi Kai (TTcpTOvreq; Ein 
altes Siedelfest also, das mit den Synoekien am Vollmond des 
Hekatombaeon (Plut. Theseus 24) zusammen zu hängen scheint. 
Auf unseren Tempel pafst es recht gut. Wie der zweite Tag 
(TpiTTi qpGivovTO^ des Anthesterion ?) im Kalender ausgezeichnet 
war, wissen wir nicht. Klarer liegt die Sache bei dem vierten 
Athenatempel auf der Burg. 



Nike: 275» 30^ 


Schöne 


* 271 49 


Burnouf 


275 50 


Kaupert 


275 11 


V. Alten 



2750 43' 17^^ Penrose. 

Derselbe bestimmt den durch den Hymettos gebildeten Höhen- 
winkel zu 5^ 22^ Somit entspricht die Axe einem Sonnen- 
aufgang unmittelbar nach der Frühlings-, vor der Herbstnacht- 
gleiche: iulianisch ausgedrückt in den Schaltjahren 601 v. Chr. 
28. März 28. September, 1 v. Chr. 23. März 24. September. 
Plutarch de gloria Ath. 7 schreibt, die Athener hätten nicht 
die Siege des Aeschylos und Sophokles gefeiert, dXXd ^K-nj 
jnfev laTajLi^vou BoTibpojLiuövo? iaiii vOv Tf|v i\ MapaGÄvi viktiv 
fi TTÖXi? iopjalex (ebenso Camill. 19, irrig Aelian Var. Histor 
II 25 Thargelion). Auf den 3. Boedromion fallen die Siege 
von Plataea und Mykale, auf den 2. der Streit zwischen Athena 
und Poseidon aus dem jene als Siegerin hervorging (Proklos zu 
PI. Timaeos p. 53, Plut. quaest. eonviv. IX 6). Da Plutarch 
den Boedromion dem October gleich setzt (S. 164), findet eine 



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Hellenische Sonnentempel. 173 

vollkommene üebereinstimmung zwischen der Lage des kurz 
vor dem peloponnesischen Kriege erbauten Tempels (Judeieh 
Top. 201) und dem kalendarischen Ansatz der Niketerien statt. 
Bestätigend kommt der Kalender von Gorgopiko hinzu, welcher 
im Festreigen des Monats an erster Stelle eine geflügelte Nike 
mit einer Schale voller Früchte (Granatäpfel?) aufführt; auch 
das Cultbild der übrigens ungeflügelten Athena Nike trug einen 
Granatapfel in der Hand. Wir denken zurück an den Oelbaum, 
durch dessen Geschenk Athena den Poseidon überwand, und 
ziehen den Schlufs, dafs die friedlichen Siege der Stadtgöttin 
höher noch als die kriegerischen geschätzt worden sind. Von 
hier aus könnte man eine Beziehung des zweiten Sonnenauf- 
gangs der in die Tempelaxe fällt, zum Blütenfest der Anthe- 
sterien, mit dem er zusammen trifft, suchen: aber Bestimmtes 
ist nicht überliefert. — Im Unterschied von der Burg weisen 
die Feste der kleinen Heiligtümer am Südabhang in den 
Frühling. 

Asklepieion: altes 264^27' Penrose 

junges 263 26 v. Alten 
263 33 Penrose 
Höhenwinkel 3 25 
Von dem alten (4,25X5,06 m) wie von dem jungen (6X10,5 m) 
Tempelchen sind nur die Fundamente erhalten (Judeich Top. 286). 
Beide Axen weichen 2 Tage von einander ab. Die Lage führt 
auf einen Sonnenaufgang 18 oder 20 Tage nach, bezw. vor 
der Nachtgleiche, iulianisch in den Schaltjahren 601 v. Chr. 
14.— 16. April 10.— 12. September, 1 v. Chr. 9.— 11. April 
6. — 8. September. Nach den Inschriften über den Erlös der 
Opferhäute (CIA. II 741 Dittenberger^ 620) gehen die Asklepieen 
den städtischen Dionysien voran. Den Tag erfahren wir aus 
Aeschines gegen Ktesiphon 67, wo er dem Demosthenes vor- 
wirft, dafs dieser tp^V^i i|iriq)i(r)LAa xouq xaipouq Tf\q TröXewq 
uqpmpoujuevo^ ^KKXridiav iroieiv toik; TipuTdveK; Tr) öfbör) IcTta- 
jLievou ToO 'EXaq)TißoXiaivoq Mtivö^ öt' ^v toj 'AaKXriTritj) fi Oudia 
Kai 6 TipottTibv, iv if) iepqi nM^P<?, 8 TipÖTepov oubei^ laejLiviiTai 
Tevö)LA€vov. Zur Zeit des Redners entsprach der in die Axe 
des Heiligtums fallende Sonnenaufgang dem 12. April. Man 
kann das Datum des 8. Elaphebolion nach den verschiedenen 
Gleichungen spätestens auf den 8. April bringen; dagegen 

Nissen, Orientation, Stud. z. Religionsgesch. II. 5 



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174 Kapitel VI. 

trifft die Zahl der vor den Pandien (S. 171) verstreichenden 
Sonnenaufgänge und der Abstand beider Feste von einander 
wie er im Kalender erscheint, zu. Aber die Axe des 420 
gestifteten Asklepieion ist von der Axe des ein Jahrhundert 
älteren Dionysion 13 Tage entfernt statt 7. Dergleichen ün- 
genauigkeiten sind von lunisolarer Rechnung unzertrennlich. 
Indefs auch hier tritt die üebereinstimmung in der Orientirung 
des Heiligtums und seines Hauptfestes deutlich zu Tage. Von 
einer etwaigen zweiten Feier im Metageitnion ist nichts bekannt. 
Dionysos alter Tempel : 255^ 7^ 42^^ Penrose 

255^ 30^ Dörpfeld 

jüngerer Tempel: 255<> 49^ 30^^ Penrose 

2560 30' Dörpfeld. 

Den Höhenwinkel gibt Penrose zu 3^ 3' an. Der alte Tempel 
(8X13,5 m) ist im 6. Jahrhundert, der jüngere (10,5X21,95 m) 
etwa 420 v. Chr. erbaut (Judeich Top. 283). Die Axen liegen 
1 — 2 Tage aus einander. Sie entsprechen einem Sonnenaufgang 
36 Tage nach bezw. vor der Nachtgleiche, 601 v. Chr. 2. — 4. Mai 
24.-26. August, 1 v.Chr. 27.-29. April 19.— 21. August, treffen 
also mit dem Parthenon nahe zusammen. Die Grofsen Dionysien 
stellen das Hochfest des Heiligtums dar, wie die Panathenaeen 
das des Parthenon: beides die glänzendsten Feste, welche 
Athen seinen Bürgern und allen Hellenen darbot. Die Epoche 
der Grofsen Dionysien ist ziemlich genau dahin umschrieben, 
dafs sie ein paar Tage nach dem 8. und vor den 18. Elaphe- 
bolion fallen (Schol. Aesch. Ktes. 67). Sie dauerten etwa 6 Tage, 
von denen allein 3 durch scenische Aufführungen in Beschlag 
genommen waren (Sauppe, Ber. d. Sachs. Gesellsch. 1855 p. 18 fg.). 
Ueber die religiöse Seite erfahren wir wenig. Es ist unrichtig 
den Festzug und das Staatsopfer zu Anfang auf den 9. Ela- 
phebolion zu setzen : die Rücksicht auf das unmittelbar voraus- 
gehende Opfer der Asklepieen am 8. hätte allein vor einer der- 
artigen sinnlosen Häufung bewahren sollen (Dittenberger^ 620). 
Es unterliegt keinem Zweifel, dafs wie an den Panathenaeen 
und wie in Olympia die Hochfeier den Beschlufs machte, 
mithin auf Vollmond etwa den 15. fiel. Die Alten glichen 
den Elaphebolion dem April, die Neueren gemeinhin dem März. 
Wie sehr jene im Recht waren, lehren die für die Dionysien 
gedichteten Lieder : die Rosen, von denen Pindar und Simonides 



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Hellenische Sonnentempel. 175 

singen, blühen erst im April (A. Mommsen a. 0. p. 60 A. 2, 395). 
Die Lenzesfreude, welche alle Schilderungen ausnahmslos atmen, 
würde auf die erste Hälfte März passen wie die Faust aufs 
Auge. Dionysien und Panathenaeen werden häufig zusammen 
genannt. Beide dienen als Zeitbestimmung wie bei uns Ostern 
und Michaelis. Der Abstand zwischen ihnen beträgt 4^/3 Monat, 
ein Drittel des Schaltjahrs. An beiden werden die Gefangenen 
für die Dauer des Festes in Freiheit gesetzt. Zur Verherr- 
lichung beider haben die Bundesgenossen zu steuern (Ditten- 
berger^ 19). Die eigentlich religiösen Bezüge treten in der 
üeberlieferung vielfach verdunkelt entgegen. Da^ Lenzfest 
gilt von Hause aus nicht dem jugendlichen Weingott, sondern 
dem Zeus. Ihm ist der heiligste Tag, der Vollmond der 
Pandien geweiht (S. 171). Aber damit kommen wir auf theo- 
logische Fragen, die uns nichts angehen. Es genügt die 
Uebereinstimmung der Tempelaxen mit ,der kalendarischen 
Lage der Dionysien zu betonen. 

Olympieion altes : 268^ 0^ Penrose 

neues: 210^ Penrose (1851) 

269« 45' Burnouf 

268« 35' Kaupert 

268<> 46' V. Alten 

270« 5' 2'^ Penrose. 
Das Heiligtum wird von der Tradition in die Urzeit verlegt, 
von Thukydides II 15 den ältesten Athens zugeschrieben. 
Pisistratos begann den Bau eines grofsen Tempels (15,2 X 35,3 m), 
der in den Anfängen stecken blieb (Judeich Top. 340 fg.): mit 
ihm haben wir uns zunächst zu beschäftigen. Er lag aufserhalb 
der alten Stadt: dafür gewährt das Hadrianstor ein urkund- 
liches Zeugnifs. Thukydides erzählt I 126: wie Kylon vom 
delphischen Gott die Weisung bekam ^v if} toO Aid^ Tf| |Li€Ti(TTr| 
dopTfi KttTaXaßeiv Tfjv 'AOrivaiuüV dKpÖTroXiv. 6 bfe . . . dTreibf] 
dirfiXGov 'OXiJjLATTia toi iv TTeXoTTOvvriaiu, Kax^Xaße Tf|v dKpÖTroXiv 
ijj<; im Tupavvibi vojiiicJa^ ^opTrjv xe toO Aiöq ]jieiiöTr\v elvai xai 
dauTiu Ti 7Tpo(rr)K€iv '0Xu)LA7ria veviKTiKÖTi. ei bk i.v ifj 'AttikQ fj 
ÄXXoOi TTOu i\ iLieTicTTTi ^opiri eipriTO, oute ^k€ivo(; Jti KatevÖTide 
TÖ T€ iLAavTeTov ouK ^briXou (fcTTi Tctp Ktti 'AGrivaioi^ Aiddia & 
KttXeiTai Aid^ lopxfi MeiXixiou )LA€Ti(TTTi, ßuj xfi^ rröXeujq, dv (1 
iTavbT]|Li€i GuoucTi TToXXoi oux iepeia dXXct GujLiaTa dirixuipia). 



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176 Kapitel VI. 

Dafs das gröfste Zeusfest zu dem gröfsten Zeustempel Athens 
Beziehungen hatte, ist an sieh glaublieh und wird von A. Mommsen, 
Heortologie p. 379 fg. Feste der Stadt Athen 421 fg. überzeugend 
nachgewiesen. Die Zeit der Diasien wird in dem ravennatischen 
Scholion zu Aristophanes Wolken 408 angegeben dopTf) MeiXi- 
Xiou Aiöq' aTerai bk juiivöq 'AvGecJTTipiaivoq r\^ q)6ivovToq. Der 
bekränzte bärtige Mann neben dem Widder, welcher in dem 
Kalender von Gorgopiko diesen Monat ausdrückt, ist vielleicht 
gleichfalls als Zeus Meilichios zu fassen. Nach den S. 165 
mitgeteilten Gleichungen ist der 23. Anthesterion = 19. 20. oder 
23. März. Da der Höhenwinkel nach Penrose 4^ 31' beträgt, 
so fällt der Sonnenaufgang in die Tempelaxe 14 Tage nach 
der Frühlingsnachtgleiche, 601 v. Chr. 10. April, 1 v. Chr. 
6. April. Das Datum das der Tempel ergibt, ist also dem 
aus der Gleichung der Heortologen entnommenen Datum um 
14 Tage voraus. Vergleicht man umgekehrt die Lage des 
olympischen mit der Lage des alten Tempels des Dionysos, 
so sind sie im wahren Azimuth 11^ = 22 Tagen von einander 
entfernt: ebenso grofs ist der Abstand zwischen dem 23. Anthe- 
sterion und dem Vollmond des Elaphebolion, den beiderseitigen 
Festtagen. Das Rätsel ist einfach zu lösen. Wenn die 
12 attischen Monate zu 354 Tagen mit den 12 iulianischen 
zu 365 Tagen geglichen werden, so laufen die Monddaten 
immer weiter vor und die üngenauigkeit der Gleichung wird 
um so gröfser, je mehr wir von Neujahr Hekatombaeon uns 
entfernen. Daraus folgt denn auch dafs die Frühlingsfeste 
später fallen, auf längere und wärmere Tage, als ihnen 
gemeinhin angewiesen werden: eine Folgerung die durchaus 
zu den klimatischen Bedingungen pafst. Ich gebe eine Ueber- 
sicht der athenischen Tempel die hier in Betracht kommen, 
des wahren Azimuths, des daraus entnommenen iulianischen 
Datums 1 v. Chr., endlich des überlieferten Festtags. 
Parthenon 254^ 40' 25. August 28. Hekatombaeon 
Athena Nike 269^ 50^ 25. September 2. Boedromion 
Olympieion 262^ 53' 5. April 23. Anthesterion 

Asklepieion 260» 50' 9. April 8. Elaphebolion 

Dionysos 25P 45' 30. April 15. Elaphebolion 

Der Plan des Pisistratos hatte fast vier Jahrhunderte geruht, 
als ihn nach 174 v. Chr. der Erbe der Perserkönige AntioehosIV 



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Hellenische Sonnentempel. 177 

Epiphanes wieder aufnahm. In der aus Polybios stammenden 
Charakteristik des wunderliehen Herrn heilst es Liv. XLI20: 
magnificentiae vero in deos vel lovis Olympii templum Athenis, 
unum in terris inchoatum pro magnitudine dei^potest testis esse. 
Die Abmessungen [41,10X107,75 m] übertreffen die pisistra- 
tisehen um das dreifache. Der Bau war hoch berühmt (Vitruv VII 
praef. 15), blieb jedoch abermals dreihundert Jahre liegen, bis 
Hadrian ihn zu Ende führte (Judeich Top. 341). Vom Kaiser 
stammt auch die Umfassungsmauer (129X205,6 m) die, wie mir 
vor Jahren Herr v. Alten schrieb, auf das genaueste mit dem 
Tempel gleich orientirt ist. Nun weicht die Richtung des 
Königsbaus reichlich 2^ vom älteren ab. Sie ist auch nicht 
nach Sonnenaufgang bestimmt, sondern einfach aus der Mittags- 
linie abgeleitet worden: Penrose beziffert die Ungenauigkeit 
auf nur 5' 2^'. Die Bedeutung der aequatorialen Orientation 
ist bei den Pyramiden (S. 43), den Semiten (S. 62. 67), der 
Anlage von Priene (S. 103) zur Sprache gekommen. Im Sinne 
des Grofskönigs war sie für das Haus des höchsten Gottes 
schlechthin geboten. Die Bestimmung der Axe durch den 
Meridian ist uns aus dem Verfahren der Feldmesser sattsam 
bekannt (S. 85). 

Kronion: 274^ 27' Penrose 

Höhenwinkel Ost 4^ 42^ 

Es ist der kleine Tempel südlich vom Olympieion gemeint, 
den eine Vermutung Judeichs Top. 343 Kronos und Rhea zu- 
weist. Die Lage entspricht dem Sonnenaufgang zur Zeit der 
Nachtgleiche, nimmt also auf die nach Demosthenes am 
12. Hekatombaeon gefeierten Kronien keinen Bezug. Allein 
A. Mommsen Heort. p. 22. 79. 108 Feste der Stadt Athen 
p. 32. 402 macht wahrscheinlich, dafs die ältere Feier im 
Anschlufs an die Diasien als Vorfeier im Frühling begangen 
wurde. Damit steht die Orientation in Einklang, Gewifsheit 
lälst sich nicht erlangen. 

Theseion: 280^20' Penrose (1851) 
276 11 Burnouf 
283 30 Schöne 
281 26 V. Alten 
283» 6' 2^^ Penrose 



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178 Kapitel VI. 

Der Höhenwinkel mag 5 — 6® betragen, danach führt die 
Kiehtung auf einen 14 Tage von der Naehtgleiehe entfernten 
Sonnenaufgang, 1 v. Chr. 7. März 10. October. Seitdem L. Ross 
die herkömmliehe Bezeichnung Theseion mit Arestempel zu 
vertauschen suchte, sind lebhafte Verhandlungen über diese 
Frage gepflogen worden, ohne zu einem Ergebnils zu führen^. 
Insofern würde es vorsichtig sein, diesen Tempel von jeder 
weiteren Erörterung auszuschliefsen. Da aber meine Theorie 
auch der topographischen Forschung bescheidene Dienste 
leisten kann, mögen noch folgende Bemerkungen einen Platz 
finden: sie sind 1884 geschrieben und jetzt nur durch neben- 
sächliche Zusätze erweitert worden. 

Es ist schwer denkbar, dals das Fest eines durch Lage 
und Ausstattung so ausgezeichneten Tempels im Kalender 
spurlos verschwunden wäre. Von Theseusfesten die in Betracht 
kommen könnten, erwähnt Plutarch 27, 3 die Boedromia zuna 
Andenken an den Sieg über die Amazonen. Man würde frei- 
lich erwarten, wenn Theseus hier wirklich begraben läge, dafs 
sein Heiligtum nach den Theseen orientirt wäre, und diese 
fallen 30 Tage später als die Richtungslinie, den 8. 9. Pya- 
nepsion (November). Ebenso wenig empfiehlt sich der neuer- 
dings beliebte Ausweg den Hephaestos an die Stelle zu setzen; 
denn dessen Feste gehören auch in den Pyanepsion. Halten 
wir uns an den Kalender, so weist die Kichtungslinie auf die 
Grofsen Eleusinien und rät die Frage aufzuwerfen, ob hier 
nicht ein unmittelbarer Zusammenhang obwaltet. Wenn man 
vom Piraeus aus die Stadt betrat (Pausan. I 2, 2. 4), lag 
innerhalb des Tores das Pompeion, ein Gebäude für die Aus- 
rüstung der Processionen, und in der Nähe ein Tempel der 
Demeter, welcher Statuen der Mutter, Tochter und des jugend- 

1) L. Ross, das Theseion und der Tempel des Ares in Athen, 
Halle 1852. A. Schultz, de Theseo, Diss. Breslau 1874. C. Wachs- 
muth, die Stadt Athen I p. 218. 357 fg. W. Gurlitt, das Alter der 
Bildwerke und die Bauzeit des sog. Theseion in Athen, Wien 1875. 
U. V. Wilamowitz-MöUendorff, Kydathen p. 135. Löschcke, die 
Enneakrunosepisode bei Pausanias p. 21, Progr. Dorpat 1883 u. A. 
Die neuere Litteratur nebst eingehender Darlegung der Streitfrage 
bei Judeich Top. 325 fg. Er nimmt den Tempel „zweifellos richtig" 
für das Hephaisteion in Anspruch, ohne jedoch die heortologischen 
Bedenken zu berücksichtigen. 



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Hellenische Sonnentempel. 179 

liehen Jakchos mit einer Fackel enthielt. Der Tempel wird 
auch TÖ 'JaKxeTov benannt (Judeieh Top. 324). Er birgt das 
Jakchosbild, welches der grolse Aufzug der Mysten am 20. Boe- 
dromion nach Eleusis geleitet (A. Mommsen, Heort. p. 253). 
Wenn ich auf einem mir so fremden und dabei so dunkeln 
Gebiet wie attischer Topographie eine Meinung äufsern darf, 
so steht meines Erachtens nichts im Wege, das sogenannte 
Theseion für das Jakcheion zu erklären. Am Wenigsten gilt 
dies von den Bildwerken. Seit 480 wurde die Erinnerung an 
den grölsten Sieg der Hellenen mit der eleusinischen Feier 
unauflöslich verbunden. Jene weise Staatsleitung, welche in 
dem Bruch zwischen Athen und Sparta das schwerste Unheil 
für die gesamte Nation erblickte, hat aus allen Kräften dahin 
gestrebt den Eleusinien einen panhellenischen Charakter zu 
verleihen (CIA. II). Die Bildwerke verherrlichen hellenische, 
nicht attische Heldentaten: Siege des Herakles d. h. der Dorier 
an bevorzugter Stelle auf den Metopen der Ostfront, Siege 
des Theseus d. h. der Jonier an den Langseiten. Dals der 
Bilderschmuck an 50 Metopen gänzlich fehlt, mag wohl mit 
der verhängnisvollen Wendung der Politik, welche Hellas in 
zwei Heerlager spaltete, zusammenhängen. Politische Gründe 
haben auch den Ausbau des von Pisistratos begonnenen Olym- 
pieion verhindert. Es befremdet von theologischer Seite her 
durchaus nicht an einem Tempel der Demeter und Köre 
Herakles- und Theseustaten dargestellt zu sehen. Die Höllen- 
fahrt beider verflocht sie mit chthonischen Diensten; die 
Athener rühmten sich nicht nur den Herakles zuerst als Gott 
verehrt, sondern auch durch Theseus Vermittlung in die 
Mysterien eingeweiht zu haben ^). Die hohe politische Bedeutung 
solcher Fabeln bleibt in der Regel unbeachtet. Aber wie sie 
im diplomatischen Verkehr verwandt wurden, zeigt z. B. die An- 
rede des Kallias 371 v. Chr. an die Spartaner Xen. Hell. VI 3, 6 
bkaiov jLifev oöv ?iv ^r\bk 6n\a diricp^peiv dXXnXoiq fjjLidq, iixex 
Xifeiax jiifev TpiirTÖXejLioq 6 fi|Li^Tepo(; TrpoTOVoq xot ArjjLiiiTpöq Kai 
KöpT]q fippTixa kpct TrpiwTOiq Hvoxq beiEai "HpaKXeT t€ tiu ujuex^piu 
dpxnT^Tr) Kttl AiocJKÖpoiv toTv ujueiepoiv TroXixaiv Kai toO Ar|jLHiTpoq 



1) Die Stellen gesammelt in der tüchtigen Dissertation von 
H. Dettmer, de Hercule Attico p. 65 seq., Bonn 1869. 



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180 Kapitel VI. 

hk KapTToO e\<; TrpiwTTiv xfiv TTeXoTrövviiaov cJTT^pjna bujpficyaaOai. 
Ich erkenne also in den Bildwerken des sog. Theseion einen 
Ausflufs kimonischer Politik, das Credo jener handfesten Ackers- 
leute, denen die Allianz mit Sparta Haus und Hof schirmte. Auch 
der Kalender von Gorgopiko bezeugt die Verbindung des Herakles 
mit den Eleusinien; dies Fest ist nämlich durch eine Gruppe 
von vier Figuren ausgedrückt, deren Deutung im Einzelnen nur 
Angesichts des Originals versucht werden könnte, während 
Herakles sicher gegeben ist. Endlich gestatte ich mir zum Schluts 
die Datining der Kleinen Mysterien zu berühren. Sie fallen in 
den Anthesterion (Plut. Demetr. 26). A. Mommsen Heort. p. 375 
setzt den Haupttag auf den 20., um ihm dieselbe Stelle im 
Monat einzuräumen wie bei den Grolsen. Ich möchte glauben, 
dals bei einem agrarischen Feste der Sonne das entscheidende 
Wort zukam, bin daher geneigt ihm die gleiche Sonnenlänge 
zuzuweisen, mit anderen Worten die Kleinen Mysterien in den 
Anfang des Anthesterion (März) vorzurücken. 

Artemis Brauronia: 289^ 30' Schöne. 
288 22 49'^ Penrose. 
Der Höhenwinkel nach Penrose 5® 59', entsprechender Sonnen- 
aufgang 1 V. Chr. 26. Februar 20. October. Es kann nicht als 
sicher gelten, dals die Felsterrasse auf der Akropolis die Lage 
des Artemistempels genau wiedergibt, nicht einmal ob ein solcher 
überhaupt hier gestanden hat (Judeich Top. 222). Nimmt man 
solches an, so ist das Fest im Boedromion oder Anfang Pya- 
nepsion (November) und Ende Gamelion (Februar) zu suchen. 
Jedoch wird über die Zeit der Brauronien nichts überliefert 
(Kern, Pauly-Wissowa III 1, 825). 

Pnyx-Altar 298^ 41' v. Alten. 
Die Gelehrten welche in diesem Felswürfel einen Altar des 
Zeuq liipicTTO^ erblicken (Judeich Top. 350), können sich für 
ihre Ansicht auf die Orientirung berufen. Diese weist in den 
Anfang des Maemakterion (December) und Poseideion (Januar). 
Der erstere Monat ist nach dem Zeuq juaijudKiriq benannt und 
enthält bezeugter Malsen Zeusfeste (A. Mommsen, Heort. p. 317). 

Tempel in Munychia : 276^ 58' v. Alten. 
An dem Nordmolo des Munychiahafens hat v. Alten den jetzt 
vom Meer überspülten aber deutlich erkennbaren Unterbau 
eines Tempelchens nachgewiesen (Text zu den Karten von 



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Hellenische Sonnentempel. 181 

Attika 1, p. 14). Curtius a. 0. p. 62 bemerkt dazu: „ich 
Wülste bei diesem Heiligtum, das wie kein anderes in die 
Hafenanlagen selbst hineingezogen ist, nur an die Inschrift 
des Theatersitzes CIA. III 368 Geäq (yujTr|pa<; dXXijLieviaq zu 
erinnern**. Die Lage führt auf einen Sonnenaufgang 601 v. Chr. 
12. März 14. October, 1 v. Chr. 7. März 10. October: Daten 
die auf Anfang und Ende der Schiffahrt bezogen werden 
könnten. Etwas Sicheres ist nicht zu ermitteln, auch wird 
die Deutung auf ein Heiligtum bestritten (Judeich Top. 382). 



Von attischen Tempeln aufserhalb Athens sind die von 
Oropos (S. 149) und Eleusis (S. 150) bereits besprochen worden. 
Ferner liegen Messungen vor: 

Poseidon von Sunion: 284^ Schöne 

2820 45^ Dörpfeld. 

2840 9^ V^ Penrose. 
Die Lage führt auf einen Sonnenaufgang gegen Ende Gamelion 
(Februar) und Ende Boedromion (October). Näheres über die 
Zeit der hier gefeierten Feste ist nicht bekannt (Hermann, 
Gottesdienstl. Altt. 62, 13). Der Tempel ist etwa in der 
Epoche des Perikles auf der Stelle eines älteren erbaut. 
Nemesis von Rhamnus alter T. 268« 30^ 14^^ Penrose 
junger T. 27P 24' 50'' 
Den Höhenwinkel bestimmt Penrose für den alten Tempel zu 
1« 22', für den neuen zu 2^. Folglich fällt die aufgehende 
Sonne in die Richtungsaxe des ersteren 4 Tage nach, des 
letzteren 1 Tag vor der Nachtgleiche, iulianisch 500 v. Chr. 
30. März 25. September bezw. 25. März 30. September; 1 v. Chr. 
26. März 21. September bezw. 21. März 26. September. Ge- 
wöhnlich wird das ältere und zugleich kleinere (6,4X10,7 m) 
Heiligtum der Themis beigelegt. Allein die Ueberlieferung 
erwähnt in Rhamnus nur den Cultus der Nemesis, der sich 
hohen Ruhms erfreute (Gruppe, Griech. Myth. 45). Daher ist 
die andere Deutung vorzuziehen, die beide Tempel derselben 
Göttin zuteilt. Der alte mag aus dem 6. Jahrhundert stammen 
und 480 von den Persern heimgesucht worden sein. Die 
Nähe von Marathon erweckte den Glauben, dafs die Göttin 
die unerbittlich den Frevler straft, ihren Groll 490 am Feinde 
ausgelassen habe (Pausan. I 33, 2). Zum Dank erstand ihr 



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182 Kapitel VI. 

ein neuer schönerer Tempel (11,3X22,9 m), der freilich nie 
ganz fertig geworden ist. Aus solchem Zusammenhang gewinnt 
auch die Verschiedenheit der Orientation die bei den beiden 
an einander stolsenden Tempeln längst befremdet hat, volles 
Verständnis. Seitdem das Marathonfest auf den 6. Boedromion 
vom Staat fixirt war, wurde die Feier in Rhamnus dem an- 
gepalst und um 5 Tage verschoben. Am 5. Boedromion beging 
man die Nemesien zu Athen (A. Mommsen Heort. 210); ver- 
mutlich am 2. in Rhamnus. Der junge Tempel hat dasselbe 
wahre Azimuth wie die Athena Nike auf der Akropolis (S. 172). 
Immerhin müfsten eingehendere Untersuchungen über den 
attischen Festkalender angestellt werden um die Geltung 
einzelner Tage zu ermitteln. Uns kommt es nur darauf an, 
die Brauchbarkeit des hier gebotenen Materials nachzuweisen. 

§ 2. Olympia 1). 
Seit Jahrhunderten gilt in der wissenschaftlichen Welt 
der Lehrsatz, dafs die olympischen Spiele am ersten Vollmond 
nach der Sommersonnenwende gefeiert worden seien, üeber 
den Cyclus, nach welchem dies geschah, gingen und gehen 
die Ansichten aus einander, an der Sonnenwende als Epoche 
halten alle Gelehrte fest 2) und so lernen wir denn bereits 
nach Ideler's Vorschrift (I p. 377) auf der Schulbank, dafs 
der Anfang der Olympiadenrechnung im Mittel auf den 1. Juli 

1) Die ganze Ausführung bis S. 195 ist wörtüch aus Rhein, 
Museum XL (1885) 349—361 herüber genommen und nur um ein 
paar Anmerkungen in eckigen Klammern erweitert. Der Wieder- 
abdruck schien für die Behandlung der Tempel erforderlich, aufser- 
dem aber nützlich, weil die alte Ansicht nach dem Gesetz der 
Trägheit sich noch immer behauptet, und weil die junge Ansicht 
durch A. Mommsens Schrift Ueber die Zeit der Olympien, Leipzig 1891, 
„nicht wenig modificirt** worden ist, aber nicht glücklich. Die von 
Mommsen vertretene Systematik ist mit den Tatsachen unvereinbar, 

2) Soweit ich sehe, hat allein Unger, der Olympienmonat, in 
Philologus XXXIII p. 227 fg. die herrschende Ansicht bekämpft. 
Seine eigene Thesis, dafs das Fest auf den zweiten Vollmond nach 
der Wende falle, bezeichnet freilich keinen wesentlichen Fortschritt. 
Geringes Nachdenken lehrt, dafs bei einem oktoeterischen Cyclus 
zwei Vollmonde in Frage kommen ; ob dies nun der letzte vor und 
der erste nach, oder der erste und zweite, oder der zweite und 
der dritte nach der Sommerwende sei, darum handelt es sich. 



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Hellenische Sonnentempel. 183 

falle. Ein Lehrsatz soll bewiesen werden. Ein Dogma ob 
auch Männer wie Scaliger und Petavius, Böckh und Ideler 
sich dazu bekannt haben, darf uns nicht binden. Sobald Tor- 
urteilsfrei die Frage nach den Beweisen gestellt wird, auf 
denen sich die herrschende Meinung gründet, lautet die Antwort 
überraschend: Beweise sind nicht erbracht worden. Es scheint 
als ob die Forschung unbewulst durch unsere eigene Zeit- 
rechnung beeinflulst worden sei. Wo der Anfang im Jahres- 
ring gesetzt wird, beruht ja auf Willkür: wie Censorin d. n. 21, 
12 hervorhebt in his conditorum voluntaies non minus diver sae 
sunt quam opiniones phüosophorum. idcirco aliis a novo sole 
id est a bruma, aliis ah aestivo solstitio^ plerisque ab aequi- 
noctio verno, partim ab autumnali aequinoctiOy quibusdam ab 
ortu vergiliarum, nonnullis ab earum occasu, multis a canis 
exortu incipere annus naturalis videtur. Wir wachsen in der 
Anschauung auf, dafs die Winterwende den natürlichen Ein- 
schnitt macht, was in der Tat auch für unser Klima der Fall 
ist. Astronomisch betrachtet hat die Sommerwende den gleichen 
Anspruch, und so haben die Nordländer unwillkürlich sich in 
eine Vorstellung hineingelebt, welche das kirchliche Neujahr 
des alten Hellas an diese Epoche anknüpft. Ich will nicht 
dabei verweilen, dals dieselbe weder den Volksanschauungen 
noch dem Naturleben entspricht. In der Geschichte des 
Kalenders spielen religiöse und politische Verhältnisse, spielen 
Culturströmungen mit und führen gar oft die leitende Stimme. 
Dies braucht nicht näher erörtert zu werden. Hingegen glaube 
ich mir Dank zu verdienen durch eine Untersuchung, wann 
denn nun wirklich das Olympiadenjahr beginnt. Sie soll in 
möglichster Kürze gehalten und der leichteren üebersicht 
wegen in Paragraphen geteilt werden. 

1. Das Fest fiel diebus aestivis (Censorin 21, 6) bei 
Staub und Hitze (Belege bei Krause, Olympia p. 189 fg. 
Hermann, Gottesdienstl. Alterth. 49, 11)^). Das Scholion zu 
Hom. II. X 252 bezeugt, dafs die Feier abwechselnd nach je 
50 und 49 Monaten stattfand. Eine genauere Datirung gibt 
der Scholiast zu Pindar Ol. III 35 öti TravaeXnvuj äT^Tai 6 
'GXujLiTriaKÖq dt^JV . . . Tiverai bk 6 &f\hy nozi ixiv biet leacya- 

1) [Regen wird erwähnt Polyb. XII 4 d, 7 Arrian Epict. I 6, 26 
Diog. Laert. II 3, 5, was für den Spätsommer zutrifft.] 



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184 Kapitel VI. 

pciKovTa ^vvea )litivi&v ttot^ bk biet TrevTfjKOVTa, 60€v Kai ttot^ 
)Lifev Tijj 'ATToXXtuviiij jniivi TTOxfe bk Ttu TTapGeviiI), irap' Aiti^tttioi^ 
Meawpl f| 0uj6 ^TriTeXeixai. Eine launige Fabel ei-zählt von 
einem Manne, der sieh auf den Ast setzte um ihn bequemer 
absägen zu können. Beherzigen wir die Lehre! In dem 
Scholion sind Mesori und Thoth bekannte, alles üebrige un- 
bekannte Gröfsen. Es sagt unzweideutig aus, dafs die Olym- 
pien im Mesori oder Thoth d. h. innerhalb des Zeitraums, 
welcher vom 25. Juli und 27. September umschlossen ist, 
gefeiert wurden. Weiter gelangen wir mit dem leider arg 
verstümmelten Scholion zu Pindar Ol. III 33 irepi toO xpovou 
KttO' 6v äT€Tai Tot 'OXüjuTria Ka0' ^Kdatriv 'OXu|Limdba TToX^iiiijüv 
6 Tct TTCpi Tiöv 'HpttKXeiwv (JuvTctEaq [v. Sybel, Hermes V p. 203] 
(pTicJiv oÖTUj' TrpuiTOv \xkv oöv iravTÖq irepiobov cJuveGiiKev iv nq 
fi)Liep(f äpxeiv voujnT]viaq ixr\vöq öq GiucJuGia^ iv "HXibi övojudZeTai, 
irepi 8v TpOTrai fiXiou tivovrai x^iMCpivai. Kai TTpiüia 'OXujuiria 
ÖTCTai r\ jLiTivi. ^vöq bk övto^ biacpepövTUiV rij ujp(ji, xot juev apxö- 
jLieva Tfiq ÖTTiwpaq, xd bi uir' auröv töv äpKXOupov. öxi bk ÖT^xai 6 
ctTibv Ktti 6 TTivbapoq jiiapxupeT ^). Folgende Tatsachen ergeben sich 
aus diesen Worten: je zwei Olympiaden bilden einen zusammen- 
hängenden Cyclus und fallen in verschiedene Jahreszeiten, die 
erste in den achten Monat des mit der Winterwende anhebenden 
eleischen Jahres d. h. in die Hundstage (ötrijupa Ideler Hand- 
buch I p. 245), die zweite gegen den Frühaufgang des Arktur 
(um 20. September) hin. Zur Veranschaulichung füge ich 
nach Fleischhauer's Kalender-Compendium die angenäherten 
Daten bei: 

Ol. 1. 21. August 

2. 6. September 

3. 23. August 

4. 7. September usw. 

Mit anderen Worten läfst sich die einfache Regel aufstellen: 
alle ungeraden Olympiaden beginnen mit dem Voll- 
mond des August, alle geraden mit dem des September. 
Es liegt im Wesen der Oktaeteris begründet, dafs sie keine 
absolute Geltung beansprucht: immerhin kann sie als mittlere 
Norm dienen. Sehen wir zu, ob die Regel sich als solche 
bewährt. 



1) [Ueber dies Scholion vgl. L. Weniger Klio V (1905) p. 1 fg.] 



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Hellenische Sonnentempel. 185 

2. Ol. 75. Eine kritische Geschichte des grolsen 
Jahres 480 besitzen wir nicht, vermögen auch nicht sie zu 
gewinnen. Herodot hat mündliche üeberlieferungen mit ein- 
ander verbunden, die wie die Sage zu tun pflegt, allein die 
entscheidenden Momente hervorhoben, die erklärenden Binde- 
glieder ausliefsen. Die beiden Heldentaten des Feldzugs sind 
an die höchsten und heiligsten Feste der Nation angeknüpft: 
die Thermopylen an das Fest von Olympia, Salamis an die 
Eleusinien. Wenn Herodot VII 37 dem Auszug des Xei-xes 
eine Sonnenfinsternifs zuschreibt, welche die heutige Wissen- 
schaft in den Bereich der Fabel verweist, so wird auch jenem 
Zusammentreffen gegenüber der Zweifel berechtigt sein. Un- 
berechtigt wäre es, dem klugen Manne Unkenntnis in Betreff 
der Lage der Feste zu einander vorzuwerfen. Auch der arm- 
seligste Chronikenschreiber des Mittelalters weifs mit Weih- 
nachten, Ostern und Pfingsten Bescheid. Nach der obigen 
Regel fallen die Olympien dieses Jahres (Her. VII 206, VIII 26) 
auf den 19. August, die Kameen, welche die Spartaner vor 
dem Abmarsch zum Isthmus abwarten (Her. VII 206, VIII 72), 
auf den 11.— 18. September (Hermann, Gottesd. Alt. 53, 32), 
die Eleusinien mit der Schlacht bei Salamis (Her. VIII 65, 
Plut. Them. 15, Cam. 19, Phok. 28, de gloria Ath. 7, Polyaen 
III 11) auf den 23. October (S. 179). Die Ansätze mögen als 
wahr oder als hypothetisch gelten. Immerhin passen sie zur 
Erzählung vollständig. Die Olympien dieses Jahres können 
nicht auf den 17. September gesetzt werden, wie bei Olympien 
mit gerader Ziffer geschehen mülste; denn bei solchem Ansatz 
kämen die Kameen auf den 18. October und die Stellung 
am Isthmus könnte nicht vor der Sehlacht bei Salamis befestigt 
sein, was die Erzählung VIII 72 fg. unbedingt fordert; eine 
Verschiebung der Schlacht und der Eleusinien in den November 
dagegen ist undenkbar. Nach dieser Seite hin bestätigt sich 
unsere Regel durchaus. Man pflegt heutigen Tages alle 
Ereignisse einen Monat nach der anderen Seite hinein zu rücken, 
also die Eleusinien 22. September, Karneen 19. August, Olym- 
pien 21. Juli zu setzen. Indefs wird dabei die Orientirung 
aller drei Feste, die durch drei von einander ganz unabhängige 
üeberlieferungen gesichert ist, umgestofsen: die Eleusinien 
gehören in den October (S. 179), die Karneen in den September, 



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186 Kapitel VI. 

die Olympien können nach dem Seholiasten nicht vor den 
25. Juli fallen (S, 184). Bei der Kritik einer mittelalterlichen 
üeberlieferung weils jeder Anfänger, dals er nicht Weihnachten 
in den November oder Ostern in den Mai schieben darf, wenn 
ihm nach den Berichten das besser zu passen scheint. Das 
gleiche Gesetz gilt für das hellenische Altertum. Die historischen 
Schwierigkeiten, die klaffenden Widersprüche zwischen den 
verschiedenen Bestandteilen der üeberlieferung fordern eine 
andere Lösung. Die Datirung der Schlacht von Salamis ist 
aller Wahrscheinlichkeit nach erdichtet und hängt mit jenem 
S. 179 berührten Bestreben zusammen den Eleusinien einen 
panhellenischen Charakter zu verleihen^). Nebenbei will ich 
daran erinnern, dals 9 Monate vor der Schlacht bei Plataea 
verflielsen, ohne dafs Herbdot ein Sterbenswörtchen über diese 
ganze Zeit vorbringt: ereignislos kann sie doch nicht gewesen 
sein. Armeejournale und diplomatische Correspondenzen haben 
ihm eben nicht vorgelegen, die Sage aus der er schöpfte, 
huldigt anderen Befehlen als die pragmatische Geschicht- 
ßchreibung. Aber das ist ein langes Kapitel: hier haben wir 
lediglich zu constatiren, dals bei der ersten Feier, deren Zeit- 
lage wir näher zu prüfen im Stande sind, die Regel zutrifft. 
3. Ol. 88. Beginnt nach der Regel mit dem September- 
vollmond, also annähernd 13. September. Der Ansatz wird 
durch die Erzählung des Thukydides glänzend bestätigt. Die 
Peloponnesier fallen im Mai oder Juni 428 v. Chr. (a)Lia xtu 
CTiTiu dKiLidZovTi III 1, Diod. XII 52) in Attika ein, verweilen 
hier so lange ihr Mundvorrat reicht. Gleich darauf (juexct bfe 
Tf|v d(jßo\f|v T. TT. €u0u<;) empören sich die Lesbier. Sie hatten 
eigentlich die Ankunft der pontischen Kornschiffe (c. 2, 2), 
also den Herbst abwarten wollen, werden aber verraten. 
Diodor XII 53. 55 setzt den Abfall nach dem Antritt der 
neuen Archonten. Die Athener schicken Gesandte und ent- 
schlielsen sich endlich zu einem Handstreich bei Gelegenheit 



1) [Seitdem die Sonnenfinsternifs vom 2. October berechnet 
worden ist, die den Peloponnesiern nach dem Kückzug des Xerxes 
den Vorwand lieferte nach Hause zu gehen, läfst sich die Schlacht mit 
Sicherheit gegen Ende September ansetzen (Busolt Griech. Gesch. 
11=^ 703 A. 3 715 A. 1). Der fromme Betrug der oben vermutet wurde, 
ist damit erwiesen.] 



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Hellenische Sonnentempel. 187 

eines Volksfestes (c. 3, 3 'ATröWtuvoq MaXöevioq fEiw rfl^ TroXetu^ 
€opTr|, ^v fji Travbiijuei MuriXTivaToi ^opTdZoucyi). Die Zeit des 
Festes wird uns nicht überliefert, aber als Apollofest gehört 
es aller Wahrscheinlichkeit nach in die Hundstage den Heka- 
tombaeon. Der Anschlag mifslingt, nach einem Seetreffen 
wird Waffenstillstand geschlossen, während dessen ein Schiff 
nach Sparta abgeht (c. 4, 5). Die Abgeordneten werden von 
den Spartanern nach Olympia beschieden (c. 8). Am 16. Sep- 
tember fjueTCt Tf|V ^optfiv) werden die Mytilenaeer unter die 
peloponnesischen Bundesgenossen aufgenommen und ein eiliges 
(c. 15 Kard xdxoq) Bundesaufgebot nach dem Isthmus erlassen. 
Aber die Bundesgenossen befafsten sich mit der Weinlese (ev 
KapTTOö EuTKOjLiibq, die Deutung durch IV 84. 88 gesichert) 
und hatten keine Lust. Als die unmittelbare Gefahr für Athen 
vorüber war, schickt es im October (c. 18, 3 Trepi tö q)0iv6- 
TTUjpov fibt] dpx6)Lievov) Verstärkungen nach Lesbos. Nach 
diesen Daten ist es nicht möglich die Olympien auf den 
14. August zu legen ^); denn die unmittelbar anschlielsende 
Weinlese beginnt erst mit der Herbstnachtgleiche um den 
28. September (A. Mommsen, Heortologie p'. 324 fg.). Sinnlos 
wäre ein Ansatz im Juli. 

4. Ol. 90. Nach der Regel 14. September. Thukydides 
V 50 setzt übereinstimmend die Feier gegen Ende des Sommers. 
Wichtiger für unsere Aufgabe ist der kurz vorher zwischen 
Athen auf der einen, Argos Mantinea Elis auf der anderen 
Seite abgeschlossene Bundesvertrag, von dem Thukydides V 47 
(vgl. Kirchhoff, Hermes XII p. 368 fg.) eine Abschrift mitteilt. 
Es heifst hier § 10 dvaveoOaGai bk Touq öpKOuq 'AGnvaiou^ jnfev 
iövxaq iq 'HXiv Kai dq MavTivemv Kai iq "ApToq rpictKOvra 
f]|Liepai^ Trpö 'OXujlittiijuv, 'ApTeiou^ bk Kai 'HXeiou^ Kai Mavxiv^aq 
iöviaq 'AGrivaZe b^Ka fuLidpaiq trpö TTavaOiivaiiJuv tujv jueTaXujv. 
A. Mommsen, Heortologie p. 204 weist darauf hin, dafs der 
Vollmond als Termin internationaler Verabredungen häufig 
gewählt wird und rechnet die 10 Tage vor den Panathenaeen 
vom Anfang dieses Festes, so dafs der 14. (vielleicht auch 

1) Unger a. 0. p. 232 bringt es fertig, indem er KapiroO Hutko- 
\i\bY\ auf die Lese von Obst, Oliven und Feig^en bezieht. Eine schöne 
Zusammenstellung: die Feige ist im Juni (Sommerfeige) und August 
(Herbstfeige), die Olive im December reif. 



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188 Kapitel VI. 

15. oder 16.) Hekatombaeon als Schwurtag bezeichnet werde. 
Ich vermute den 16. Hekatombaeon den Tag, an dem das 
Staatsopfer der Eirene ausgerichtet wurde. Warum man diese 
Fristen aufstellte, wird aus dem folgenden Schema klar: 

420 V. Chr. Olympien 14. September 

418 Schwur in Athen 25. Juli 

Panathenaeen 6. August 

416 Schwur im Peloponnes 2. August 

Olympien 31. August 

414 Schwur in Athen 10. August 

Panathenaeen 22. August 

412 Schwur im Peloponnes 17. August 

Olympien 16. September 

410 Schwur in Athen 27. Juli 

Panathenaeen 8. August 

408 Schwur im Peloponnes 3. August 

Olympien 2. September. 

Zwischen den einzelnen Fristen verstreichen genau 2 Jahre 
von 25, jedes vierte Mal von 24 Monaten. 

5, Ol. 106. Nach der Regel 26. September Nach der 
Einnahme von Potidaea erhielt König Philippos gleichzeitig 
drei Freudenbotschaften: von einem grofsen Sieg Parmenions 
über die lUyrier, einem Sieg in den olympischen Spielen, der 
Geburt seines Sohnes Alexander (Plut. AI. 3, Justin XII 16, 6). 
Den Geburtstag bestimmt Plutarch wie folgt dT€Vvr|0ii b' oijv 
'AXeEavbpoq laraju^vou ^r\vöq 'EKaTOjLißaioivoq, 5v MaKeböve^ 
Auüov KaXoOcJiv, ^kttj Ka0' fiv fjjLi^pav 6 xfiq 'Ecpeaia^ 'ApTejuibo^ 
ive'npr\aQr\ veiwq. Die ursprüngliche Datirung war die make- 
donische, aber ihre von Plutarch aufgestellte Gleichung mit 
dem attischen Kalender ist unter allen Fällen sinnlos. Auf 
die schwierige Frage nach dem altmakedonischen Kalender 
soll hier nicht eingegangen werden. Mit vollem Recht hat 
Ideler I p. 402 fg. die Gleichung des Lous mit dem Boedromiou 
vorgezogen, welche sich in dem Demosth. Kranzrede 157 ein- 
geschobenen Brief König Philipp's findet. Diese Gleichung 
palst vortrefflich. Der Bericht von dem Zusammentreffen der 
Freudenbotschaften geht vermutlich auf Theopomp zurück. 
Man mag darüber urteilen wie man will, ein chronologischer 
Unsinn darf darin nicht gesucht werden. Wenn nun aber 



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Hellenische Sonnentempel. 189 

Alexander um den 6. Boedromion = 3. October geboren war, 
so konnte der Vater davon ungefähr zur selben Zeit wie von 
seinem Siege in Olympia unterrichtet werden. Wiederum 
bewährt sich also die Regel: eine Julilage des Festes wäre 
unmöglich, 28. August möglich, aber minder passend. 

6. In diesem Zusammenhang gewinnt die Rechnung des 
Polybios, über welche ich Rh. Mus. XXVI 244 fg. eingehend 
gebandelt habe, neues Licht. Es steht fest, dals der Jahres- 
anfang in den verschiedenen Abschnitten der Pragmatie um 
1 — 2 Monate schwankt, im Mittel aber in Anlehnung an das 
bürgerliche Jahr der Achaeer und Aetoler auf den 1. October 
gesetzt werden kann^). Die Verschiedenheit der Jahres- 
anfänge in den einzelnen Teilen wird dadurch ausgeglichen, 
dals immer je 4 Jahre als Ganzes in den Rahmen einer 
olympischen Pentaeteris eingefügt sind (a. 0. p. 252). Die 
Epoche der polybischen Olympiaden, die an die Herbstnacht- 
gleiche statt der Sommerwende anknüpfte, hat mir früher 
(a. O. p. 252) Kopfzerbrechen verursacht: „dafs der aequi- 
noctiale Anfang ohne ein Wort der Erläuterung als sich von 
selbst verstehend gebraucht wird, regt zu weiteren Nach- 
forschungen an. Es ist wahrscheinlich, dals Polybios einfach 
einem bereits üblichen Verfahren sich anschlofs." Das Rätsel 
findet nunmehr seine Lösung: Polybios hat weder uneigentliche 
noch wie ünger meint in den ersten Büchern eigentliche, in 
den folgenden uneigentliche Olympiaden gebraucht, sondern 
hat sich an die Festfeier gehalten, wie solche in Wirklichkeit 
gefallen war. Welchen Spielraum er dabei dem Zusammen- 
hang der Ereignisse gelassen, in wie weit er das chronologische 
Schema demselben geopfert oder aufgezwängt hat, vermögen 
wir leider nicht mit der wünschenswerten Sicherheit anzugeben. 
Von vornherein sind wir über die Lage der Feste im Unklaren 
um einen ganzen Monat. Die Oktaeteris von 99 Mondmonaten 
ist nämlich IV» Tage länger als 8 Sonnenjahre: in Folge dessen 
mufsten die olympischen Feste immer tiefer in den Herbst 

1) Unger a. 0. hat ein astronomisches Datum den 11. November 
als consequent festgehaltenen Jahresanfang hinstellen wollen, ohne 
Beweise für eine Ansicht zu erbringen, die mit dem damaligen 
Ealenderwesen unvereinbar ist, und ohne die Zeitgeschichte auf 
die Möglichkeit derselben genau anzusehen. 

Nissen, OrientatioD, Stad. z. Religionsgesch. II. 6 



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190 Kapitel VI. 

rücken, wenn sie in regelmärsigem Wechsel von 49 und 
50 Monaten einander folgten. Die Abweichung von der Sonne 
wurde nach einem Cyclus von 160 Jahren wieder eingebracht, 
indem man am Abschlufs desselben einen ganzen Schaltmonat 
strich (Ideler I p. 294 fg.). Die Epochen dieses grofsen Cyclus 
kennen wir nicht : es ist aber überhaupt höchst unwahrschein- 
lich, dafs man ihn genau einhielt, wenn z. B. das Fest mit 
der Weinlese ins Gedränge kam, nicht einfach eine Pentaeteris 
von 98 statt 99 Monaten bildete. Aus diesem Grunde ist es 
auch aussichtslos eine iulianisch datirte Liste der Olympiaden 
entwerfen zu wollen, so notwendig dieselbe für die Geschichts- 
forschung sein würde. Einstweilen wird man sich bescheiden 
müssen, jeden einzelnen Fall für sich zu prüfen. Was nun 
aber den von Polybios behandelten Zeitraum betrifft, so lassen 
sich folgende Doppelansätze aufstellen: 

Ol. 140 24 August 23 September 
9 

24 

11 

25 

11 

26 

13 

28 

14 

Die Erzählung empfiehlt die Spätansätze als die richtigen. 
Bei Ol. 140 wird der Jahresschluls unmittelbar an die um die 
Nachtgleiche fallende Strategenwahl der Aetoler angelehnt 
(IV 67. 26. 27, V 105). Am Ende von Ol. 142 wurde Syrakus 
erobert und zwar nicht im August (Liv. XXV 26 tempore 
autumni . . . intoleranda vis aestus), während September gut 
palst. Ol. 145 macht die Erzählung wiederum vor der Nacht- 
gleiche Halt (Liv. XXXI 47). Beim Zustand des polybischen 
Werkes und der Nachlässigkeit der livianischen üebei*setzung 
lälst sich freilich ein streng bindendes Ergebnils hinsichtlich 
dieser Olympiaden kaum erzielen. Indessen wird durch die 
Erkenntnifs von der wirklichen Lage des Festes die ganze 
Rechnungsweise verständlich, was sie früher nicht war. 

7. Ol. 184. Das Todesjahr Caesars enthält eine Feier, 



141 


11 


142 


26 


143 


12 


144 


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145 


13 


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29 


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15 


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16 



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Hellenische Sonnentempel. 191 

die dadurch besondere Beachtung verdient, dals es keiner 
Schlüsse und Folgerungen bedarf, sondern dals die ganze 
Verkehrtheit der heiTSchenden Vorstellung an der Hand des 
iuHanischen Kalenders ohne weiteres offenbar wird. Die an- 
genäherten Vollmonde nach der Somraerwende 44 v. Chr. fallen 
1. Juli, 30. Juli, 28. August, 27. September, unter dem Druck 
der öffentlichen Verhältnisse hatte sich Cicero am 17. Juli 
von Pompeji aus auf die Fahrt nach Griechenland begeben^). 
Am 6. August brach er von Leucopetra auf, wurde aber durch 
einen heftigen Scirocco {austro vehementi) zurückgeworfen. 
Während er auf günstigen Wind wartete, langten Nachrichten 
aus Rom an, die ihn zur Umkehr bestimmten. Am 17. August 
traf er bei Velia mit Brutus zusammen. Ueber den Inhalt des 
Gesprächs gibt der Brief an Atticus XVI 7, 5 Rechenschaft: 
dei immortales quam valde ille reditu vel potius reversione 
mea laetatus effudit illa omnia quae tacuerati . . . se autem 
laetari quod effugissem duas maximas vituperationes: unam 
quam itinere facienda me intellegebam suscipere, desperationis 
ac relictionis rei püblicae flentes mecum vulgo querebantur 
quibus de meo celeri reditu non probabam; alter am de qua 
Brutus et qui tina erant — multi autem erant — laetabantur, 
quod eam vituperationem effugissem me existimari ad Olympia, 
hoc vero nihil turpius quovis rei püblicae tempore, sed hoc 
dvaTToXÖTHTOV. ego vero austro gratias miras qui me a tanta 
infamia averterit. Die Spiele dieses Jahres können nicht der 
vulgären Ansicht entsprechend auf den ersten Vollmond nach 
der Sommerwende gesetzt werden-, denn damals befand sich 
Cicero in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt bei Tusculum 
oder Anagnia. Sie können ebenso wenig auf den zweiten 
gesetzt werden; denn dann hätten sie spätestens am 27. Juli 
ihren Anfang genommen und hätte die Zeit vom 17. ab für 
die Fahrt entfernt nicht gereicht. Cicero's Abreise bildete 
das Tagesgespräch in Rom : der erste Eindruck derselben war 
günstig (Att. XVI 6, 2), schlug gegen Ende Juli um (eb. 7, Ifg.) 
und als Cicero in der Senatssitzung am 1. August fehlte, 
erzählte man, er sei auf dem Wege nach Olympia. Cicero 



1) In Betreff der einzelnen Daten vgl. E. Ruete, die Correspon- 
donz Cicero*s in den Jahren 44 und 43, Marburg 1883. 



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192 Kapitel VI. 

dankt dem Sturm vom 6. Angust, der ihn vor diesem üblen 
Verdacht bewahrte. Daraus ergibt sich als sichere Tatsache, 
dafs die Olympien noch bevorstanden als er umkehrte. Wenn man 
sich die Lage der Dinge veranschaulicht, wird man nicht zögern, 
sie bestimmt dem 28. August zuzuschreiben: der 27. September 
wäre ein zu weit aussehender Termin gewesen, um das Gerede 
der Hauptstadt zu erklären. Unsere zum Hausgebrauch auf- 
gestellte Regel, laut welcher die geraden Olympiaden in den 
September gehören, wird hierdurch berichtigt, der Satz des 
Pindarscholiasten dagegen bestätigt, insofern der 28. August 
nach Ablauf der Hundstage fällt. 

8. Ol. 218. In der Kaiserzeit hat das olympische Fest 
Störungen erlitten, deren Nachweis eine umständliche Unter- 
suchung verlangt. Ich bin nicht in der Lage, für die gesteckte 
Autgabe solche anzustellen, glaube aber doch auf eine Einzel- 
heit aufmerksam machen zu dürfen. Die 211. Olympiade ist 
bekanntlich auf Nero's Geheifs nicht im Jahre 65, sondern 
erst 67 n. Chr. gefeiert worden (Clinton fasti Romani u. J.). 
Man nimmt an, dafs die ursprüngliche Ordnung sofort wieder 
in Kraft getreten sei und setzt demgemäfs die nächsten Spiele 
69, 73, 77 usw. an. Dies kann nicht wohl richtig sein. Viel- 
mehr beginnt mit Nero's Sieg ein neuer Cyclus, der noch 
unter Domitian eingehalten wurde. Wir erfahren nämlich aus 
dem poetischen Sendschreiben des Statins an Yictorins Marcellus 
Silv. IV 4, dafs auf 95 n. Chr. Olympien trafen. Das Jahr 
steht zweifellos fest^). Der Brief ist geschrieben im August 
zur Zeit der Villeggiatur, der Hundstage (v. 13, 27), der 
Gerichtsferien nach der Ernte (v. 39, meine Ital. Landeskunde I 
p. 400). Ferner heifst es v. 31 : 

et Eleis auriga läboribua actos 
Alpheo permulcet equos. 
Dies aber konnte ein Dichter, der sich so viel auf seine 
griechische Umgebung zu gute tut, nicht schreiben, wenn 
nicht eine olympische Feier wirklich unmittelbar vorausgegangen 
war. Nun fiel Vollmond in diesem Jahr auf den 4. August 
und 2. September. Das letztere Datum ist durch die oben 



1) L. Friedländer, de temporibus librorum Martialis Domitiano 
imperante editorum et Silvaram Statu, Regimonti 1862. 4., p. 16. 



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Hellenische Sonnentempel. 193 

angeführten Zeitangaben ausgeschlossen, das erstere palst in 
den Zusammenhang ausgezeichnet. Der Zusammenhang fordert 
einen möglichst frühen Ansatz und man kann den Brief ohne 
Bedenken dem 5. — 6. August zuweisen, unsere alte bewährte 
Kegel, nach welcher die ungeraden Olympiaden im August, 
die geraden im September gefeiert wurden, erleidet damit eine 
Einschränkung; denn die hier besprochene wird herkömmlich 
mit der Nummer 218 beziffert. Aber zu verwundern ist das 
nicht. Mit der Anwesenheit Nero's in Olympia begann eine 
neue Aera (vgl. die Inschrift Dittenberger 281). Im Jahre 67 
war Vollmond am 14. Juli, 13. August, 11. September: an 
welchem derselben und ob nicht an einem noch früheren 
Termin der Kaiser gesiegt hat, bleibt mit unseren Mitteln 
unbestimmbar. Wenn Se, Majestät an das herkömmliche Jahr 
sich nicht band, ist nicht zu erwarten, dafs dies bezüglich des 
Monats geschehen sei. Ebenso wenig vermögen wir zu erraten, 
wie die Eleer zur ehemaligen Zeitfolge wieder eingelenkt 
sind. Pausanias X 36, 9 meldet, dafs die 211. Olympiade 
in der Nero gesiegt hatte, gestrichen worden sei: aötri bf\ iv 
ToT^ 'HXeiwv YP^jijiaö'i TrapeTiai jiiövri TracTujv f| öXujUTTid^. Auch 
in der oben angezogenen Inschrift ist sein Name getilgt. 
Sobald wir unter Auslassung von 211 unsere Olympiade als 
die 217. zählen, bleibt unsere Regel in Kraft. Dafs man in 
den zur Zeitrechnung verwandten Verzeichnissen von der 
Streichung und der Verschiebung um 2 Jahre keine Notiz 
nahm, begreift sich von selbst. Ob und wann der mit Nero 
anhebende Cyclus wieder verlassen worden sei, könnte nur 
durch sichere Bestimmung der späteren Feste ermittelt werden. 
Trotz aller dieser Dunkelheiten hat das angeführte Zeugnifs 
für uns seinen Wert: es widerlegt bündig die herrschende 
Anschauung von der Feier nach der Sonnenwende, insofern 
der Vollmondstag 5. Juli nicht in die Hundstage gehört. 

9. Die Alten führen die Einrichtung des olympischen 
Cyclus auf aegyptische Lehre zurück (Diod. I 95 u. A.). Die 
Nachricht kann wahr sein; denn die Oktaeteris setzt eine 
genaue Kenntnifs von der Dauer des tropischen Jahres voraus, 
wie solche seit Alters am Nil verbreitet war. Die römische 
Regierung führte die vierjährige Schaltperiode in Aegypten 
in den amtlichen Gebrauch ein. Ihr Neujahr, der 29. August, 



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194 Kapitel VI. 

traf zusammen mit der mittleren Epoche der Olympien, Pana- 
thenaeen und verschiedener hoher Kirchenfeste von Hellas. 
Dafs der Erbauer Alexandria's dies Zusammentreffen gesucht 
habe, darf man mit Fug vermuten (oben S. 101). In der 
Kaiserzeit lag es nun äulserst nahe, die alten schwankenden 
Olympiaden durch die alexandrinische Schaltepoche zu ersetzen. 
Eusebios, der Verfasser der Osterchronik, Sokrates und andere 
griechische Kirchenväter fangen demgemäfs ihre Olympiaden 
mit dem 1. September an (Ideler II p. 466): als mittlerer 
Ansatz ist dies vollkommen richtig. 

10. Die Feste, welche vermittelst der üeberlieferung 
sich genau datiren lassen, sind dünn gesäet. Unger hatte 
zwei beigebracht (§ 2. 3); trotz eifrigen Suchens habe ich 
diese Zahl nur um drei vermehren können (§ 5. 7. 8). Unser 
über sechs Jahrhunderte vom Anfang des fünften vor- bis zum 
Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts sich erstreckendes 
Material reicht für die Herstellung einer allen Ansprüchen 
genügenden Zeitrechnung nicht aus. Aber es verleiht der von 
einem namhaften Heortologen in den Pindarscholien gegebenen 
Aussage urkundliche Gewähr, beseitigt eingewurzelten Irrtum, 
öffnet der Forschung neue Bahnen. Nach unseren Ausführungen 
sind die Olympien zwei Monate weiter nach dem Herbst hin- 
zurücken, als man bis jetzt annahm. Diese Verschiebung ist 
nicht die einzige, zu der uns die Tempelruinen nötigen. Die 
verbreitete Meinung, als ob die alten Hellenen mit Vorliebe 
ihre Volksfeste im Juni und Juli abgehalten hätten, ist durch- 
aus falsch. Ich habe wie gesagt Messungen von etwa 60 Tempeln 
aus der nationalen Epoche vor mir: keine einzige Tempelaxe 
entspricht einem Sonnenaufgang der zweiten Hälfte Mai, des 
Juni und Juli; der am weitesten nach Norden gewandte 
Tempel hat 248^ 20^, was dem 8. Mai, 10. August gleicht und 
einen halben Monat über diese beiden Termine hinauszugreifen 
gestattet. Darnach ziehen wir den einfachen Schlufs, dafs 
die grofsen Feste die bezeichnete Epoche der langen Tage 
(23. Mai bis 25. Juli) mieden. Vernünftiger Weise konnte es 
auch nicht anders sein, weil in diese Zeit die Getreideernte 
fiel, deren Zurüstung und Beendigung auf viele Wochen hin 
öffentliche Lustbarkeiten untersagte. Die erste Festwoche der 
Hellenen liegt zwischen der Kornernte und Weinlese ; nach der 



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Hellenische Sonnentempel. 195 

Weinlese beginnt für Athen eine zweite Festwoche im Boedro- 
mion. Von den ländlichen Arbeiten abgesehen, denen bei der 
ursprünglichen Einsetzung der Feste ein entscheidender Einflufs 
zugeschrieben werden mufs, ist ohnehin die Zeit der zu- 
nehmenden Hitze ftlr derartige Veranstaltungen die am wenigsten 
geeignete. Seitdem das Netz der meteorologischen Stationen 
die klassischen Länder umspannt, haben allgemeine Redens- 
arten und gelehrte Citate ihre Beweiskraft verloren: die exacte 
Beobachtung, die Herrschaft der Zahl ist an die Stelle getreten. 
Nun aber ist am Mittelmeer der Juli der heifseste Monat des 
Jahres, am drtlckendsten wird die Hitze empfunden in der 
Periode, wo sie steigt. Wenn also die Nationalspiele und 
grofsen Kirchenfeste in den Spätsommer verlegt werden, so 
gentigt solche Verschiebung den klimatischen Gesetzen, deren 
Vernachlässigung man unbegreiflich finden würde. 



Den Anlafs zu diesen 1884 geschriebenen Erörterungen 
bot die Richtung der olympischen Tempel, so ungenügend sie 
mir auch damals nach den Mitteilungen der Ausgrabungsleiter 
bekannt sein konnte. Gegenwärtig stehen, von Penrose ab- 
gesehen, eine Reihe magnetischer Messungen aus den J. 1880 
und 85 zu Gebote. Herr Borrmann übermittelte mir zwei 
Aufnahmen aus dem Jahr 1880, die eine von Herrn Architekt 
Graef vom März, die andere von Herrn Landesvermessungs-Rat 
Kaupert vom April d. J. Sodann mafsen Dörpfeld und Fabri- 
cius im Februar, Dörpfeld und ich im October 1885 die Axen. 
Die Rückführung auf den wahren Meridian macht in allen 
Fällen Schwierigkeit. Die magnetische Mifsweisung betrug 
nach den Annalen der Hydrographie VHI p. 64 in Navarin 
für 1. Januar 1880 8« 2^ W, jährliche Abnahme 5^ Im Binnen- 
land kann man sie etwas höher setzen, für Olympia 8^ 10' 
im Jahre 1880. Kaupert hat sie nach einer Mitteilung Borr- 
mann's im April d. J. zu 7^ 8' bestimmt, d. h. wie in Athen 
um 1® 6' zu niedrig (S. 167). Diesen Betrag habe ich von 
den älteren Angaben abgezogen, entsprechend für 1885 die 
Declination 7^ 45' gerechnet. Danach liegt 
Heraion 267M0' Graef 

266 58 27'' Kaupert 

265 45 Fabricius 



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196 Kapitel VI. 

267 45 Dörpfeld 

267 15 Nissen 

2660 13^ 58^^ Penrose 
Höhenwinkel Ost P 40^ 
Auf einem Quaderfundament aus Luftziegeln und Holz errichtet, 
uraprünglich von Holzsäulen umgeben^), weicht es von dem 
üblichen Tempelschema ganz ab und reicht höher hinauf als 
die Masse der erhaltenen Bauwerke dorischen Stils. Seine 
Gründung dem 11. Jahrhundert v. Ch. zuschreiben, wie Dörp- 
feld tut, verstöfst freilich gegen den Tatbestand. Puchstein 
Jahrb. des Arch. Inst. XI (1896) p. 71 weist nach, dafs es 
nach der Entwicklung des dorischen Tempelbaus dem 7. Jahr- 
hundert angehöre. Furtwängler Ber. d. Münch. Akad. 1906 
p. 467 fg. stellt die Chronologie der im Boden gefundenen 
Votivgaben fest und rückt die Gründung an das Ende des 
7. Jahrhunderts. Ich bezweifle, dafs das archaeologische 
Material ausreicht um scharfe auf ein Jahrzehnt genaue Zeit- 
bestimmungen zu treffen. Sollte es dennoch der Fall sein, 
so würde man sagen, dafs die Tempelaxe 668 fest gelegt ward, 
während die Ausführung des Baus sich noch 1 — 2 Menschen- 
alter hinzog. Solchen Ansatz gibt uns nämlich die Ueber- 
lieferung an die Hand. — Der Tempel führt zwar den Namen 
der Hera, war aber zugleich dem Zeus geweiht: neben dem 
sitzenden Bild der Hera, dessen Kopf aufgefunden wurde, 
stand auf derselben Basis das des bärtigen behelmten Zeus, 
beides altertümliche Cultbilder (Paus. V 17, 1); auf Weih- 
inschriften des Tempels wird der letztere allein genannt. 
Diesem ehrwürdigen Heiligtum gelten von Hause aus die 
olympischen Spiele und haben auch die Bezugnahme niemals 
verloren: im Heraion sah Pausanias den Diskos des Iphitos 
mit den Bestimmungen über den Gottesfrieden sowie den 
Tisch auf dem die Siegeskränze ausgestellt wurden (V 20, 1). 
Es leuchtet ein, dafs die Spiele nicht neben demselben gefeiert 
werden konnten, ohne dafs beide zu einander gehörten. Daraus 
folgt als wahrscheinlich, dafs die Tempelaxe nach dem Sonnen- 
aufgang des bekannten Festes gerichtet ist. Das wahre Azimuth 



1) Dörpfeld in den E. Curtius gewidmeten histor. und phil. 
Aufsätzen, Berlin 1884, p. 147 fg. Olympia II p. 35 fg. 



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Hellenische Sonnentempel. 197 

stellt sich auf 264^ 53' und weist auf einen Sonnenaufgang 
der fällt IQ Tage nach der Frühlings-, vor der Herbstnacht- 
gleiche: iulianisch ausgedruckt im Gemeinjahr 828 v. Chr. 
8. April, 21. September. Ich wähle das Jahr 828, weil die 
Annahme äulserst nahe liegt, dafs den alten Gelehrten die 
Stiftung der Spiele und die Stiftung des Tempels gleichzeitig 
erfolgt sei. Wir wissen ja, dafs alle ungeraden Olympiaden 
in den Mesori oder die Hundstage, alle geraden in den Thoth 
um den Frühaufgang des Arktur gehören. Darnach mufs der 
Tempel in einer geraden gestiftet sein. Nach Aristodemos 
und Polybios sind die Spiele 27, nach Kallimachos 13 mal vor 
Ol. 1 gefeiert worden^). Da Ol. 1 die datirte Liste mit dem 
Augustvollmond beginnt, so stimmen beide Traditionen darin 
tiberein, dafs die älteste, die von Iphitos eingesetzte Feier im 
September abgehalten worden ist. Nach Fleischhauers Com- 
pendium treffen die angenäherten Vollmonde 884 v. Chr. auf 
15. August, 14. September, 828 v. Chr. 26. August, 25. Sep- 
tember. Mithin stimmt anscheinend die Axenrichtung des 
Tempels weder überein mit der ersten Festfeier, wie solche 
von Kallimachos dem älteren noch wie sie von den jüngeren 
Gewährsmännern datirt wird. Ich bin freilich nicht geneigt diese 
Datirungen für historisch zu halten: wenn die Verzeichnisse der 
Sieger bis 776 hinauf besten Falls dieselbe Gewähr wie die 
Liste der römischen Consuln in sich tragen, so bietet die 
Annahme den schwersten Anstofs, dafs sich in Elis die Zahl 
der diesem Verzeichnis voraufgehenden Feste mündlich fort- 
gepflanzt habe. Viel näher liegt die Möglichkeit, dafs das 
Stiftungsjahr durch Rechnung aus dem kalendarischen Cyclus 
von Olympia und der Tempelrichtung ermittelt worden sei: 
die Glaubwürdigkeit der Zeugnisse wird dadurch für unsere 
Zwecke nicht beeinträchtigt. Versuchen wir sie zu erklären. 

1) Eusebios I p. 194 Schoene iöxopoOai bä ol irepl 'ApiaTÖÖr^iiiov 
Töv 'HXetov, iJü; dir' elKoaTf^c; xal ^ßböfiiic; 'OAuiamdöoc; . . . fjpHavTo ol 
dGXiiTal dvaTpdtpeaGai, öaoi 6r)\a6f| viKr](pöpor irpö toO fäp oiiöelt; dv€- 
Ypd(pr) d|Li€\TiadvTU)v 7(bv irpÖTcpov xfj bk elKOCTfji ötööi^ tö atdöiov 
viKoiv Köpoißo<; 'HX€to<; dvcTpdtpr) TrpuiTO<;* Kai Vj *0\u|aTrid(; aörr) irpOjTii 
^TdxOn d<p' fi<; "EXXrivei; dpi8|LioOai Toix; xpövoxx;. xd b' aöxd xq) 'Apiaxö- 
hi\\i\j^ K(xl TToXOßio<; laxopct. KaXX(|Liaxoq bk bcKarpcI^ 'OXu|üiiridba^ dirö 
'Iqpirou irapetoOaC <piiai |üii^ dvaYpaq)€(aa<;' xfl bk TeaaapeaKaibeKdxij Kö- 
poißov viKnaai. 



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198 Kapitel VI. 

Die Oktaeteris in der Sonne und Mond ihren Kreislauf 
am Himmel beendet haben, hiels den Hellenen das grolse 
Jahr. Diese Periode lag ihrem Gottesdienst zu Grunde^). 
Die geraden Olympiaden, mit denen jedesmal eine Periode 
abschlofs und anhob, müssen im Glauben besonders aus- 
gezeichnet gewesen sein. Sie fallen in den Monat Parthenios, 
der nach Hera benannt ist (Pindar Ol. 6, 88, Paus. VIII 22, 2, 
Schol. Ap. Rh. I 187). Beide Tempel, der jüngere nach Zeus 
benannte wie der ältere nach Hera benannte sind nach einem 
Septembervollmond gerichtet. Für das Heraion kommen fol- 
gende Vollmonde in Betracht: 

700 V. Chr. 19 September 20 Ol. 



692 


21 


22 


684 


22 


24 


676 


24 


26 


668 


25 


28 


660 


27 


30 


652 


28 


32 


636 


2 


36 


620 


5 


40 


604 


8 


44 



Die Uebersicht lehrt, dafs der Tempel nur im ersten Drittel 
des Jahrhunderts gestiftet sein kann. Wäre die Stiftung auf 
den Vollmondstag selbst gefallen, so würde sie 700 oder 692 
anzusetzen sein. Allein die Feier umfalste mehrere Tage und 
der Hergang verlief nach Pindar Ol. 3, 19 vielmehr so, dafs die 
Tempelweihe zuerst kam, alsdann die Spiele folgten, endlich 
das Hochfest am Vollmond den Beschlufs machte. Rechnet 
man mit Pindar Ol. 5, 6 eine fünftägige Dauer der Spiele, 
so ergibt sich das Gründungsjahr 668. Eben dafür sprechen 
gewichtige Gründe. — Olympia gehörte zu jenen aufser- 
staatlichen Cultstätten, denen die Pflege der Astronomie und 
damit auch die stellare Orientation am Herzen lag (S. 160). 
Wenn der Monat Parthenios der Hera geweiht ist, so gilt dies 
auch von seinem Sternbild, der Jungfrau. Der hellste Stern 

1) Censorin d. n. 18, 5 hunc cireuitum vere annum magnum 
esse pleraque Graecia existimavit ... ob hoc in Graecia multae 
religiones hoc intervallo temporis summa caerimonia coluntur vgl. 
Plut. Agis 11, 3. 



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Hellenische Sonnentempel. 199 

des Bildes a Virginia (seitdem man ihn u. a. der Ceres zu- 
schrieb, Spica benannt) zählt zu den Fixsternen erster Grölse 
(1, 38). Er ging in der Frühe zu Olympia auf: als Ptolemaeos 
schrieb, am 7. Phaophi = 5, October, im ersten Drittel des 
7. Jahrhunderts wegen des Vorrüekens der Nachtgleichen am 
23. oder 24. September. Es läfst sich schwerlich noch er- 
mitteln, bei welcher Hochfeier, ob bei der 26. oder bei der 
28. der Stern in der Morgendämmerung zuerst gesehen wurde. 
Sein Erscheinen hat sich an mehreren Spielen (etwa OL 26. 
28. 30. 32) wiederholt. Man begreift, dafs dies Zusammen- 
treffen die Aufmerksamkeit der Priester fesselte und verhältnis- 
mäfsig früh schriftlich festgehalten wurde. Daratis dürften 
die ohne Kenntnis der Praecession gemachten älteren Ansätze 
der Stiftung der Olympien abzuleiten sein. Hippias (vgl. 
A. Körte, Herm. XXXIX, 1904, p. 238 fg.) liefs einfach ein 
Jahrhundert vor dem ersten Zusammentreffen Ol. 26 verstreichen 
und gewann so das Stiftungsjahr 776. Die wissenschaftliche 
Astronomie hatte grofse Fortschritte aufzuweisen, als Kalli- 
machos es durch 828 zu verdrängen suchte. Einsichtiger 
Weise eröffnete er die Reihe mit einer Septemberfeier und 
dem gleichzeitigen Frühaufgang von Spica, legte also einen 
Schaltcyclus von 160 Jahren (S. 190) vor Ol. 28. Die Decli- 
nation des Sterns betrug: 

800 + 40 16' 
700 3 43 

600 3 10 

mithin 668 3^ 32', was einem Azimuth von 265^ 32' entsprach, 
so dafs der Stern ungefähr in der Richtungsaxe des Tempels 
(264^ 53') aufging. — Endlich liefert die olympische Chronik 
eine Bestätigung unserer Annahme, da sie Ol. 18 den Fünf- 
kampf, Ol. 23 den Faustkampf, Ol. 25 das Rennen mit Vier- 
gespannen eingeführt sein läfst. Die Vermehrung der Spiele, 
namentlich das glänzende Wagenrennen pafst sehr gut zur 
Stiftung eines Tempels. 

Zeus: 2620 3/ (jr^ef 

263 29 50"Kaupert 
262 Fabricius 



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200 Kapitel VI. 

262 45 Dörpfeld 

263 15 Nissen 
2620 37' 46'' Penrose 

Höhenwinkel Ost !<> 42' 

Der jüngere Tempel ist 8 Tage von dem älteren, 17 — 18 Tage 
von der Nachtgleiehe, nach der Sommerwende hin in seiner 
Axenriehtung entfernt. Das wahre Azimuth beträgt 261® 15^. 
Der Bau ist in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts beendet 
worden, welche kein passendes Datum für die Giündung auf- 
weist. Aber Pausanias V 10, 2 läfst ihn ausdrücklich aus der 
pisatischen Beute errichtet sein. Die Veraichtung der Pisaten 
fällt später als Ol. 48 (eb. VI 22, 3). Nach Africanus haben 
letztere die Vorstandschaft in der 30. und den folgenden 
22 Olympiaden, so dafs erst mit OL 53 das Fest wieder 
dauernd an die Eleer kommt (Busolt Gr. Gesch. P 604 A.). 
Die Epoche der Stiftung des Tempels ist damit durch die üeber- 
lieferung ziemlich genau umschrieben. Um dieselbe Zeit, wo die 
Ordnung der Isthmien und Nemeen erfolgte, haben die Eleer den 
Hauptagon des Peloponnes neu eingerichtet und zu diesem Behuf 
angeblich in Aegypten bei dem weisen König Amasis sich Rats 
erholt (Diodor 1 95, 2). Das Gründungsjahr des Tempels ist durch 
die Orientirung gegeben; denn ein geeigneter Tag kehrt erst 
nach 160 Jahren wieder. Ol. 54 564 v. Chr. fallen nach 
Ginzel, Chron. 1 548 die Neumonde 1,75 September 1,18 October 
Greenwicher Zeit, mithin hatte Olympia am 16. September 
11 Uhr 21 Minuten Vollmond. Da die Tempelgründung an 
den Anfang des fünftägigen Festes gehört (S. 198), ist sie 
auf den Morgen des 12. September zu setzen. Aus dem 
Azimuth 26 P 15' schliefst man, dafs die Richtungsaxe erst 
abgesteckt ward, nachdem die ganze Sonnenscheibe sichtbar 
geworden war. — Eine erwünschte Bestätigung liefert der 
Ansatz, der dem Polybios und Aristodemos beigelegt wird. 
Danach erfolgt die Stiftung der Spiele 884 d. h. zwei 160jährige 
Schaltcyclen vor der Stiftung des Zeustempels. Den mächtigen 
Steinbau (Stylobat 27,66x64,10 m) rasch zu fördern haben 
die Mittel ebenso wenig gereicht wie bei Kathedralen des 
Mittelalters. Die lange Frist, welche vom Beginn (oder richtiger 
gesagt von der Absteckung der Tempelaxe) bis zur Vollendung 



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Hellenische Sonnentempel. 201 

des Baus verstrichen ist, rechtfertigt es aber nicht die Nach- 
richt des Pausanias zu verwerfen: ist doch auch um ein 
Beispiel unter vielen zu nennen, an dem grofsen Apollotempel 
in Delos Jahrhunderte lang gebaut worden. — Wenn man die 
Frage aufwirft, ob der Zeustempel nach dem Aufgang eines 
Sterns orientirt sein könne, so lautet die überraschende Antwort, 
dafs die Axe annähernd der Aufgangsrichtung eines Sterns 
erster Grölse a Aquilae 6 XajLiiTpö^ toö deioO entspricht. Die 
Declination desselben ändert sich langsam, betrug —600 + 5^ 
44M9^ -500+50 32' 26". Die Rechnung mit 9=37» 38' 
und A = 81M5' geführt, ergibt b + 6^ bö^ oder für 564 als 
Aufgangsazimuth des Sterns 262^ 46'. Der Name des Stern- 
bilds und seine Beziehung auf Zeus kommt zuerst bei Aratos 
vor (Phaen. 523 Ztivö^ M^y«? öfT^Xo^); aber die Anfänge der 
griechischen Astronomie liegen im Dunkeln. Das Sternbild 
naufste die Aufmerksamkeit besonders deshalb auf sich lenken, 
vsreil sein Frühaufgang und Spätuntergang ungefähr mit der 
Wintersonnenwende zusammentraf, zumal bei den Eleern, die 
mit dieser Epoche ihr Neujahr anfingen. 



Metroon: 


285» 11' Graef 
284 8 3A" Kaupert 
281 15 Fabricius 
101 45 Nissen 


Höhenwinkel Ost 


2810 47/ 2" Penrose 
2« 



Dafs nun dieser in den Anfang des 4. Jahrhunderts gesetzte 
Tempel nach Westen gerichtet war, erhellt aus der Lage des 
dazu gehörigen Altars. Sein zerstörter Zustand gestattet nur 
eine annähernde Messung. Als Pausanias Olympia besuchte 
(V 20, 9), diente er als Magazin für Kaiserstatuen, das Cult- 
bild war verschwunden. Allem Anschein nach haben wir es 
nicht mit einer einheimischen Gottheit, sondern mit asiatischem 
Import zu tun. Zum Vergleich bietet sich der jüngere, der 
gleichen Epoche angehörende Tempel der Göttermutter von 
Samothrake dar, der 168® liegt. Also fällt die Richtung der 
untergehenden Sonne an den nämlichen Tagen mit der Längen- 
axe des Heiligtums zu Olympia zusammen, an denen sie durch 
eigens angebrachte Türen das Götterbild in Samothrake bei 



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202 Kapitel VI. 

ihrem Aufgang bescheint. Auf die Kalenderzeit der Feste 
kamen wir schon S. 142 zu sprechen. Penrose p. 811 läfst das 
Metroon nach dem Untergang von a Arietis orientirt sein und 
berechnet als Gründungstag den 9. October 360 v. Chr. Dies 
mag richtig sein: wenigstens finde ich keinen anderen Stern, 
der sei es für den Aufgang sei es für den Untergang in Frage 
kommen könnte. Uebrigens spielt ja auch in Samothrake der 
Widder eine grofse Rolle (S. 143). — Der Altar des Metroon 
ist ebenso orientirt wie dieses selbst. Von dem grofsen Zeus- 
altar läfst sich keine irgendwie zuverlässige Messung nehmen. 
Dagegen liegt mit bemerkenswerter Abweichung (nach meiner 
Messung) der 

Altar des Heraion 273^ 30'. 
Die Axe des Altars entfernt sich also ungefähr ebenso 
weit von der Nachtgleiche, wie diejenige des Tempels, aber 
in umgekehrter Richtung. Es wäre denkbar, dafs sie die Zeit 
des pentaeterischen Herafestes (Paus. V 16, 2 fg.) wiedergäbe, 
dieses also 14 Tage nach den Olympien fiele. — Das sog. 
Buleuterion, in dessen Mittelbau das Heiligtum des Zeus Horkios 
erkannt wird, liegt 256®. Das alte Gebäude, welches in die 
byzantinische Kirche (85®) umgewandelt ist, 265®. Das Heroon 
blickt nach Westen 84®, der in ihm befindliche Altar ist nach 
Norden orientirt. Die Schatzhäuser liegen mit einer Schwankung 
von 14® nach Süden zwischen 351® und 5®; da sie der Ge- 
staltung des Terrains sich anschmiegen und von einer sacralen 
Bedeutung der Richtung keine Rede zu sein scheint, verzichte 
ich darauf die Messungen im Einzelnen anzuführen. 

§ 3. Nemea. 
Die Olympien sind im August und September gefeiert 
worden : so lehren die Heortologen, so lehrt die Ueberlief erung 
in allen Fällen, die eine Nachprüfung gestatten, so lehrt die 
Richtung des Hera- und des Zeustempels. Diese unumstöfs- 
liche Tatsache gibt einen Eckstein ab, auf dem die chrono- 
logische Forschung weiter bauen kann. Mancher der üblichen 
Ansätze mufs darnach geändert werden. Wenn es bisher als 
sicher galt, dafs die Panathenaeen dem Anfang jedes dritten 
Olympiadenjahres angehören, so wissen wir jetzt, dafs sie 
vielmehr in das Ende des zweiten fallen (S. 188). Aehnlich 



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Hellenische Sonnentempel. 203 

verhält es sich mit den Nemeen. Die bezüglichen Hauptpuncte 
sind von Schoemann und neuerdings in überzeugender Weise 
von ünger festgestellt worden^). Es kommt nur darauf an, 
sie zurecht zu rücken und mit den hier gefundenen Ergebnissen 
in Einklang zu bringen. Nach Bakchylides 9, 21 wird in 
Nemea alle zwei Jahre gefeiert. Der Pindarscholiast in der 
Einleitung zu den Nemeen p. 425 Boeckh bemerkt iaii Tpietfi^ 
[6 afibv] TeXoujLievo^ )litivi TTavejLiiü iß'. Statt des 12. wird der 
18. Panemos angegeben in den von Tycho Mommsen Frank- 
furt a. M. 1867 veröffentlichten jüngeren Scholien p. 34 fj^eTO 
bk )LiTivi TTav^juifj iri' öq icrw 'louXio^. Abel hat p. 11 und 13 
seiner Ausgabe ÖKTWKaibeKdTr) in den Text gesetzt: wie ich 
meine mit Unrecht. Da das Fest ohne Zweifel mehrere Tage 
dauerte, wird man nach den besten Handschriften den Anfang 
auf den 12., den Schlufs auf den Vollmond des Panemos wie 
bei den Olympien anzusetzen haben. Der nächste Abschnitt 
wird von anderer Seite her diesen Ansatz bestätigen. Von 
den beiden in jede Olympiade fallenden Festen tritt das an 
zweiter Stelle gefeierte durchaus in den Vordergrund, so dafs 
man sogar daran denken konnte, das erste dem Winter bei- 
zulegen: ein Irrtum, den ünger bündig beseitigt hat. Schoemann 
führte aus, dafs die Sommememeen, d. h. eben jene aus- 
gezeichnete Feier dem Anfang des 4. Olympiadenjahres, un- 
gefähr dem August angehören. Nach dem Gesagten haben 
wir statt dessen das Ende des 3. Olympiadenjahres anzusetzen, 
und so werden sie auch von unserm wichtigsten Gewährsmann 
Polybios datirt. Daraus folgt weiter, dafs die vorhergehende 
Feier dem Ende des 1. Olympiadenjahres zugeschrieben werden 
mufs. Ich zähle die in der üeberlieferung erwähnten Nemeen 
her unter Beifügung der zu ihrer genauen Orientirung dienenden 
Zeitangaben. 

359 V. Chr. Ol. 107, 3 Ende Demosth. XXI 115, Droysen 
Herrn. XIV p. 10. 

323 V. Chr. Ol. 114, 1 Ende CIA. II 181, Hermes V p. 18. 

1) Schoemann proleg. p. 38 fg. zu s. Ausgabe von Plut. Agis 
et Cleomenes. Unger, die Zeit der nemeischen Spiele, Phil. XXXIV 
p. 50 fg. vgl. ebd. XXXVII p. 524 fg. Droysen, die Festzeit der 
Nemeen, Hermes XIV p. 1 fg, gibt eine Uebersicht des Materials, 
ohne sich bestimmt zu entscheiden. 



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204 Kapitel VI. 

328 fg. Ehrendecret für Lapyris. Die Feier fällt nach dem 
12. Hekatombaeon attischen Kalenders. 

315 V. Chr. Sommer = 01. 116, 1 Ende Diodor XIX 64. 

223 V. Chr. Ol. 139, 1 Ende Plut. Kleom. 17, 4. 

221 V. Chr. Ol. 139, 3 Polybios II 70 1). 

217 V. Chr. Ol. 140, 3 Pol. V 101, 5 einige Zeit nach der 
Ernte c. 95, 5. 

209 V. Chr. Ol. 142, 3 Pol. X 26 Liv. XXVII 30. 31. 

205 V. Chr. Ol. 143, 3 Plut. Philop. 11. Rhein. Mus. XXVI 
p. 248. 

195 V. Chr. Ol. 146, 1 Liv. XXXIV 41, verspätet im Herbst 
abgehalten. 

Aus der üebersicht erhellt, dafs die Feier nach einem 
oktaeterischen Cyclus geordnet war, drei Mal nach einem 
Abstand von 25, das vierte Mal nach einem Abstand von 
24 Monaten wiederkehrte. Die Pindarscholien setzen dieselbe 
zum nemeischen Löwen in Beziehung, nach der Ueberlieferung 
hat sie zweifellos unter diesem Zeichen des Tierkreises statt 
gefunden. Die Sage bringt die Feier in Verbindung mit den 
Leichenspielen, die für das jählings hingeraffte Königskind 
Opheltes gehalten wurden (Preller, Gr. Myth. IP p. 356). Die 
Sage gehört in den Bereich jener vielfachen Erzählungen, 
welche die im Süden im Hochsommer besonders stark hervor- 
tretende Kindersterblichkeit veranschaulichen (Ital. Landes- 
kunde I p. 407). 

Eine erwünschte Bestätigung für die Zeit der Nemeen 
gewährt die Ruine des in jüngerer vielleicht makedonischer 
Epoche erbauten Tempels. Zwei Messungen stehen zu meiner 
Verfügung: 

2b0^ Schöne 1867 

250» 39^ 18^^ Penrose 
Der Tempel liegt in einem Tal, Penrose bestimmt den Höhen- 
winkel östlich zu 60 35^ (qp = 37^ 490- Somit stellt sich das 
wahre Azimuth 244^ 10^, das entspricht einem Sonnenaufgang 
32 Tage von der Sommerwende, im 4. Jahrhundert v. Chr. 

1) Die Streitfrage in welches Jahr die Schlacht von Sellasia 
gehört, wird zuletzt von Sokoloff, Klio V <1905) 224 behandelt: die 
Gründe mit denen er Schlacht und Feier 222 ansetzen will, sind 
nicht stichhaltig. 



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j 



Hellenische Sonnentempel. 205 

also 26. Mai und 29. Juli. Das letztere Datum stimmt zu den 
Angaben der Ueberlieferung vortrefflich. Ferner läfst sich 
auch daraus die cyclische Anordnung mit ziemlicher Wahr- 
scheinlichkeit gewinnen. Die erste Feier in jeder Olympiade 
fällt 12 Monate nach, die zweite 13 Monate vor den olym- 
pischen Spielen. Der Zwischenraum zwischen beiden beträgt 
abwechselnd 24 und 25 Monate. 

§ 4. Argos. 
Das altberühmte Heraion, das Nationalheiligtum der Land- 
schaft, wurde 423 v. Chr. vom Feuer zerstört und durch einen 
von Pausanias II 17 beschriebenen Neubau unterhalb der 
früheren Stätte ersetzt. Nach Penrose liegt 
Alter Tempel 287» 13^ 20^' 
Neuer Tempel 285 59 20 
Höhenwinkel Ost 2 30 
Danach stellt sich das wahre Azimuth (q) = 3V 41' 13'0 für 
den ursprünglichen auf 284» 46', für den neuen auf 283^^32^ 
Es entspricht einem Sonnenaufgang der 61 und 64 Tage von 
der Winterwende abliegt, also für den ältere 601 v. Chr. 
25. Februar 29. October, den jüngeren 401 v. Chr. 27. Februar 
25. October. Ein wichtiger Festcyclus knüpft an das Heraion 
an: Schol. Pind. Ol. 7, 152 (vgl. zu Ol. 13, 148 und Nem. 10 
Anf.) TeXeTxai fäp Kaia tö ''ApTO^ xd ''Hpaia, S Kai 'EKaxojißaia 
KaXeiTW, Trapct tö iKaxöv ßoO^ 0Ü€(T0ai rq Oeiu* tö hk liraOXov 
dcrm^ XctXKfi, 6 bk aTi(pavo<; dK jaupcrivriq. Und zwar findet 
dem doppelten Namen entsprechend eine doppelte Feier statt, 
gerade wie es neben den eigentlichen Nemeen im August 
kleinere N^jueia x^ijuepivct (Paus. II 15, 2 VI 16, 4) gibt. Die 
geringere Feier unter dem Namen Hekatombaeen fällt der 
Lage dieses Monats gemäfs Ende Juli oder Anfang August. 
Diese Datirung schöpfen wir aus der nach Polybios übersetzten 
Erzählung Liv. XXVII 30. Im Sommer Ol. 142, 3 209 v. Chr. 
schliefst König Philippos mit den Aetolern einen 30tägigen 
Waffenstillstand, rückt vom Malischen Busen nach Chalkis auf 
Euboea, begibt sich nach Argos: ibi curatione Heraeorum 
Nemeorumque suffragiis populi ad eum delatUy Heraeisque 
actis ab ipso ludicro extemplo Aegium profecttts est ad in- 
dictum multo ante sociorum concilium. I^an verhandelt über 

Nissen, Orientation, Stad. z. Religionsgesch. II. 7 



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206 Kapitel VI. 

den Frieden sed ea omnia vixdum indutiarum tempore cir- 
cumacto Aetoli turbavere. Nach einigen Anordnungen ipse 
ab eo concilio Argos regressus: iam enim Nemeorum appe- 
tebat tempus quae celebrare volebat praesentia sua. Hierans 
folgt, dals die sommerliehen Heraeen als eine Vorfeier der 
Nemeen betrachtet werden müssen. In der vierten nemeischen 
Ode besingt Pindar einen Sieg, den der Aeginet Timasarchos 
vou)LiTivi(ji (v. 35) errungen hatte. Lübbert machte mich auf 
diese Stelle und die Schwierigkeiten, die sie den Erklärem 
bereitet, aufmerksam. Ich vermute, dafs die sommerlichen 
Heraeen gemeint und auf den Neumoud des Panemos zu legen 
sind. Man darf an den römischen Glauben erinnern, welcher 
die Kaienden der Juno, die Iden dem Juppiter heiligte. Der 
hieraus sich ergebende Abstand pafst zu der angeführten 
Erzählung sehr gut. Da im August 209 v. Chr. der Vollmond 
annähernd auf den 22. trifft, kann man die Heraeen dem 8/9., 
die Nemeen dieses Jahres dem 19 — 22. August zuweisen, mög- 
licher Weise auch einen Monat früher setzen. 

An den Tempel schlössen sich Weihen an: die Hera 
ward alljährlich durch ein verjüngendes Bad zur Jungfrau 
(Paus. II 38, 2), verschiedene Gegenstände deuteten auf ihr 
Beilager mit Zeus (Paus. II 17, 3. 4, Hermann Gottesd. Altt. 
52, 1). Im Gamelion (Februar) wurde der xepöc; ta^o^S gefeiert 
(A. Mommsen, Heort. p. 343). Er nimmt im Leben der Göttin 
die wichtigste Stelle ein: auf das Verjüngungsbad und die 
nachfolgende Hochzeit wird mit allem Grund die Richtung 
und das Hauptfest des Tempels bezogen werden müssen. Um 
letzteres zu datiren, steht meines Wissens ein einziges histo- 
risches Zeugnis zur Verfügung. Demetrios Poliorketes feiert 
Ol. 119, 3 301 V. Chr. die Heraeen in Argos und zugleich seine 
eigene Hochzeit mit Pyrrhos' Schwester Deidamia (Plut, 25 
iv "Aptei infev oöv Tf\<; tujv 'Hpaiujv ioQTf\<; Ka9r]K0u(JTi(; dYwvo- 
GcTÄv Kai (Ju)LnTavTiTupi2!u)v loiq "EXXticTiv fpiM^ ktX.). Nach 
der Eroberung von Sikyon, Korinth und anderen Plätzen des 
Peloponnes (Diod. XX 102. 103. 1 10) laugt er im Munychion 
(Mai) zu Athen an (Plut. 26). Eine so genaue Zeitbestimmung 
wie im oben besprochenen Falle läfst sich hier nicht gewinnen. 
Immerhin pafst das durch die Richtungsaxe gegebene Datum 
Ende Februar in den Zusammenhang der Ereignisse vortrefflich. 



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Hellenische Sonneutempel. 207 

§ 5. Epidauros. 
Der Scholiast zu Pindar Nem. 3, 147 berichtet TiOerai 
t)fe dv 'ETTibaupuj dt^v 'AcTkXtittiiij, tiöv 'AcTKXriTTiabiöv irpiüTiuv 
6^VTUüV incTCt TttUTtt bk 'ApT€iu)v bid TTevraexTipibo^* TiOerai bk 
iv Tiu fiXcTei ToO 'AcJkXtittioO, äyeTai bk ixeia dvvda fi|idpa(; tujv 
""IcrOiLiiiJüv. Dies pentaeterische Fest gehörte dem zweiten Jahr 
einer jeden Olympiade an, da es einerseits einige Zeit vor 
den Panathenaeen (Plat. Ion. 530 A), anderseits neun Tage 
nach den Isthmien fiel, deren Epoche nach der unten anzu- 
führenden Ueberlieferung fest steht. Die genauere Datirung 
verdanken wir den Heiligtümern, die seit 1881 von Kawwadias 
aufgedeckt worden sind. Dörpfeld mals die Axen im Jahre 1885 
und liels, da der Haupttempel sehr zerstört ist, einen Teil des 
vortrefflich erhaltenen Fundaments blos legen, um ein ganz 
zuverlälsiges Ergebnils zu erzielen. Trotzdem ist ein Fehler 
von V2 — 1^ nicht ausgeschlossen, da das Instrument corrigirt 
werden mufs. Die Declination ist zu 7® 15' angenommen. 
Tempel, Altar so wie die von Polyklet im 4. Jahrhundert 
erbaute Tholos haben genau gleiche Richtung, nämlich 
Asklepios 258<> 30' Dörpfeld 
259 24 50^' Penrose 
Höhenwinkel Ost 6» lO' 
Da <p = 370 35^ ist das wahre Azimuth 252^ 43^ Dies ent- 
spricht einem 36 Tage von der Nachtgleiche entfernten Sonnen- 
aufgang, iulianisch ausgedrückt um 400 v. Chr., welcher Zeit 
der Tempel ungefähr angehört, 30. April, 24. August. Das 
erstere Datum bezeichnet die Lage des pentaeterischen Festes. 
In Athen wurden die Asklepieen 16 Tage früher am 8. Ela- 
phebolion gefeiert (S. 173). Dafs die Feier von Epidauros 
auf oder bald nach Vollmond fiel, kann man daraus schlielsen, 
dafs der Haupttag der Isthmien wahrscheinlich der achte war 
(Plut. Thes. 36, 4). Wir kennen die Monatsnamen von Epi- 
dauros nicht, dürfen aber als Festmonat den Artemisios ver- 
muten, da der April in den meisten dorischen Städten nach 
Artemis benannt ist. Ein kleiner Tempel dieser Göttin in 
Epidauros liegt 

Artemis 256^ Dörpfeld 
255 49' Penrose 
Höhenwinkel Ost 6« lO' 



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208 Kapitel VI. 

Die Benennung ist völlig sicher, die Entstehungszeit ziemlieh 
spät. Das wahre Azimuth beträgt 249^ 18' und entspricht 
einem Sonnenaufgang 1 v. Chr. 8. Mai 18. August. 

§ 6. Korinth. 
Die Isthmien sind trieterisch (Find. Nem. 6, 69 mit Schol. 
vgl. Plut. Thes. 25 Solon 23), in den geraden Jahren einer 
Olympiade und zwar im Frühling gefeiert worden^). Nach 
dem oben hinsichtlich der Asklepieen beigebrachten Zeugnifs 
lälst sich das Datum um 400 v. Chr. im Mittel auf den 
23. April fixiren. Dies ist für den historischen Zusammenhang 
von Interesse, wie man im Einzelnen erkennen wird, indem 
man die folgende Liste der Isthmien nachprüft: 
412 V. Chr. OL 91, 4 Thukyd. VIII 7 fg. 
390 96, 2 Xen. Hell. IV 5, Diod. XIV 86, Plut. 

Ages. 21, Paus. III 10, 1. 

Curtius IV 5, 11 vgl. Diod. XVII 48. 

Polyb. II 12, 8. 

Liv. XXXIII 30 usw. 
Von diesen 5 Fällen liegt der erste ganz klar, so dafs 
schon Grote bist. of. Gr. IX c. 75 hiernach die Isthmien dem 
April, spätestens dem Anfang Mai zugewiesen hat. Nicht minder 
klar liegt der letzte durch die ausführliche und sorgfältige 
Ei-zählung des Polybios. Ferner führt der vierte Fall gleicher 
Weise auf den Frühling. Endlich erregt auch der dritte keinen 
Anstofs, wenn man die aus der nämlichen Quelle geflossene 
Darstellung Diodors heranzieht und beachtet, dafs die auf den 
Isthmien für Alexander beschlossenen Ehren durch den Sieg 
bei Issos veranlafst waren: nur die Anknüpfung iisdem fere 
diebus bei Curtius ist unrichtig. Dagegen müssen wir bei der 
Feier von Ol. 96, 2 länger verweilen. Die Erzählung bei 
Xenophon zwingt anscheinend den Leser entweder die Isthmien 
in den Sommer oder die spartanischen Hyakinthien in den 
Mai zu rücken. Jenen Ausweg wählte Hermann Gottesdienst- 
liche Altert. 49, 14. 15 in schroffem Widerspruch zu der ander- 
weitigen üeberlieferung; diesen Ausweg schlug ünger ein mit 



332 


111,4 


228 


137,4 


196 


145,4 



1) Ungar, Philologus XXXVII Ifg.; dessen Ausführungen im 
Einzelnen gröfstenteils verfehlt sind. 



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Hellenische Sonnentempel. 209 

einer Reihe von Aufstellungen, die mit dem griechischen 
Kalender unvereinbar sind. Eine unbefangene Prüfung der 
Ereignisse lehrt, dafs Xenophon lediglich eine jener Flüchtig- 
keiten begangen, an denen seine Geschichte üeberflufs hat. 

Die Lakedaemonier, heifst es IV 5, 1, zogen wieder nach 
Korinth unter Anführung des Agesilaos: Kai irpoiTOV ^kv fjXGev 
ei^ 'l(y6)Li6v* Ktti Tap fjv 6 jLifjv iv & ^crOjaia TiTvexai, die Argiver 
waren damit beschäftigt dem Poseidon zu opfern, liefsen beim 
Herannahen des Königs das Opfer in Stich und flüchteten 
furchtsam in die Stadt. Der König verfolgte sie nicht, sondern 
schlug im heiligen Bezirk sein Lager auf und verblieb, bis 
die Verbannten dem Gott Opfer und Spiele ausgerichtet hatten. 
^TTOiTicTav hk Ktti Ol 'ApT€ioi direXOövTO^ 'AfilcTiXdou Ü dpxfl? 
irdXiv "IcJGjLiia. Kai dKeivuj tuj Itci fcTTi jLifev S tujv äOXiuv bi^ 
hiaOToq eviKrjGTi, ^ctti bk & b\q o\ auroi ^Kr]pux6n^ctv. T^j bfe 
TCTdpTij fi|i^p(jt 'ATTi(TiXao(; fj^e irpö^ tö TTeipaiov tö cTipdreujua. 
Weiter heifst es § 11 oi 'AjuuKXaioi dei irore direpxovTai ei<; lä 
*YaKiv9ia dir! töv iraiäva, edv re (TTpaTOTTebeuöjuevoi Tuyxdvuxyiv 
^dv xe fiXXiuq TTU)q dTTobr]juoOvT€q. Kai tötc br\ toik; ^k naar\q 
if\q aipaTid^ 'A)LiUKXaiou(; KareXme jtifev 'Aini(yiXao(; iv Aexaiiu. 
Die Mora, welche die heimziehenden Amyklaeer geleitet, wird 
am zweiten Tage nach dem Aufbruch des Königs vernichtet. 
Eine wunderliche Kriegführung, welche Mannschaften von 
Lakonien nach Korinth marschiren, drei Tage den Spielen 
zuschauen und dann wieder nach Hause rücken läfst: die 
taktische Foi*mation konnte bei dieser Ein- und Ausmusterung 
nicht eben gewinnen. Ein Heerführer gar, der Anfang April 
seine Truppen mit blofser Sommergarnitur ausgerüstet (§ 4) 
in die Berge schickt, gehört ins Tollhaus aber nicht an die 
Spitze einer Armee. Merkwürdiger Weise halten femer nach 
§ 13 die Athener Korinth besetzt, während nach § 1 die 
Argiver bis zum Abzug des Agesilaos im Besitz verblieben 
sind. Vergleicht man die anderen Berichte, so setzt Diodor 
c. 91 die Vernichtung der Mora durch Iphikrates in das den 
Isthmien folgende Jahr und trennt beide Ereignisse ausdrück- 
lich durch einen mindestens mehrtägigen Zwischenraum, in 
den ein von Xenophon verschwiegener Anschlag auf Korinth 
fällt. Vollends Pausanias meldet also: ou ttoXXiij bk öcJTepov 
TÖV dtujva iGriKav tujv 'IctOjuiijüv oi ^tti XaKUJVi(T)Liij!i (peutovTC^ 



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210 Kapitel VI. 

KopivGioi. ol bk iv if} iröXei tötc infev T^) 'ApicTiXdou beijuaii 
fl(Juxci2!ov* dvaZeugavTO(; bk iq Tf|V Z7TdpTT]v outuü Kai auroi 
juerd 'Apteiujv rd "IcJGjuia fito^^iv. dcpiKCTo bk Kai au9i^ im 
KöpivOov (JTpaTiqt* Kai, ^ir^ei y^P 'YaKivGia, d<piT](Ti tou(; 'Ajuu- 
KXai€i(S oxKobe direXGövTa^ rd KaOecTTTiKÖTa t<\) t€ 'AttöXXuüvi 
Kai TaKivGiu bpäaai. raÜTTiv Tf|v inoTpav diriO^iLievoi Ka0' öböv 
'AOrivaioi Kai'lcpiKpdTTi(; bi^cpGeipav. Damit bekommt die Sache 
Sinn und Verstand. Agesilaos ist 390 v. Chr. zweimal nach 
Korinth marschirt: das erste Mal um mit den Verbannten die 
Feier der Isthmien zu begehen, das zweite Mal zu jenen Unter- 
nehmungen, die Xenophon näher beschreibt. Zwischen beiden 
Zügen kann eine geraume Frist verstrichen sein, während der 
die argivische Garnison durch eine athenische ersetzt und von 
den Verbannten ein milsglückter Handstreich gegen die Stadt 
gerichtet worden war. Was aber die Darstellung Xenophons 
betrifft, so ist entweder im Text vor § 3 xfj bfe rerdp-n] f)|Li^p(ji 
ein Stück ausgefallen, oder der Schriftsteller hat leichtfertiger 
Weise die Rückkehr des Agesilaos nach Sparta, seinen erneuten 
Ausmarsch nebst den übrigen Ereignissen übergangen und zwei 
Züge zu einem verschmolzen. Die Entscheidung dieser Frage, 
welche von der Auffassung der ganzen Hellenika abhängt, ist 
für unsere hier gesteckte Aufgabe gleichgültig. 

Nach diesen Ausführungen pafst auch die Isthmienfeier 
von Ol. 96, 2 vortrefflich zu dem anderweitig bezeugten Datum. 
Ebenso pafst die besprochene Erzählung vortrefflich zu der 
anderweitig bekannten Datirung der Hyakinthien. Dieselben 
sind im Hekatombaeon gefeiert worden: dafs die Stellung des 
lakonischen Monats derjenigen des attischen genau entsprach, 
wird von Herodot bezeugt, der die erste Einnahme Athens in 
den Boedromion, die zweite Einnahme Athens zehn Monate 
darauf gleichzeitig mit den Hyakinthien setzt IX 3 fg. : beides 
nach derselben nämlich attischer Tradition. Nachdem nun 
die Ruinen den Anlafs geboten haben, die Epoche der wich- 
tigsten Festspiele des alten Hellas zu erörtern, wird es zweck- 
mäfsig sein das Ergebnifs in einer Tabelle zusammenzufassen: 
428 V. Chr. 1. Hekatombaeon = 31. Juli 

15. Parthenios 13. Sept. Olympiade 88 

427 1. Hekatombaeon 20. Juli 

15. Panemos 3. Aug. Nemeen 



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Hellenische Sonnentempel. 



211 



426 



425 



424 







20. April 


Isthmien 






28. April 


Asklepieen 


1. 


Hekatombaeon 


8. Aug. 








5. Sept. 


Gr.Panathenaeen 




Bnkatios 


Anf. Oct. 


Pythieni) 


7. 


Galaxien 


9. April 


Delien (§ 28) 


1. 


Hekatombaeon 


28. Juli 




5. 


Panemos 


12. Aug. 


Nemeen 






28. April 


Isthmien 


1. 


Hekatombaeon 


17. Juli 








31. Aug. 


Olympiade 89. 



Die Masse der hellenischen Tempel, an welche keine berühmte 
Panegyris anknüpft, vermag nicht unmittelbar so wichtige 
Dienste zu leisten wie die letzthin besprochenen. Was zunächst 
Korinth betrifft, so sind die Tempel des Poseidon und Meli- 
kertes im heiligen Bezirk bisher vergeblich gesucht worden. 
Dagegen ist neuerdings durch die amerikanischen Ausgrabungen 
erwiesen, dafs der längst bekannte altertümliche dorische 
Tempel dem ApoUon angehört. Magnetische Messungen aus 
1867 (Declination 8^ 30') von Schöne und 1885 (Declination 
7® 150 von mir liegen vor. 

Apollon 2480 30' Schöne 

250 Nissen 

249« 20' Penrose 
Höhenwinkel Ost 55' 
Das Azimuth führt auf einen 48 Tage von der Sonnenwende ent- 
fernten Sonnenaufgang, iulianisch 601 v.Chr. 13. Mai 15. August. 

§ 7. Mykenae. 
Paläste und Grabmäler die mit der Pracht der Pyramiden 
wetteifern, stehen an der Schwelle der Griechischen Geschichte ; 
Tempel gibt es noch nicht. Erst das freie Bürgertum hat die 
Götterwohnung mit dem äufseren Glanz ausgestattet, den vor- 
dem der irdische Herrscher als Vorrecht in Anspruch genommen 
hatte. Mit Händen greifbar treten uns in den altersgrauen 
Burgen verschiedene Welten entgegen, wenn wir über den 
Trümmern der Königspaläste die Spuren stattlicher Tempel 

1) Nach CIA II 545 und 551. 



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212 Kapitel VI. 

wahrnehmen. Wahrscheinlich ist dies in Tiryns, sieher in 
Mykenae der Fall; einen Tempelgrundrifs von letzterem hat 
Dörpfeld in den TTpaKTiKd von 1886 veröffentlicht. Penrose 
bestimmte die Lage zu 

1730 W 40^ 
Die umgekehrte Richtung nach Süd ist nicht ausgeschlossen. 
In Bezug auf den Horizont bemerkt Penrose, er sei an drei 
Seiten so eingeengt, dafs für Orientation allein die Ostseite 
in Frage komme, allwo der Höhenwinkel 7^ 22' betrage. Das 
wahre Azimuth stellt sich demnach (cp = 37® 43' 20") auf 
166® bezw. 256® und entspricht einem Sonnenaufgang 29 Tage 
nach der Frühlings- und vor der Herbstnachtgleiche. Penrose 
lälst die Queraxe durch den Aufgang von a Arietis 540 v. Chr. 
bestimmt sein. Die Rechnung ist richtig, auch gegen die 
Epoche der Gründung an sich nichts zu erinnern. Aber dafs 
ein so kleiner Stein (2, 40) zur Richtung eines Tempels 
gedient haben sollte, sieht wenig wahrscheinlich aus und wäre 
nur dann annehmbar, wenn es sich um eine ausländische 
Gottheit z. B. die Göttermutter (S. 143) handelte. Was den 
Namen des hier verehrten Gottes betrifft, sind wir lediglich 
auf's Raten angewiesen. 

§ 8. Tegea. 

Dei- Athena Alea, erzählt Pausanias VIII 45 fg., errichteten 
die Tegeaten einen grolsen sehenswerten Tempel. Als dieser 
395 V. Chr. abbrannte, wurde er unter Skopas' Leitung durch 
einen Neubau ersetzt, der an Ausstattung und Gröfse die 
anderen Heiligtümer im Peloponnes weit üben*agte. Unter 
der Annahme dafs der Perieget dabei von dem doppelt so 
grofsen Zeustempel in Olympia (S. 200) stillschweigend ab- 
gesehen habe, trifft seine Aussage hinsichtlich der Gröfse 
(21,30x49,90m) zu, wie Dörpfeld Ath. Mitt. VIII, 1883, p. 274fg. 
des Näheren darlegt. Obwohl die Stätte (beim Dorf PiaK) 
bisher nur ungenügend hat durchforscht werden können, waltet 
kein Zweifel an der Richtigkeit der Benennung ob (Bull. hell. 
XXV, 1901, p. 245). In der Nähe des Tempels befand sieh 
nach Pausanias c. 47, 4 ein Stadion, wo die 'AXeaia benannten 
Festspiele abgehalten wurden. Sie begegnen ein paarmal in 



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Hellenische Sonnentempel. 213 

der üeberlieferung (Pauly-Wissowa I 1, 1359), ohne dafs wir 
ihre Zeit erführen. Solehe läfst sich indels aus der Richtung 
des Tempels entnehmen, der nach Penrose liegt 

2670 12/ 30^/ 
mit einem östlichen Höhenwinkel von 2^22^; <p = 37<> 27' 45^^ 
Folglich ist das wahre Azimuth 265^, das einem Sonnenaufgang 
10 Tage nach der Frühlings- und vor der Herbstnachtgleiche 
entspricht. Ob aber das Fest Anfang April oder zweite Hälfte 
September gefeiert wurde, ist nicht mit Sicherheit zu ent- 
scheiden. — Vor dem Tempel wird ein antikes Fundament 
mit abweichender ßichtungsaxe verzeichnet, das noch genauer 
Untersuchung harrt. Dörpfeld schreibt es einem grolsen 
Altarbau zu, Penrose dem alten 395 abgebrannten Tempel 
nnd bestimmt dessen Richtung auf 

27P 23' 30" mit einem östlichen Höhenwinkel von 4^ 
Man berechnet daraus ein wahres Azimuth von 267^ 15' und 
einen Sonnenaufgang, der nur 5 Tage von der Nachtgleiche 
abliegt, während der Neubau 5 Tage weiter fortrückt. Sollte 
die Annahme Penrose's sich bewähren, so würde es ratsam 
sein das Fest der Aleaia dem September anzuweisen. Bis 
hierhin bewegen wir uns auf schwankendem Boden innerhalb 
des Möglichen. Wenn aber Penrose um die Gründung beider 
Tempel mit dem Aufgang von a Arietis in Beziehung zu bringen, 
den alten 1580, den nach 395 erbauten 1080 v. Chr. ansetzt, 
so ist er auf dem Boden des unmöglichen angelangt. 

§ 9. Megalopolis. 

Das Gleiche gilt vom Tempel des Zeus Soter, der am 
6. October 605 nach demselben Sternaufgang gerichtet sein 
soll, während die Stadt erst nach 371 v. Chr. entstand. Noch 
dazu beweisen technische Eigentümlichkeiten, dafs der Tempel 
jünger ist als die Anlagen der Gründungszeit (Ath. Mitt. 
XVin 218). Dörpfeld ist geneigt ihn dem Tyi-annen Aristo- 
demos zuzuschreiben; man könnte noch später greifen, auf die 
Herstellung der Stadt nach der Schlacht von Sellasia, wenn 
die Datirung der Cultbilder es zuliefse (Paus. VIII 30, 10). 
Penrose bestimmte die Richtung zu 

2790 42' 28" östlichen Höhenwinkel 3« 10'. 
Da <p = 37«25', ist das wahre Azimuth 276^24', der dazu 



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214 Kapitel VI. 

gehörige Sonnenaufgang 13 Tage vor der Frühlings- und nach 
der Herbstnaehtgleiche. Angaben über die Festzeit fehlen. 

§ 10. Phigalia. 
Der im letzten Drittel des fünften Jahrhunderts von 
Iktinos erbaute Apollotempel blickt nach Norden. Die Be- 
sonderheiten des Baus werden daraus erklärt, dals nach 
E. Curtius' ansprechender Vermutung eine ältere gegen Osten 
gewandte Capelle in den Neubau aufgenommen worden ist. 
Was aber die Nordrichtung betrifft, so wird solche auf die 
Gestaltung des Baugrunds zurückgeführt ^). Das Cultbild scheint 
durch die an der Ostseite angebrachte Seitentür nach Sonnen- 
aufgang geschaut zu haben. So die bisherige Auffassung im 
Anschlufs an Pausanias VIII 41, 7. Dieser erklärt den Tempel 
nach dem der Athena von Tegea für den gröfsten im Pelo- 
ponnes (S. 212) und läfst ihn zum Dank dem ApoUon Epi- 
kurios errichtet sein, weil der Gott im peloponnesischen Krieg 
ähnlich wie die Athener auch die Phigaleer von der Pest 
errettete. Die neueren Ausgrabungen leihen dem Bilde andere 
Züge^). Allerdings ist Epikurios in einer nach Osten orien- 
tirten Capelle ehedem hier verehrt worden, aber nicht als 
Helfer gegen Krankheit, sondern wie die als VTeihegaben 
dargebrachten Helme und Waffen zeigen, als Helfer in der 
Schlacht. Dieser arkadische Gott wurde, was vielen anderen 
Lokalgöttern widerfuhr, mit Apollon verschmolzen. Man gab 
dem Tempel die gerade für Apoll charakteristische Wendung 
nach Norden — auch dessen Standbild wird dorthin geblickt 
haben — und behielt pietätvoll die Capelle mit der Tür nach 
Osten und dem Cultbild am alten Orte bei. — Stackeiberg 
bestimmte die Richtung zu 182^^). Fabricius fand im Fe- 
bruar 1885 etwas weniger (viermal 187*/4^ einmal 189^; die 
Declination kann zu 7^ 35^ angenommen werden). Dies stimmt 
völlig überein mit Penrose, der angibt 

1800 2& &'. 



1) Curtius, Peloponnes I p. 330, dazu die Ausführungen von 
Michaelis, Arch. Zeitung XXXIV p. 161. 

2) Cavvadias, Comptes rendus du congrfes intern, d'arch., 
Äthanes 1905, p. 171-79. 

3) Stackeiberg, Apollotempel in Bassae, Bom 1826, p. 36. 



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Hellenische Sonnentempel. 21& 

Da <p = 37^25', der östliche Höhenwinkel = 45', so hat die 
aufgehende Sonne am Tage der Nachtgleiche das Bild de& 
Epikurios beschienen. 

§ 11. Lykosura. 
Die Stadt die er für die älteste auf Erden hielt, fand 
Pausanias VIII 38, 1 bei seinem Besuch verödet. Dem Heilig- 
tum der Despoina widmet er eine ausführliche Beschreibung 
c. 37, die durch Ausgrabungen seit 1889 in erwünschter Weise 
erläutert worden ist (Pauly-Wissowa V 1, 252 fg.). Der Tempel 
(11,15X21,35 m) stammt aus makedonischer Zeit (Athen. Mitt. 
XVIII, 1893, p. 219). Um so altertümlicher ist die hier ver- 
ehrte Gottheit (üsener, Götternamen 223): Despoina mit De- 
meter, eingefafst von Artemis und dem Titanen Anytos. Die 
Richtung des Tempels gewährt keinen unmittelbaren Aufschlufs. 
Penrose mafs 

2720 11/ 4// 

als östlichen Höhenwinkel 35'. Da dieser Winkel durch die 
Strahlenbrechung ausgeglichen wird, ist das Fest 4 — 5 Tage 
vor der Frühlings- oder nach der Herbstnachtgleiche anzusetzen. 

§ 12. Messene. 
Am Südabhang des Ithome liegt ein kleiner Antentempel 
(10x17 m) ionischen oder korinthischen Stils, den man nach 
Pausanias IV 31, 3 der Artemis Limnatis zuschreibt i). Fabricius 
bestimmte im Februar 1885 nach den geringen Ueberresten 
die Richtung (Declination 7® 35' gerechnet) zu 

297^ 
Die Axe des Tempels trifft nach seiner Angabe genau in die 
einzige grofse Lücke, die der hohe Kamm des Taygetos auf- 
weist. Das wahre Azimuth läfst sich ungefähr auf 295^ 
schätzen. Dies entspricht einem 30—35 Tage von der Winter- 
wende entfernten Sonnenaufgang. Die Benennung ist nicht 
sicher : man könnte vielleicht auch an Demeter denken (Paus. 
IV 31, 9). Jedenfalls scheint der Richtung nach eine gewisse 
Verwandtschaft zwischen der hier verehrten Gottheit und der 
Demeter obzuwalten: beide nehmen auf die Aussaat im 
November Bezug. 

1) Litteratur bei Bursian, Geogi\ v. Gr. II p. 166. 



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216 Kapitel VI. 

§ 13. Lebadea. 
Vor der Schlacht bei Leuktra, berichtet Diodor XV 53, 4, 
suchte Epaminondas seine Soldaten durch die Aussicht auf 
göttlichen Beistand zu ermutigen: fiXXov bk Kar^cTTTicrev \hq 
dirö Tpocpu)viou irpocJcpdTUJ^ dvaßeßiiKÖTa xai Xd^ovra biÖTi rrpocT- 
T^Taxev ö Oeö^ auTOi(;, öxav dv AeuKTpoiq viKrjcTuiCTiv, dtOüva 
TiOdvai Au ßacTiXei (TrecpaviTTiv dcp* ou br\ Boiujtoi rauTTiv 
TTOioOcTi xfjv iravriTupiv dv Aeßabeitjt. Der Sieg ward erfochten 
am 5. Hekatombaeon nach attischem (Plut. Ages. 28, 5) am 
5. Hippodromios nach boeotischem Kalender (Plut. Cam. 19, 2). 
Man drückt dies Datum iulianisch irriger Weise durch den 
7. oder 8. Juli aus; denn der Boeoter Plutarch, von den Siegen 
seiner Landsleute redend, datirt solche nach heimischer Weise 
und fügt nur zur Erläuterung den attischen Namen bei. Da 
er aber Hekatombaeon gleich August setzt (S. 164), so gilt 
die nämliche Gleichung für Hippodromios und einerlei ob der 
erste Hekatombaeon Ol. 102, 2 für Athen den 3. Juli oder 
2. August bedeutet, so ist die Schlacht bei Leuktra am 
7. August geschlagen worden, wobei immerhin ein Spielraum 
von ein paar Tagen frei bleibt. Der Baucontract für den 
Siegestempel, den die boeotische Landschaft dem Zeus Basileus 
bestimmt hatte, ist uns erhalten (Dittenberger* 540), zur Voll- 
endung kam der Tempel nicht, wie Pausanias IX 39, 3 sagt, 
wegen seiner Gröfse oder der unaufhörlichen Kriege wegen. — 
Demselben Gelehrten, welchem wir die musterhafte Erklärung 
der Bauurkunde verdanken, sind wir für die folgenden Mit- 
teilungen über den stattlichen 46,02 m langen Tempel ver- 
pflichtet. „Die Ueberreste — schrieb mir Fabricius — sind 
bis jetzt nicht untersucht. Im Mai 1885 fand ich noch in 
situ die beiden grofsen Blöcke der untersten Schicht der süd- 
lichen Cellawand, die den östlichen und westlichen Abschlufs 
der Wand bilden sollten. Die Blöcke können nur zu Anten 
gehört haben. Ihre wohlerhaltenen Nordseiten liegen genau 
in einer Flucht und gestatten die beabsichtigte Orientirung 
des unvollendeten Baues auf 69^ 15' mit grofser Sicherheit 
zu bestimmen. Zur Controle habe ich an der Westseite der 
westlichen Ante entlang von S. nach N. gemessen und 339^ 15' 
erhalten." Das Ergebnifs bedarf einer Correctur, indem bei 
einer in fergamon vorgenommenen Prüfung der benutzten 



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Hellenische Sonnentempel. 217 

Bussole diese durchweg einen Grad zu wenig zeigte. Die 
Declination ist zu 7® 15' angenommen. Mit einer Unsicherheit 
von etwa 1^ setzen wir 

Zeus Basileus 243^ 
Der östliche Horizont ist vollkommen fi*ei: die Tempelaxe 
schneidet zwar den 800 m hohen Kamm des Kandelion auf 
Euboea, aber die Entfernung beträgt 7 — 8 deutsche Meilen, 
so dals Höhenwinkel und Strahlenbrechung sich ausgleichen. 
Die Richtung entspricht einem Sonnenaufgang, der rund 
30 Tage von der Sommerwende entfernt ist. Dies pafst sehr 
gut zum Festmonat Hippodromios, der weniger dem iulianischen 
August als dem Zeichen des Löwen (S. 165) geglichen werden 
mufs. Die Epoche wann der Tempel gegründet worden ist, 
läfst sich nicht ermitteln. Fabricius setzt die Förderung des 
Baues von der die grofse Inschrift meldet, mit hoher Wahr- 
scheinlichkeit um 175 V. Chr.^). Wenn auch zwischen dem 
bei Leuktra gelobten Fest und dem Tempel des Zeus Basileu» 
ein handgreiflicher Zusammenhang obwaltet, so wissen wir 
doch nicht wie es mit der Ausführung des Gelübdes gehalten 
worden ist. Einen einzelnen Gründungstag aufzusuchen, wäre 
darnach verlorene Mühe. — Es liegt überhaupt nahe anzunehmen, 
dafs die Tempelaxe nicht nach dem Aufgang der Sonne, 
sondern nach dem Aufgang des hellsten Sterns in dem Zeichen, 
in welchem die Sonne sich während des Festmonats befand, 
d. h. des Regulus abgesteckt worden sei. Die Rechnung mit 
<p=38<> 26^ A=63o ergibt b=+20« 50^ Für Regulus betrug 
b-400+2P 25' 33'^; -300+2P 9' 2^'; —200+20^ 51' 47''. 
Mithin kämen wir an den Ausgang des 3. Jahrhunderts. Die 
Messung des Tempels ist jedoch nicht scharf genug um zu 
bestimmen wie genau Richtungsaxe und Stern zusammen 
treffen. Auf seine Verehrung in Aegypten sind wir früher 
(S. 53) zu reden gekommen. Der Scholiast zu Aratos Phaen. 
148 bemerkt ö A^ujv ^x^\ im Tf]<; Kapbia^ dcJx^pa ßacJiXicJKOv 
X€TÖ)Li€V0V öv ol XaXbaioi vo)Lii2!oD(Tiv äpxeiv täv oupaviu)v. 
Die Uebereinstimmung der Richtung des Zeus Basileus mit dem 
Aufgang des Ba(TtXi(7K0(; scheint diesem Namen in der Astrologie 
ein höheres Alter zu sichern als man ihm bisher eingeräumt hat. 

1) De architectura Graeca commentationes epigraphicae ^ 
Ber. 1881, p. 15. 



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218 Kapitel VI. 

§ 14. Theben. 
PauBanias IX 25, 5 rechnet 25 Stadien von Theben bis 
2um Hain der Demeter Kabiria und Köre, 7 Stadien weiter 
zum Heiligtum der Kabiren bei dem er länger verweilt. Es 
ist 1887/88 aufgedeckt worden. Dörpfeld unterscheidet drei 
Bauperioden aus römischer makedonischer hellenischer Zeit; 
alle Fundumstände treffen zusammen um die Gründung in das 
ß. Jahrhundert zu rücken (Athen. Mitt. XIII 81 fg.). Der 
Tempel schaut nach Osten, nach der magnetischen Messung 
Dörpfelds (die Declination 7^ gerechnet) 275«. Der Umstand, 
<iaf8 auf dem beigefügten Grundrifs (nicht wie gewöhnlich N) 
oben ist, hat eine unliebsame Verwechslung der Himmels- 
gegenden bei Penrose p. 826. 30 herbeigeführt. Nach deren 
Beseitigung liegt ihm der Tempel 

2760 2V 45" 
nnä mifst der östliche Höhenwinkel 1« 37'. Wenn die ver- 
wirrten Angaben also richtig gedeutet sind, so entspricht die 
Axe dem Sonnenaufgang 10 Tage vor der Frühlings- und nach 
•der Herbstnachtgleiche. Um die letztere Zeit, Anfang October 
wird das Hauptfest zu suchen sein. Mit dem Tempel waren 
nämlich Mysterien verbunden, die den eleusinischen 8 — 10 Tage 
vorausgingen. Das Verhältnifs beider zu einander wird durch 
ihren verschiedenen Ursprung und dieser wiederum durch die 
Abweichende Richtung der Tempel gekennzeichnet. In Theben 
knüpfen sie an die Weinlese an, in Eleusis an die winterliche 
Aussaat. 

§ 15. Plataea. 
Bei Plataea wurden Reste eines Tempels wahrgenommen 
und vermutungsweise dem Heraion zugeschrieben, das in der 
Schlacht von 479 v. Chr. als Stützpunct der Hellenen genannt 
wird, im gewöhnlichen Lauf der Dinge als Schauplatz eines 
Altertümlichen Festes diente (Pauly-Wissowa IV 2, 1991). 
Das von boeotischen Städten beschickte Fest stellte die Ver- 
mählung von Zeus und Hera dar (Paus. IX 3). Die Deutung 
4er Reste gilt als unsicher. Penrose bestimmte die Richtung zu 

2800 38/ 10// 
den östlichen Höhen winkel zu 3® 1'. Daraus gewinnt man 
{cp = 38^ 130 ein wahres Azimuth von 277® 25' und einen 



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Hellenische Sonnentempel. 219 

Sonnenaufgang 15 Tage vor der Frühlings- bezw. nach der 
Herbstnaehtgleiehe. Für eine etwaige Verwertung des Datums 
fehlt jeder feste Anhalt. 

§ 16. Thermos. 
Die 1897 fg. von der griechischen archaeologischen Ge- 
sellschaft unternommenen, von Sotiriadis geleiteten Grabungen 
haben uns den Bundessitz der Aetoler kennen gelehrt ('Ecpri- 
|Li€pi(S dpx. 1900 p. 161 u. fg. J.). Es ist ein ummauerter hei- 
liger Bezirk (340X200 m) am östlichen Ende des lang 
gestreckten Sees Trichonis hoch gelegen. Er umschliefst 
einen altertümlichen Apollotempel, der in seiner Bauart an 
das Heraion von Olympia erinnert (S. 196). Der stufenlose 
Stylobat (12X38 m) trug Holzsäulen, je 5 an den Schmal- 
15 an den Langseiten, eine mittlere Reihe teilte das Innere 
in zwei Schiffe. Die Wände waren aus Luftziegeln aufgeführt 
und mit bunter Tonplastik verziert, die bis ins 7. Jahrhundert 
hinauf reicht. Der Tempel ist nach Norden, einer von Apollon 
bevorzugten Himmelsgegend gerichtet. Näher gibt a. a. 0. 
der Grundrils von Lykakis an: 1P30' vom M. N., also (die 
magnetische Abweichung 6^ 30' gerechnet) 

1850. 
Die Zahl ist nur eine angenäherte. Schwerer noch fällt ins 
Gewicht, dals wir den östlichen Höhenwinkel nicht kennen. 
Nach der Beschreibung p. 162 ist der Blick nach West und 
Süd frei, dagegen nach Osten durch einen Bergrücken begrenzt. 
Man empfindet ein lebhaftes Bedauern, dafs keine genaue Be- 
stimmung des wahren Azimuths vorliegt, oder mit anderen 
Worten des Tages, an welchem die aufgehende Sonne in die 
Queraxe des Tempels schien. Freilich erhellt aus den gegebenen 
Daten, dafs der Tempel orientirt ist nach dem aetolischen 
Neujahr, wo die Landesgemeinde zusammen kam und die 
neuen Beamten wählte, die ohne Verzug an die Spitze traten. 
Mit dem Wechsel war der berühmteste Markt und die be- 
rühmteste Feier verbunden, die auf dieser Hochfläche — 
Akropolis ganz Aetoliens heifst sie bei Polybios V 8, 6 — ab- 
gehalten wurden. Der Zeitpunct wird angegeben Pol. IV 37, 2 
Täq fäp dpxaipecJia^ AitujXoi infev diroiouv juexd Tf|v (pGivoTTwpivfjV 
i(7ii|Liepiav eäO^uj^, die neueren Untersuchungen bestätigen den 



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220 Kapitel VI. 

Ansatz (Rhein. Mus. XXVI, 1871, p, 248). Nun sieht man 
ja wohl, dals das wahre Äzimuth ein paar Grad kleiner ist 
als 185®, ferner da jeder halbe Grad einen Tag bedeutet, 
dafs es der Naehtgleiche sehr nahe kommt, vielleicht sogar 
mit ihr zusammen fällt. Aber indem wir die aulserordentliche 
Wichtigkeit von Sotiriadis' Ausgrabungen erwägen, wie das 
Centralheiligtum des mächtigen aetolischen Bundes lange vor 
dem peloponnesischen Kriege, wo der aetolische Name zuerst 
in der geschichtlichen üeberlieferung auftaucht, seine An- 
ziehungskraft zu äulsern begonnen hat, lehrt der vorliegende 
Fall recht eindringlich, welchen Wert sorgfältige Messungen 
der Tempelaxen haben. 

§ 17, Korkyra. 
In der Nähe der Stadt Corfu südlich beim Dorf Ana- 
lipsis — die Oertlichkeit heilst Kardhaki — befindet sich der 
unterbau eines griechischen Tempels. Er liegt nach Penrose 

274® 39' 35'^ 
Da der Horizont ganz frei ist, entspricht die Richtung einem 
Sonnenaufgang 9 Tage vor der Frühlings- und nach der Herbst- 
nachtgleiche. Der Inhaber des Tempels ist unbekannt. 

§ 18. Tarent. 
Die Altstadt und spätere Burg weist Reste eines mäch- 
tigen Tempels auf, der wohl dem 6. Jahrhundert angehört. 
Er liegt 

2930 15' Puchstein 
294 25 Penrose 
Höhenwinkel Ost P 
Damit gelangen wir auf einen 36 Tage von der Winterwende 
entfernten Sonnenuntergang. Die Gottheit ist unbekannt : man 
hat Poseidon vermutet, die Richtung weist eher auf eine Erd- 
göttin hin. 

§ 19. Kroton. 
Der berühmte Tempel der Hera vom Lakinischen Vor- 
gebirge ist nur in dürftigen Resten vorhanden. Nach ihnen 
setzt Puchstein p. 41 den Bau ins 5. Jahrhundert. Indessen 
ist ein viel älteres Heiligtum vorausgegangen (It. Landeskunde 
II 943). Die Richtung ist 



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Hellenische Sonnentempel. 221 

263<> 15^ Puchstein 

267 26 Penrose. 
Da der östliche Aasblick anfs Meer frei ist, fällt der Sonnen- 
aufgang 5 Tage nach der Frühlings- und vor der Herbst- 
nachtgleiche mit der Tempelaxe zusammen. 

§ 20. Paestum. 

Poseidonia ist im 6. Jahrhundert von Sybaris gegründet 
worden (It. Landeskunde II 892). Die Anordnung der 4 Tore 
weist auf einen regelmäfsigen Bebauungsplan hin. Die alt- 
dorischen Tempel entfernen sich von der Gründungsepoche 
nicht allzu weit. Nach Puchstein p. 11 steht zeitlich obenan 
die sog. Basilica mit zwei Schiffen, dann folgt der kleine sog. 
Ceres-, endlich der schöne sog. Poseidontempel: die beiden 
ersten werden dem 6., der letzte dem 5. Jahrhundert zu- 
geschrieben. In Betreff der Lage bemerkt Penrose^ p. 59: 
these three buildings are practically parallel with each other. 
2 he elements of Orient ation of one only are given. 

Poseidon 213^ 9'. 
Hiermit stimmt Schöne gut überein, der 1867 (die magnetische 
Misweisung zu 12^ J 5' angenommen) bestimmte : Basilica 273^ 30', 
Poseidon 213^ 30', Ceres 272^ 30'. Unberücksichtigt bleiben 
die Ziffera Puchsteins: Basilica 270^ 45', Poseidon 273» 45', 
Ceres 265^ 15'. Allenfalls kann man den beiden magnetischen 
Messungen entnehmen, dafs Ceres V« — 1^ weiter nach Norden 
gewandt ist als die zwei grofsen Tempel. Daraus ergibt sich 
folgender Schlufs. Im Allgemeinen besteht wie in Priene 
(S. 103), eine einzige Orientation für die Stadt und ihre Götter. 
Aber das hiermit bezeichnete Hauptfest wird durch eine Vor- 
oder Nachfeier erweitert, die in der etwas veränderten Axen- 
richtung des kleinen Tempels zum Ausdruck gelangt. — Dm 
das Gründungs- und Neujahrsfest des alten Poseidonia aus- 
findig zu machen, ist zu beachten dafs der östliche Höhen- 
winkel nach Penrose 5^20' beträgt. Da 9 = 40<> 25', .stellt 
sich das wahre Azimuth 266^ 30'. Mit anderen Worten da» 
Stadtfest fiel 7 Tage nach der Frühlings- oder vor der Herbst- 
nachtgleiche. 

Aus jüngerer italischer Zeit stammt der sog. Tempio 
della Pace. Er ist im korinthischen Stil gehalten und nach 

Nissen, Orientation, Stnd. z. Religrionseresch. II. 8 



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222 Kapitel VI. 

Süden gerichtet. Puchstein läfst ihn 355^, also rechtwinklig 
zu Ceres liegen : mit der erforderlichen Correctur würden wir 
2 — 3^ d. h. die einheitliche Orientation der Stadt anzunehmen 
haben. Es bleibt unentschieden, ob der Tempel der lucanischen 
oder der mit 273 v. Chr. anhebenden latinischen Epoche an- 
gehört. Deshalb bietet er auch keinen zeitlichen Anhalt dafür 
wann die südliche Orientation in Paestum Eingang gefunden 
hat. Leider läfst uns die üeberlieferung über diese uns am 
Nächsten gerückten Denkmäler völlig in Stich. 

§ 21. Segesta. 
Die hellenisirte Stadt der Elymer enthält einen namen- 
losen Tempel, der in der letzten Hälfte des 5. Jahrhunderts 
errichtet, aber unvollendet geblieben ist. Zwei magnetische 
Messungen sind verfügbar: 

2620 Schöne 1867 Declination 13^ 
264» V. Sybel 1872 Declination 12V2^ 
264« 36' Penrose 
Höhenwinkel Ost 3^ 40' 

Da 9 = 3V 56' 18", ist das wahre Azimuth 260« 15', das 
einem Sonnenaufgang 20 Tage nach der Frühlings- und vor 
der Herbstnachtgleiche entspricht. 

§ 22. Selinunt. 
Die mächtigen Tempel trümmer sind zeitlich durch das 
Gründungsjahr 628 und die von Seiten der Karthager erfolgte 
Zerstörung 409 umschrieben. Räumlich zerfallen sie in zwei 
Gruppen. Die westliche mit 4 Tempeln gehört der Altstadt 
an. Diese nimmt einen länglichen zum Meer vorspringenden 
Hügel (47 m) von 8,8 ha Inhalt und 1200 m Umfang ein; das 
Strafsennetz ist regelmäfsig. Oestlich vom Kardo folgen ein- 
ander die 4 Tempel von Süd nach Nord, dem Meer zunächst A, 
dann B, C, D. Durch eine sumpfige Niederung getrennt liegt 
auf dem östlichen Hügel die Vorstadt ohne Ringmauer mit 
den 3 Tempeln (in der Reihenfolge von Süd nach Nord) E, F, 6. 
Dazu kommt bei der Nekropole im Westen der Altstadt das 
peristyllose Megaron der Demeter. Die Entstehungszeit dieser 
Bauten wird vonBenndorf (DieMetopen von Selinunt, Berlin 1873) 
sowie von Koldewey und Puchstein (Die griechischen Tempel 



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272 30 




parallel 


600 274 


271 SO' 


274052' 


600 Ö72 


272 15 


276 18 


500 273 


273 45 


275 40 


600 276 


271 15 


275 35 


550 


272 45 


276 40 


600 


244 





Hellenische Sonnentempel. 223 

ünteritaliens und Siciliens, Berlin 1899, p. 82 fg.) nach Bild- 
werken und Architektur genauer bestimmt. Magnetische 
Messungen lieferten die beiden letztgenannten Forscher, ferner 
1872 L. V. Sybel (Declination 12» 30' gerechnet). 
A 18,3x42,6m 500 279015' v.S. 275» K.u.P. 277021' Penrose 

B 4,6X 8,4 

CApoUon? 26,6x71,1 
D Athena? 26,8x58,8, 
E Hera 27,6x70,2 
F 27,4x65,7 

GApollon 54X113,2 
Demeter Megaron 

Der östliche Höhenwinkel ist nach Penrose 35', gleicht sich 
also mit der Refraction aus. Aus den obigen Daten, wobei 
die Zahlen Penrose's als malsgebend betrachtet werden, kann 
man folgende Festordnung ableiten. Selinunt ist wie Priene 
und Poseidonia nach einheitlichem Plan angelegt. Den Grün- 
dungstag bezeichnet der älteste Tempel C, der gewöhnlich 
dem Herakles, von Benndorf dem ApoUon Paian, von Puchstein 
der Demeter beigelegt wird: er fällt auf den 10. vor der 
Frühlings- bezw. nach der Herbstnachtgleiche. Aber die Seli- 
nuntier haben die Hochfeier ihrer Stadt, im unterschied von 
Priene und Poseidonia, wenn nicht von vornherein so sehr 
früh auf mehrere Tage ausgedehnt. Zeitlich schliefsen an C 
an: D am 12. und F am 11. Um 550 folgt G am 13., um 
500 endlich A am 14, Da B mit A, E mit F die Richtung 
gemein hat, so stellen die Axen der sieben Tempel eine fünf- 
tägige Festwoche dar und erläutern den in der Geschichte der 
antiken Freistaaten allgemeingültigen Sat^, dafs die Zahl der 
Feiertage stetig zunimmt, bis sie in der Epoche des Verfalls 
zuletzt die der Werkeltage übertrifft. — Aufserhalb der an- 
gedeuteten Entwicklung steht das Megaron der Demeter in 
der Todtenstadt westlich des Flusses Selinus. Es reicht in 
die Zeit der Anfänge hinauf, die nicht genau gemessene Axe 
weist in die Hundstage, wenn die Vegetation verdorrt und 
dem Sonnenschlaf verfallen ist. 

§ 23. Akragas. 
F'ast ein halbes Jahrhundert später gegründet (582) als 
Selinunt, hat die östliche Nachbarin eine längere und glän- 



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224 Kapitel VI. 

zendere Geschichte aufzuweisen. Rasch hat sie sich zu einer 
Grofsstadt von 517 ha Flächeninhalt entwickelt und nach 
Abwehr der Karthager 480 eine üppige Pracht entfaltet, selbst 
nach der Zerstörung 406 vorübergehend bescheidene Blüten 
getrieben. Als Denkmäler ihrer wechselnden Schicksale sind 
Tempel in der Stärke eines Dutzend vorhanden, aber die 
meisten namenlos, die üeberlieferung läfst uns in Stich. Leider 
auch beschränkt sich Penrose bei dieser Stadt auf die Behand- 
lung von 5 Tempeln; hinsichtlich der übrigen sind wir auf 
widersprechende magnetische Messungen angewiesen. In Folge 
dessen gewährt Akragas im Vergleich zur Fülle des Materials 
geringen Ertrag. — Nach dem Gesagten leuchtet ein, dafs die 
Orientation nicht die einfachen Verhältnisse wie in Selinunt 
aufweisen wird. Von der hoch gelegenen Altstadt, dem heutigen 
Girgenti, hat die Entwicklung ihren Ausgang genommen. Am 
höchsten Punct lagen nach Polybios IX 27 die beiden Tempel 
der Athena und des Zeus Atabyrios. Die neuere Forschung 
sucht ziemlich einmütig diesen an der Stelle des Doms auf 
dem Gipfel (330 m), jenen in dem Peripteros Hexastylos der 
in die Kirche S. Maria dei Greei eingebaut war. Der erstere 
mag aus der Mitte, der letztere vom Ende des 6. Jahrhunderts 
stammen (Koldewey und Puchstein p. 129 fg.). Unter solcher 
Voraussetzung liegt 

Zeus Atabyrios 276<> 30' v. Sybel (1872 Declination 12«) 
Athena 278^ 30' 279« K. u. P. (1892 Decl. 9^550 

Die ümmauerung der Unterstadt mag schon vor 480 eingeleitet, 
aber in dem grofsea Mafsstab den wir vor uns sehen, doch 
erst nach errungenem Siege vollendet worden sein. Auf dem 
Höhenrand hinter der Mauer folgen die Tempel einander in 
langer Reihe. Die Anordnung wird wohl daraus zu erklären 
sein, dafs die Tempel Stützpuncte der Verteidigung abgaben, 
als Sammelplätze der einzelnen Quartiere dienten, zu deren 
Bürgern sie in engeren Beziehungen standen. Die Ostseite ist 
durch den Flufs Akragas (S. Biagio) gedeckt. Hier befindet 
sich allein der in die normannische Kirche S. Biagio um- 
gewandelte kleine Antentempel (12,3x27,6 m), den Puchstein 
p. 144 mit Gründen für ein altes Megaron der Demeter erklärt. 
Insgemein wurde er schon früher dieser Göttin beigelegt. 



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Hellenische Sonnentempel. 225 

Auch die Orientation die in den tiefen Winter zeigt, palst: 
leider jedoch verfüge ich über keine einwandfreie Messung. 
Demeter 299» Schöne (1867 Decl. IS») 294»? v. S. 303« K. u. P. 
Die Südseite dem Meer zu stellt die Angriffsfront dar und 
enthält 8 Tempel. Sie gehören bis auf einen dem 5. Jahr- 
hundert an. Die herkömmUchen Benennungen sind mit einer 
Ausnahme aus der Luft gegriffen. In der Südostecke liegt 
HeraLakinia?19,5x41,0m 259^» Schöne 262« 30' v.S.2600K.u.P. 2640Penr. 
An der Südseite folgen 

Concordia? 19,7x42,1 m 26603(y Schöne 2700v. S. 2670 K.u.P. 27004'Penr. 
Herakles? 27,6X73,4 m 2680 30' v. S. 266» SO' K. u. P. 269» 56' Penrose. 

Der letzterwähnte ist der zweitgröfste Tempel der Stadt: 
Puchstein möchte ihn dem Apoll zuweisen. Er und das Olym- 
pieion fassen das wichtigste Tor ein, durch das die Hafen- 
strafse von dem nahen Markt ausläuft. Nach Timaeos' Be- 
schreibung (Diod. XIII 82 vgl. Polyb. IX 27) überragt das 
Olympieion an Gröfse alle Tempel in Sicilien: es sollte 406 
eingedacht werden, die Mittel späterer Zeiten reichten zur 
Vollendung des Baus nicht aus. 

Zeus Olympios 56,3X113,45 m 256« 45' v. S. 257« K. u. P. 257035' Penrose. 
Daneben erwähnt Puchstein zwei kleine unbenannte Tempel 
ungefähr gleicher Richtung: 256^30' und 2580 30^ Dann 
folgt das jüngere etwa 300 entstandene Heiligtum der 

Dioskuren? 16,3X34 m 265<> 30^ v. S. 266^ 0^ Penrose; 
endlich an der durch den Flufs Hypsas (Drago) geschützten 
Westseite 

Vulcan? 265« v. S. 259« 30' K. u. P. 
Vor dem Tor in der Ebene am Zusammenflufs des Akragas 
und Hypsas birgt die Casa S. Gregorio Reste eines Anten- 
tempels, die man mit Grund dem Asklepieion zuweist, das die 
Kömer bei der Belagerung 262 zum Stützpunct wählten. Der 
Tempel hat dieselbe Breite wie das Megaron der Demeter. 

Asklepios 272« v. S. 268« K. u. P. 
Das Innere der Stadt enthält aus römischer Zeit eine Kapelle 
Oratorio di Falaride? 266« Seh. 266« v. S. 261« 30' K. u. P. 
Der Kalender von Akragas ist unbekannt. Will man aus der 
Richtung der Tempel die Festzeiten bestimmen, so ist auf den 
Höhenwinkel, den Penrose bei den von ihm behandelten zu 30' 
angibt, keine Rücksicht zu nehmen. Zunächst sondert sich 



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226 Kapitel VI. 

wie in Selinunt das Megaron der Demeter von der Gesamt- 
masse ab, hat wohl auch ursprünglich aufserhalb der Stadt 
gelegen. Nach Ausweis der ältesten Heiligtümer auf der 
Burg fällt die Gründung Anfang März oder Mitte October, 
Sodann schieben sich die Tempelaxen den längeren Tagen 
entgegen. Besonders ausgezeichnet sind die Nachtgleichen: 
nach ihnen richten sich Concordia Herakles Asklepios. Endlich 
wird eine dritte Festwoche durch den grofsen Zeustempel mit 
Zubehör auf Ende April und Anfang September fixirt. Wie 
er dem Vorbild am Alpheios den Namen entlehnt hat, so allem 
Anschein nach auch die Jahreszeit des Festes; denn seine 
Axenrichtung hält die Mitte zwischen dem August- und dem 
Septembervollmond. Wir kennen durchaus nicht alle Tempel 
von Akragas, aber es sieht nicht danach aus, als ob die Grund- 
züge des Bildes das die erhaltenen wiederspiegeln, durch die 
fehlenden verwischt werden könnten. Die eigentlichen Fest- 
monate sind März April und September October. In Mai bis 
August und November bis Februar fallen einzelne Feiern rein 
gottesdienstlichen Charakters wie die der Demeter. Aber im 
Grofsen und Ganzen ist die Festfreude mit Märkten Lustbar- 
keiten und Menschenmassen vom Sommer wie vom Winter 
ausgeschlossen. 

§ 24. Gela. 
Die Mutterstadt von Akragas ward 405 durch die Kar- 
thager, endgiltig 282 durch die Mamertiner zerstört. Von 
ihrer Blüte im 5. Jahrhundert reden noch die Reste eines 
Tempels (Koldewey und Puchstein p. 136). Er lag aufserhalb 
der Stadt, nach den beiden genannten Forschern annähernd 

2940 45^. 
Sowohl die Lage als auch die Richtung passen gut für eine 
chthonische Gottheit, Demeter oder Kora. Auf diese Namen 
ist gelegentlich früher schon geraten worden. 

§ 25. Syrakus. 
Die Altstadt auf der Insel Ortygia hat einen in der 
Kathedrale verbauten Tempel des 5. Jahrhunderts, sowie viel 
ältere Reste eines zweiten erhalten. Jener ist der Athena, 
dieser dem ApoUon geweiht. Sie liegen 



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Hellenische Sonnentempel. 227 

Athena 268» Schoene 1867 Declin. 12<> 

272» V. Sybel 1872 1P30' 

237^30^ Püchstein 1892 9^28^ verb. p.IV in 270« 

269« 1 8^ Penrose 1 896 Seehorizont 

Apollon270« Schoene wie oben 

275« 15' V. Sybel 

275« Püchstein 

271 «45' Penrose. 
Mithin scheint die aufgehende Sonne an der Nachtgleiche in 
das Heiligtum der Athena, 4 Tage früher bezw. später in 
das Apollons. 

üeber die Benennung der beiden Tempel ist in der 
Palermo 1 883 erschienenen Topograf ia archeologica di Siracusa 
von Cavallari und Holm p. 42. 162 fg., 175 fg., 380 fg. ein- 
sichtig gehandelt worden. Den Ausführungen, welche die 
herkömmliche Bezeichnung der Kathedrale als Athenatempel 
begründen , kann man im ganzen Umfang beipflichten. 
Anders verhält es sich mit dem zweiten Teil der Frage. 
Cicero Verr. IV 118 schreibt zwar von Ortygia in ea sunt 
aedes sacrae complures, sed duae quae lohge ceteris ante- 
cellant Dianae et altera . . . Minervae. Aber was in aller 
Welt berechtigt dazu, in dem altertümlichen Tempel der Casa 
Santoro einen der beiden von Cicero erwähnten zu erkennen? 
An der Eingangsstufe steht ja ausdrücklich die Widmung an 
ApoUon KXeojae[v]Ti^ dTTOiricre [T]üb7TeX(X)ujvi, die folgenden Worte 
sind unsicher (Kaibel Inscr. Gr. Siciliae 1). Wie Roehl Inscr. 
Gr. antiquissimae 509 erklärt, hätte Kleomenes aus Dank für 
empfangenen und bewährten Orakelspruch einen Teil des 
Tempels erbaut. Was nun auch dagestanden haben mag, so 
läfst uns das Heraion in Olympia vermuten, dafs er eben die 
3 Säulen unter denen die Inschrift steht, aus Stein hergestellt 
habe, während sie vordem aus Holz waren. In der Tat darf 
man mit gutem Grund annehmen, dafs ein Apolloheiligtum 
vor jener Inschrift (Anfang des 5. Jahrh.) bestand. Der Spruch 
des Gottes hatte die korinthischen Ansiedler nach Ortygia 
gewiesen (Strab. VI p. 269 Paus. V 7, 3) ; dafs er der dorische 
und der führende Gott der Colonisten von Anfang an verehrt 
worden sei, ist nicht zu bezweifeln. Von den beiden erhaltenen 



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228 Kapitel VI. 

Tempeln darf keiner der Artemis zugewiesen werden, wie von 
verschiedenen Seiten her geschehen. Deren Hauptfest fällt 
etwa Anfangs August in den Hochsommer (Liv. XXV 23 diem 
festum Dianae per triduum agi, nach Pol. VIII 37, und die 
Erzählung bis c. 26), jedenfalls in eine Jahreszeit, welche der 
Richtung der Tempelaxen unbedingt widerstreitet. Umgekehrt 
stimmt die Richtung des Apollotempels zu dem Charakter 
seines Inhabers vortrefflich. Dem März eignet der Geburtstag 
des pythischen Apoll (A. Mommsen, Deiphika p. 280 fg.); 
wenn die Sonne im Herbst mit der Tempelaxe zusammen trifft, 
ist der demselben Gott geweihte Monat Karneios (Plutarch, 
Nik. 28; 413 v. Chr. 12. September bis 11. October). 

Um den Namen des in die heutige Kathedrale umgewan- 
delten Tempels zu bestimmen, steht keine Inschrift zu Gebote. 
Er nimmt den höchsten Punct der Insel ein. Holm a. 0. 
p. 176 bringt diesen Umstand in Verbindung mit der Nach- 
richt Athen. XI p. 462 b, dafs die Seefahrer ein Opfer dar- 
brachten, wenn der Schild am Athenatempel sichtbar zu sein 
aufhörte, indem er mit allem Recht den Schlufs zieht, dafs der 
fragliche Tempel mit einem Schild am Giebel die weithin 
sichtbarste, also die höchste Stelle einnehmen mufste. Auch 
die Tradition hält daran fest, über deren Alter wir freilich 
nicht unterrichtet sind. Die Richtungsaxe widerspricht der 
Annahme nicht, da nach Ausweis des Verzeichnisses unter 
anderen Göttein auch Athena an den Nachtgleichen begegnet. 
— Die beiden Tempel auf der Insel geben die Gründungszeit 
des ältesten Syrakus wieder. Von ihr entfernt sich dem Winter 
zu der Tempel des Zeus Olympios, welcher den Kern einer 
Vorstadt westlich vom Grofsen Hafen bildete. Er reicht ins 
6. Jahrhundert hinauf. Nach den geringen Resten bestimmten 
die Richtung zu 

274« 30' Puchstein 

27 7« 26' Penrose Seehorizont, 
womit wir bei einem Sonnenaufgang 15 — 16 Tage auf serhalb 
der Gleichen anlangen. — Die umgekehrte Erscheinung dafs 
im Lauf der Jahrhunderte die Feste gegen den Sommer hin 
vorrücken, kann auch in Syrakus monumental belegt werden. 
Der ein Stadion lange Altar den Hieron II errichtet hat 
(Puchstein p. 70), liegt 



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Hellenische Sonnentempel. 229 

246^ Puchstein 
einem Sonnenanfgang Mitte Mai Anfang August entsprechend. 
Leider läfst uns die üeberlieferung bei der Deutung der spär- 
lichen Denkmäler die von der gröfsten hellenischen Stadt 
erhalten geblieben sind, gänzlich in Stich. 

§ 26. Tauromenion. 
Die 396 v. Chr. gegründete Stadt enthält in die Kirche 
S. Pancrazio verbaut einen kleinen Tempel aus hellenistischer 
Zeit, der nach den Ausführungen Puchsteins p. 165 dem 
Serapis geweiht war. Er liegt 

288<> Schoene 1867 Declination 12<> 
287« 45' V. Sybel 1872 IP 30' 

Die Richtung entspricht dem Sonnenaufgang am grofsen Isis- 
fest, das in Rom 28. October bis 1. November gefeiert wurde. 

§ 27. Aegina. 
Die Monatsnamen sind unbekannt, in Betreff der Feste 
einige verstreute Nachrichten überliefert. Nördlich von der 
heutigen Stadt befinden sich die üeberreste eines altdorischen 
Tempels, der vor die Perserkriege zurück zu reichen scheint. 
Man teilt ihn nach der Angabe des Pausanias II 29, 6 der 
Aphrodite zu : was rein topographisch betrachtet nicht unbedingt 
sicher ist^). Er liegt 

2790 Fabricius 

2800 16/ 3// Penrose 
Höhenwinkel Ost 2« 40' 9 37^ 44' 30^' 
Die Richtung entspricht einem Sonnenaufgang 15 Tage vor 
der Frtihlingsnachtgleiche. Nun erzählt Plutarch quaest. Gr. 44 
aus Aegina von einer dem Poseidon gewidmeten stillen Familien- 
feier, die 16 Tage dauert und mit den Aphrodisien zum 
Abschlufs gelangt. Es handelt sich um die Eröffnung der- 
Schiffahrt, die im späteren römischen Kalender unter dem 
5. März als Isidis navigium gefeiert wurde und der in den 
Caristia am 22. Februar ein dem aeginetischen verwandtes 
Familienfest (Val. Max. II 1, 8) vorausgegangen war. Als 
Patronin des Seemanns hat Isis die ältere Aphrodite abgelöst, 



1) Bursian, Geogr. v. Griechenland II p. 82. 



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230 Kapitel VI. 

im Kalender der Magneten heilst der März Aphrodision ^). 
Die Richtung stimmt also zu der dem Tempel bisher beigelegten 
Benennung sehr gut. 

In die nämliche Epoche der Gröfse Aegina's gehört der 
berühmte Tempel oberhalb der Bucht von Hagia Marina. Er 
wurde früher dem Zeus Panhellenios, sodann der Athena bei- 
gelegt, gehört aber nach Ausweis der bayrischen Ausgrabungen 
der Aphaia an 2). Er liegt 

250^ Fabricius 1885 April 

250Q Nissen 1885 September 

2490(^27'' Penrose 
Höhenwinkel Ost 1» 20^ 9 37^ 45^. 

Dies ergibt einen von den Nachtgleichen und der Sonnen- 
wende fast gleich weit, nämlich 49 und 45 Tage entfernten 
Sonnenaufgang. Die Göttin Aphaia tritt in der Litteratur 
ganz zurück, nachdem Aegina durch die Athener unterjocht 
worden war. Sie wird der Artemis und Britomartis verglichen. 
In Delos wurden am 8. Artemision (Mitte Mai) Britomartia 
gefeiert: das Datum pafst zu der Lage des aeginetischen 
Tempels. 

§ 28. Delos. 

Der reiche Ertrag an Inschriften den die französischen 
Ausgrabungen ans Licht gefördert haben, harrt zum Teil noch 
der Veröffentlichung. Auch liegt bisher weder eine zusammen- 
fassende Darstellung noch ein genügender Plan vor. Um so 
dankenswerter ist der Abrifs, den V. v. Schoeffer (nebst Plan 
aus dem Guide Joanne) bei Pauly-Wissowa IV 2, 2459 fg. 
geliefert hat. In dem wüsten Trümmerhaufen, der die Insel 
bedeckt, sich zurecht zu finden, hält schwer: der Ausspruch 
Blouet's il est difficile de s'imaginer une teile confusion traf 
bei meiner Anwesenheit wie vor fünfzig Jahren zu. Ich habe 
im September 1885 zwei Tage dort zugebracht und nach 
Kräften die Richtung der Tempel zu bestimmen gesucht. 
Die magnetische Declination wurde zu 6® 30^ angenommen. 
Ich zähle zunächst die aufserhalb des heiligen Bezirks 



1) E. Bischoff, de fastis Gr. p. 342. 

2) Furtwängler, Aegina das Heiligtum der Aphaia, Münch. 1906. 



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Hellenische SonDentempel. 231 

gemessenen Tempel auf. — Auf dem höchsten Gipfel des 
Kynthos (113m Ü.M.), der eine weite Umschau bietet über 
den Inselkranz, dessen Mitte Delos einnimmt, lag der Tempel 

Zeus Kynthios 262» 30'. 
Er war in ionischem Stil frühestens im 4. Jahrhundert v. Chr. 
erbaut und nach Aussage der Inschriften neben Zeus Kynthios 
der Athena Kynthia geweiht^). Die Richtung stimmt ebenso 
wie in Olympia (S. 201) mit dem Azimuth des Adlers überein. 
Die Rechnung mit9=37<>24' A=82"30' ergibt fürb+5<>57'. 
Die Declination von a Aquilae betrug —400+5^ 41' 18''. — 
Wenn man vom Kynthos nach der Stadt herabsteigt, liegt auf 
halber Höhe nach Westen gewandt der altertümliche 

Felsentempel 96« 2'. 
So Penrose 2); nach dem Plan bei Lebfegue 97« 15'. Ich selbst 
erhielt bei flüchtiger Prüfung 98 — 99«, nahm aber da der 
Tempel als Basis für Burnoufs astronomische Theorien dienen 
sollte, schon früher die französische Messung an ; jetzt gebührt 
der englischen der Vorrang. Lebfegue beschreibt den Tempel 
ausführlich und sucht in ihm eine Orakelstätte Apollons. 
Durch die Oeffnung des Daches fällt Morgens im April ein 
schräger Sonnenstrahl ins Innere, im Mai um 7^/2 Uhr scheint 
die Sonne in der vollen Längsrichtung der Anlage (a. 0. 
p. 62. 77). Da weder Sonne noch Stern bei ihrem Aufgang 
vom Heiligtum aus sichtbar sind, so ist letzteres nach dem 
Untergang orientirt. Und zwar trifft seine Richtungsaxe mit 
dem Untergang der Sonne zusammen, wie die Richtungsaxe 
des Apollotempels ungefähr am selben Tage mit dem Aufgang. 
Das Heiligtum ist aus einer natürlichen Schlucht durch Hin- 
zufügung eines Daches und einer Vorderwand hergestellt worden, 
nach den gewaltigen Steinblöcken zu schliefsen in sehr alter 
Zeit. Von dem Götterbild, das auf einem rohen Granitblock 
stand, sind Trümmer gefunden worden die auf einen jugend- 
lichen Gott führen (a. 0. p. 60. 64) : Lebfegue vermutet Dionysos. 
Man denkt an Ort und Stelle unwillkürlich an die kreisende 
Leto (Hom. Hymn. auf Delos 17. 26) 



1) Albert Leb^gue, Recherches sur Delos, Paris 1876, p. 129—72. 

2) Bulletin de corresp. hell6nique XXIV (1900) p. 614; leider 
fand Penrose nicht die Zeit auch die übrigen Tempel zu messen. 



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232 Kapitel VI. 

KeKXl^dvTl nQÖq jLiaKpöv 8po^ Kai KüvGiov öx^ov 
dTXOTCtTUJ 9oiyiKO^ in' 'Ivujttoio ^e^Gpoi^. 
Hier wird die Heilstätte zu suchen sein, zu der die Jonier seit 
Alters wallfahrteten. Die Richtung nach Westen deutet an, 
dals diese sie von den Karern tiberkommen hatten. — In der 
Nähe befindet sich das um 150 v. Chr. gestiftete Heiligtum des 

Serapis 352« 30' 
zugleich Isis, Anubis, Harpokrates und syrischen Gottheiten 
geweiht^). Es blickt nach Stiden wie der Muttertempel von 
Alexandria; aber die Richtungsaxe ist nach Zeus Kynthios 
bestimmt, der auch auf Weihinschriften an der Spitze der 
hier verehrten Götter erscheint (Bull. a. 0. p. 329). Sie wieder- 
holt sich in einer nach Westen blickenden Kapelle der 

Isis 83« 
so dafs am Kynthos (vom Felsen tempel abgesehen) eine einzige 
Orientirung zu herrschen scheint. — An den heiligen Hafen 
stöfst der rings umschlossene heilige Bezirk. Hier liegt der 
Haupttempel des 

Apollon 2640 45/. 
Er ist in dorischem Stil nach Art des Theseion (aber kleiner, 
13,5X26,5 m) in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts begonnen 
aber nie ganz vollendet worden ^). Neben ihm parallel liegen 
zwei kleinere aber ältere Tempel, davon der nördliche das 

Letoon 84^45'. 
Die wie ich glaube richtige Benennung des Heiligtums rührt 
von Homolle her; nach Baedeker* p. 239 ist Dörpfeld geneigt 
alle drei dem Apoll zuzuweisen. Nach dem französischen Plan 
sind die beiden kleinen nach Westen gerichtet. — Beachtens- 
werter Weise wiederholt sich nun die nämliche Erscheinung, 
die wir in Olympia am Heraion und seinem Altar kennen 
lernten (S. 202). Vor dem Apollotempel findet sich schlechter- 
dings kein anderer Altar als der 

Keraton 5^. 
Die Messung ist nur annähernd. Homolle hat diesen gewöhn- 
lich als Stoa gedeuteten Bau von 67,20 m Länge, 8,86 m Breite 



1) Bulletin de corresp. hell6nique VI 1882 p. 295 fg. mit Plan. 

2) Homolle, Revue arch^ologique 1870 p. 91. 



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Hellenische Sonnentempel. 233 

auf den berühmten Hörneraltar bezogen^). Die lange Halle, 
der Schauplatz der wichtigsten Ceremonien stammt aas dem 
3. Jahrhundert als Delos unabhängig war. Der Altar ist der 
erste Bau, den der junge Apoll selbst errichtet hat*). Er liegt 
so, dafs seine Axe der aufgehenden Sonne entspricht, wenn 
die untergehende in die Axen der beiden kleinen Tempel 
scheint; umgekehrt entspricht die Axe der untergehenden 
Sonne, wenn die aufgehende den grofsen Tempel mit ihren 
Strahlen erfüllt. Der Abstand zwischen beiden Zeitpuncten 
beträgt rund 3 Wochen; mithin umfafst die Festepoche der 
apollinischen Heiligtümer 10 Tage vor und ebenso viel nach 
der Nachtgleiche. In dem mit Frühlingsanfang (Februar) 
beginnenden delisctien Kalender heifst der zweite Monat lepö^ 
und wird ganz von der Feier des Gottes in Anspruch genommen. 
Um die Nachtgleiche fällt der Geburtstag des pythischen 
Apoll, die Tempel von Phigalia Thermos Syrakus sind nach 
dieser Epoche gerichtet. Das Fest ist uralt : die Athener die 
es ihren Machtzwecken dienstbar zu machen suchten, nannten 
es ArjXia, die Einheimischen 'ATToXXiuvia. Nun hat Robert 
(Herm. XXI 161 fg.) überzeugend nachgewiesen, dafs das Fest 
der Delien nicht nach der herkömmlichen Annahme, die auf 
Böckh zurückgeht, in den Thargelion Sommer, sondern in den 
Frühling gehört. Indessen haben wir uns noch darüber zu 
verständigen, was unter Frühling zu verstehen sei. Das einzige 
litterarische Zeugnifs über die Jahreszeit der Delien gibt 
Dionys Per. 527, indem er von den Kykladen sagt 
ß\j(Tia b' 'AttöXXujvi xopo^? dvdYOucTiv äTracrai 
xaia^ivox) tXuk€Poö viov eiapoq, €Öt' dv öpecTCTiv 
dv0pd)Trujv dTTCtveuGe KueT XiTvi9UJV0^ dribijüv. 
Robert setzt die Brutzeit der Nachtigall in den Februar unter 
Berufung auf Plinius N. H. X 85 pariunt vere primo cum 
plurimum sena ova. Aber die Nachtigall kommt erst unmittel- 
bar nach der Nachtgleiche Ende März bis Anfang April nach 
Griechenland und brütet Anfang Mai (A. Mommsen, Griech. 
Jahreszeiten p. 243). Dafs die holde Sängerin seit dem Alter- 
tum weichlicher oder die Ordnung der Jahreszeiten eine andere 



1) Bulletin de corresp. hell6nique VIII 1884 p. 417—38. 

2) Kallimachos Hymn. auf Ap. 58 Plut. Thes. 21. 



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234 Kapitel VI. 

geworden, wird kein Naturkundiger überhaupt in Erwägung 
ziehen. Für die Gelehrten, welche das Buch der Natur bei 
heortologischen Fragen aufzuschlagen verschmähen, diene als 
Beweis, dafs im Original des Plinius die Brutzeit G^pouq dpxo- 
^ivov bestimmt wird (Arist. de anim. bist. V 9). Im Gesang 
unterscheidet Aristoteles 1X49 verschiedene Perioden: wenn 
das Gebirge sich belaubt (öiav tö 8po^ fjbTi bacTiivriTai), dauere 
er ununterbrochen 15 Tage und Nächte. Diese Paarzeit hat 
Dionys mit seinem geschraubten Ausdruck im Sinne. Also 
gehört das amphiktyonische Fest in den Anfang April; ver- 
nünftiger Weise kann es gar nicht in einer Jahreszeit gesucht 
werden, wo nach hellenischer Anschauung das Meer geschlossen 
war und ist^). Ein Geschwader das einen Brückentrain und 
109 Ochsen an Bord hat, tritt keine Festfahrt an, bevor die 
Aequinoctialstürme ausgetobt haben. Eine Panegyris wie der 
homerische Hymnos sie schildert, setzt eine merkbare Zunahme 
der Tage an Länge und Wärme voraus. Dazu pafst nun die 
Richtung des als Mittelpunct der Amphiktyonie gegründeten 
grofsen Apollotempels vortrefflich: sie entspricht um 400 v. Chr. 
einem Sonnenaufgang am 5. April. Dies Datum wird als 
Hochfest der Delien anzusehen sein. Sie wurden nach Thuky- 
dides III 104 in jedem dritten Olympiadenjahr gefeiert und, 
wie aus dem Procefs des Sokrates bekannt, alljährlich in 
kleinerem Umfang wiederholt. Hinsichtlich der daraus für 
Sokrates' Tod sich ergebenden Folgerungen genügt es auf 
Robert zu verweisen. So viel läfst sich aus der Litteratur 
über die Delien entnehmen. Der Kalender bestätigt das 
Gesagte. 

Homolle bringt drei Gleichungen zwischen attischen und 
delischen Monaten bei^). Im attischen Gemeinjahr 433/32 
entspricht der Metageitnion dem delischen Buphonion (Boedro- 
mion). Die Reihenfolge der Monate steht fest, in diesem Jahr 
mufs eine Schaltung in Delos stattgefunden haben, damit wir 
den Jahresanfang 30 Tage weiter vorschieben und mit den 
beiden anderen Gleichungen aus 377/74 in Einklang bringen 
können. Nach dem bis jetzt bekannt gewordenen Material ist 

1) Neumann-Partsch, Physik. Geogr. v. Gr. p. 122; meine 
It.* Landeskunde p. 129. 

2) Homolle, Bull. d. corr. hell. V 1881 p. 25—30. 



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Hellenische Sonnentempel. 235 

der heilige Monat dem Anthesterion (März) gleich zu setzen. 
Ihm weisen die Rechnungen ans dem 3. Jahrhundert, der Zeit 
der Unabhängigkeit, das Fest der Apollonien zu^). Diese 
einheimische Feier ist die erste, die wir S. 233 ans der 
Richtung der Heiligtümer erschlossen. Von der zweiten 
athenischen oder amphiktyonischen Feier ist in den Urkunden 
nicht die Rede, weil sie mit der Loslösung von Athen von 
«elbst aufhörte. Sie fällt wie oben gezeigt später. Der dritte 
Monat, dem die Delien zugeschrieben werden müssen, führt 
den altertümlichen Namen TaXaEiOüv, der nur in Boeotien mit 
Bezug auf Apoll (Plut. Pyth. or. 29 Prokl. bei Phot. p. 889) 
und in Athen mit Bezug auf die Göttermutter (Bekker Anecd. 
p. 229) erwähnt wird, als Monatsname nirgends wiederkehrt. 
Die Rechnungen der lepOTTOioi zeigen, dafs der Gottesdienst 
im 2. 3. 4. Monat bedeutenden Aufwand forderte, ganz gering- 
fügigen im Thargelion. Darin liegt der urkundliche Beweis 
dafür dafs kein Hauptfest demselben angehört haben kann, 
wie man ja denn überhaupt in der Nähe der Wenden solche 
nicht suchen darf. — Die delische Legende liefs Artemis am 
6. Apoll am 7. Thargelion geboren sein (Diog. L. III 2, 2), 
setzte also die Veimählung des Zeus in den September. Auf 
diese Zeit, 15 Tage vor der Herbstnachtgleiche führt die 
Richtung des Tempels auf dem Kynthos. Die Mutter des 
Götterpaares hat hier von Hause aus die Stelle eingenommen, 
die anderswo der Hera eingeräumt wird. Nach dem delischen 
Kalender wurde Hera im September gefeiert; denn die aus- 
gleichende Strömung hat nirgends sich stärker äufsern können 
als auf dieser kleinen machtlosen Insel in der Mitte des 
Archipel. Von 5 anderen Tempeln im Bereich des heiligen 
Bezirks fehlen brauchbare Messungen. Davon abgesehen, wird 
um näher auf den Festkalender von Delos einzugehen das 
vollständige Material abgewartet werden müssen. Es mag 
genügen die Zeit der Delien fixirt, sowie auf die bewulste 
Planmäfsigkeit in der Richtung der Tempel hingewiesen zu 
haben. Von einem vollen Dutzend ist nur der dritte Teil 
in nationaler Weise nach Osten gewandt, zwei Drittel blicken 
nach Süden und Westen. Diese Erscheinung ist einerseits auf 



1) Homolle, Bull. d. corr. heU. XIV 1890 p. 492 VI 1882 p. 23. 



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236 Kapitel VI. 

spätere Einflüsse des Orients, anderseits auf das Vorbild des 
alten Höhlentempels zurück zu führen. Dartiber wird noch zu 
handeln zu sein. 

§ 29. Samos. 
Der Heratempel, dessen Gröfse (54,5X109 m) Herodot 
ITI 60 übertreibt, stammt aus dem 7. Jahrhundert, ist aber 
später zerstört und erneuert worden. Die Ergebnisse der seit 
1902 von der griechischen Archaeologischen Gesellschaft (nach 
Baedeker, Konstantinopel p. 257 mit Erfolg) unternommenen 
Grabungen sind bisher nicht veröffentlicht. Dagegen liegen 
mir Mitteilungen von Fabricius vor, der das Heraion 1884 
mehrfach besucht hat. Dem Bericht Girard's^) entgegen wird 
darin ausgeführt, dafs die östliche sicher die Stirnseite war; 
ferner dals die Angabe que THeraion etait orient6 exactement 
suivant une ligne tiree de TEst k TOuest den gewöhnlichen 
d. h. keinen Wert hat. Der Schutt, welcher bei den franzö- 
sischen Grabungen ungeschickter Weise gerade auf die Mitte 
der Front geworfen worden war, erschwerte die Messung der 
Axe ungemein. Nach der englischen Seekarte von Brock 
betrug 1884 die magnetische Mifsweisung 5® 40^. Nach drei 
Messungen, die mit einem der Correctur bedürftigen Instrument 
gemacht wurden, läfst sich keine genauere Richtung be- 
stimmen als 

Heraion 262—2630. 
In Betreff der Kalenderzeit der Heraeen, welche an diesen 
Tempel angeknüpft werden müssen, ist aus den dürftigen 
historischen Erwähnungen (Polyaen I 23 Plut. Lys. 18, 4) 
nichts zu holen. Die wichtigste Nachricht steht bei Lactanz 
Inst. I 17 insulam Samum scribit Varro prius Partheniam 
nominatam quod ibi luno adoleverit ibique etiam lovi nupserit. 
itaque nobilissimum et antiquissimum templum eins est Sami 
et simulacrum in habitu nubentis figuratum et sacra eins 
anniversaria nuptiarum ritu celebrantur. Die Vermählung 
der Hera gab demnach den- Inhalt des Festes ab. Dasselbe 
scheint ursprünglich in Olympia der Fall gewesen zu sein, 
sind ja doch in beiden Giebelfeldern des Zeustempels Hoch- 
zeiten dargestellt. Die Richtung des Heiligtums läfst es 

1) Bulletin de corr. hell. IV 1880 p. 383 fg. 



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Hellenische Sonnentempel. 237 

nnentschieden, ob das Hauptfest im April einen halben Monat 
nach oder im September einen halben Monat vor der Nacht- 
gleiche zu suchen sei. Für den ersteren Ansatz würde man 
sich entscheiden, wenn die Heraeen Olympia's als Parallelfest 
zu der grofsen Herbstfeier gefalst werden mülsten (Paus. 

V 16, 2 fg.). Für den letzteren Ansatz spricht entscheidend 
der Umstand, dals der olympische Festmonat Parthenios heilst : 
vielleicht hat das pentaeterische Herafest der Eleer (Paus. 

V 16, 2 fg.) nach der Analogie anderer Festcyclen zu Anfang 
jedes dritten Olympiaden Jahres stattgefunden. Indem wir 
diese Frage wie so viele andere schwebend verlassen, sei nur 
noch auf die beachtenswerte Uebereinstimmung der Richtungs- 
axen des olympischen und delischen Zeus- sowie des samischen 
Heratempels hingewiesen. 

§ 30. Ephesos. 
lieber die Bau- und Entdeckungsgeschichte des Artemision 
verweise ich auf den eingehenden Bericht Bürchners, Pauly- 
Wissowa V 2, 2807 fg. Der Tempel wurde zu den sieben 
Weltwundern gerechnet. Nach dem Brande von 356 v. Chr. 
erneuert, nahm er eine Baufläche ein, die ungefähr das Drei- 
fache des Parthenon beträgt. Penrose p. 816 meint dafs der 
vorausgehende Bau, der aus der Zeit des Königs Kroesos stammt, 
in der Axenrichtung um 9® 14^ von dem jüngeren abgewichen 
sei, findet in Spica den vermeintlichen Warnei-stern und 
berechnet als Gründungsdatum den 25. September 715 v.Chr. 
In Wirklichkeit stimmt der jüngere mit dem 200 Jahre älteren 
Tempel Säule um Säule und Stein um Stein überein; durch 
neue Tatsachen sind die bisherigen Restaurationsversuche über- 
holt worden. Nach siebenjährigem Suchen hatte Wood 1869 
die Stätte ausfindig gemacht und bis 1874 durchforscht. 
Dann ruhten die Arbeiten dreifsig Jahre lang, wurden erst 
unter Hogarths Leitung im Winter 1904/5 wieder aufgenommen. 
Ueber die bedeutenden Ergebnisse dieser letzten Campagne 
ist mir nur eine Zuschrift an die Times vom 8. August 1905 
(nr. 37780) p. 6 bekannt. Danach liegt unter dem Tempel 
des Kroesos ein dritter kleinerer, der keine Säulen hatte 
und aus drei oder mehr Höfen bestand. Ihm ging eine ältere 
Kapelle mit dem Götterbild voraus, die Kern und Mitte aller 

Nissen, Orlentation, Stad. z. Religionsgescb. II. 9 



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238 Kapitel VI. 

folgenden Anlagen abgegeben hat. Eine besondere Weihe 
mufs auf der Oertliehkeit geruht haben; man hätte es sonst 
vorgezogen das Heiligtum zu verlegen, anstatt den sumpfigen 
Boden immer aufs neue zu erhöhen: der Boden des Tempels 
von 356 liegt 3,5 m unter der heutigen Oberfläche, aber 2,7 m 
über dem Boden des Tempels von 560, das Grundwasser 
bereitet der Ausgrabung grofse Schwierigkeiten. Durch die 
neueste Forschung ist nun erstlich festgestellt, dafs die ur- 
sprüngliche Richtung bei allen Neu- und Umbauten streng 
eingehalten wurde. Sodann lassen die Votivgaben, deren an 
2000 Stück gefunden wurden, einen Schlufs tun auf das Alter 
der Verehrung die hier anknüpft. Sie tragen rein griechisches 
Gepräge, die Göttin ist noch nicht vielbrüstig, die beigemengten 
Elektronmünzen raten nicht allzu weit über 700 hinaufzugehen. 
Eine dritte Hauptfrage wird durch den erwähnten vorläufigen 
Bericht noch nicht beantwortet, nach welcher Himmelsgegend 
das Götterbild blickte. Gewöhnlich wird Osten angenommen. 
Nach Penrose p. 825. 816 ist 

A = 2840 35^ IV^ 
(p= 37^56^30'^ 
Höhenwinkel Ost = 4^ 55^ 
Die Daten ergeben einen Sonnenaufgang 20 Tage vor der 
Frühlings- und nach der Herbstnachtgleiche, der keine erkenn- 
baren Bezüge zu dem Wesen und den Festen der Artemis 
aufweist. Freilich der Lage und Umgebung nach erwartet 
man, dals die Hauptfront des Tempels nicht landeinwärts, 
sondern dem Hafen und dem Meer zugewandt war i). Das Gefühl 
trügt leicht. Aber in der grof sen oesterreichischen Publication : 
Forschungen in Ephesos, Wien 1906, I p. 207 gilt die Ost- 
front als völlig ausgeschlossen. In Uebereinstiramung damit 
steht der Kalender und gibt den Ausschlag. In Ephesos ist 
der Monat Artemision in ganzem Umfang der grolsen Göttin 
heilig (Dittenberger^ 656). Er wird iulianisch 24. März bis 
23. April angesetzt. Nun entspricht das Azimuth im Seehorizont 

Ao = 104» 35' 17^^ 

einem Sonnenuntergang 29 Tage nach der Frühlingsnachtgleiche, 

iulianisch 1 v. Chr. 20. April bezw. 23. August. Der 20. April 

kann als Mittellage des Hochfestes betrachtet werden, an dem 

1) So auch AchiUes Tatius VIII 6, 1. 



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Hellenische Sonnentempel. 239 

die grolse Prozession aufzog (Xenoph. Eph. I 2) und die 
Nachtfeier anschlofs (Achill. Tat. VI 3,2. 4,4. 5,2). Im üebrigen 
Tv-aren die Ephesien mit hippischen gymnischen musischen 
Wettkämpfen ausgestattet und bildeten einen Vereinigungspunct 
der ionischen Städte von hoher politischer Wichtigkeit (Dion. 
Hai. IV 25). Thukydides III 104 erzählt, dafs die lonier ihre 
Zusammenkünfte vor Alters in Delos abgehalten hätten wie 
zu seiner Zeit an den Ephesien. Die verbreitete Ansicht dafs 
diese in graue Vorzeit zurück reichen, wird durch den monu- 
mentalen Tatbestand nicht gestützt. Im 7. Jahrhundert als 
der älteste säulenlose Tempel entstand, nehmen sie ihren 
Anfang oder ihren Aufschwung. Der Prachtbau des nächsten, 
zu dem die Nachbarn beisteuerten, dessen Ruf in ferne Lande 
drangt), zeigt die volle Höhe des Aufschwungs an. Wurde 
dadurch die delische Panegyris verdunkelt, so brachten ihr die 
politischen Ereignisse, das Vordringen der Perser, die Erhebung 
Athens völlige Vergessenheit bis zum Jahr 425. Das damals 
eingeführte amphiktyonische Apollofest fällt einen halben Monat 
früher als die Ephesien (S. 234). um zum Schlufs zu kommen, 
haben wir es in Ephesos von Hause aus sowohl was die Feier 
als die Göttin betrifft, mit einer hellenischen Schöpfung zu 
tun : ihre vielen Brüste hat Artemis nachträglich durch fremde 
Einflüsse erhalten. Damit stimmt die Orientation: soweit ich 
sehe, ist bei der Absteckung der Tempelaxe auf keinen Stern 
Rücksicht genommen worden. 

§ 31. Magnesia a. M. 
Ein halbes Jahrhundert lang (247 — 197) befand sich 
Ephesos im Besitz der Ptolemaeer. Dieser Periode gehört der 
merkwürdige Versuch an, den die Magneten in engem Anschlufs 
an die Politik der Seleukiden unternahmen, der Grofsen Artemis 
Wettbewerb zu machen. Darüber haben uns die 1890 — 93 
betriebenen deutschen Ausgrabungen Aufklärung gebracht*). 



1) Herod. I 92 II 148 Aristoph. Wolken 599 Liv. 1 45 PHn. 
XXXVI 95. 

2) Otto Kern, die Inschriften von Magnesia am Maeander, 
Berlin 1900. Magnesia a. M., Ausgrabungen von Humann, Bauwerke 
von Kohte, Bildwerke von Watzinger, Berlin 1904 (beides Veröffent- 
lichungen der Königlichen Museen). 



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240 Kapitel VI. 

Um 400 V. Chr. wurden die Magneten aus der Stadt in der 
einst Themistokles geherrscht hatte, nach einem festeren Platz 
verpflanzt (Diod. XIV 36). Dieser war von Natur sehr stark, 
an zwei Seiten durch Wasserläute (Lethaios und Maiandros), 
an der dritten durch Schluchten gedeckt; nur die Westfront 
bot dem Angreifer keine derartigen Hindernisse dar. Die neue 
Gründung mals im Durchmesser von Ost nach West rund 
1,3 km, von Nord nach Süd 1,1 km, bedeckte eine Fläche 
von rund 130 ha. Wenn auch nur ein Drittel von Ephesos 
(345 ha nach Bürchners Berechnung), ist dies für antike Ver- 
hältnisse eine ansehnliche Gröfse. Humann hatte vermutet 
dafs die ganze Stadt nach einheitlichem Schema angelegt sei, 
mit einem rechtwinkligen nach dem Meridian gezogenen Strafsen- 
netz. Von anderen Bedenken abgesehen, spricht gegen solche 
Annahme die Tatsache, dals die Gründung an eine vorhandene 
Ortschaft sich anlehnte, die sicher anders orientirt war. 
Technisch ausgedrückt handelt es sich um die Erweiterung 
des Städtchens Leukophrys (Xenoph. Hell. III 2, 19 IV 8, 17) 
zur Stadt Magnesia. Wie die Aufgabe im Einzelnen gelöst 
wurde, ist nicht zu sagen. Die Ausgrabungen lehren uns nur 
die beiden geweihten Plätze kennen, die trotz ihrer Verbindung 
den ursprünglichen Gegensatz von Alt und Neu nicht verleugnen, 
wiewohl man sich alle Mühe gab ihn zu verdecken. Die 
bauliche Gestaltung beider Plätze, wie sie vorliegt, stammt 
aus dem letzten Abschnitt des dritten Jahrhunderts und erhält 
durch die Eingangs berührten Verhältnisse ihre politische 
Signatur. Die Agora mit einem Flächeninhalt von 2,6 ha ist, 
wie Humann versichert, nach dem Meridian gerichtet, das 
Heiligtum, das sie umschlielst, der zierliche Tempel des Zeus 
Sosipolis blickt nach Westen 

90«. 
Von der Orientation nach den Nachtgleichen als Sinnbild des 
Weltherrschertums ist öfters in diesen Blättern die Rede 
gewesen (S. 43. 88. 103. 104). Dafs die Seleukiden sie in 
griechischen Freistädten anwandten, dafür ist das athenische 
Olympieion ein lehrreiches Beispiel (S. 177). Aber dafs ein 
Zeustempel dem Untergang zu gewandt ist, erscheint vom 
Standpunkt hellenischer Theologie aus unerhört. Die dieser 
entgegengesetzte Lehre, welche allgemein die Westrichtung 



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Heiionische Sonnentempel. 241 

fordert, wird später im Zusammenhang besprochen. Im vor- 
lieg'enden Fall mag der Eönigscult mitgespielt haben. In 
Magnesia haben die Seleukiden allerdings keinen Priester wie 
in Städten die sie selbst geschaffen; indessen kommt die Ver- 
ehrung des Zeus Sosipolis zugleich auf eine Huldigung an 
Antiochos Soter hinaus (Kern nr. 61 vgl. 18. 19). Wo keine 
höfische Rücksicht obwaltet, die Kapelle der Athena erhält 
die gebührende Ostriehtung 

270^ 
Im praktischen Leben besagt die Orientation, dals das Jahr 
mit der Herbstnachtgleiche anfängt: seit Alexander findet 
diese Epoche in Asien allgemein Eingang. Während aber in 
Priene das kirchliche mit dem bürgerlichen Neujahr zusammen- 
fällt, hat die dpxnT^Ti^, die Stadtgöttin von Magnesia ihren 
besonderen Festcyclus. Bei der Artemis Leukophryene ist der 
fremde unhellenische Ursprung den die Neueren ihr zuschreiben, 
noch weniger wahrnehmbar als bei der ephesischen. Aus 
welchem Anlals der Tempel gestiftet ward, wissen wir nicht; 
die günstige Verkehrslage erklärt die Entstehung des dazu 
gehörigen Ortes. An Gröfse (41 X 67,5 m) bleibt der Tempel 
weit hinter dem von Ephesos (49,5X109,5 m) zurück, nimmt 
aber immerhin einen hohen Rang ein. Der Winkel den die 
Axe mit dem Meridian bildet, läfst sieh aus der Veröffent- 
lichung nicht mit Sicherheit entnehmen. Auch die Original- 
aufnahme Humanns die Winnefeld in den Acten des Berliner 
Museums einzusehen die Güte hatte, gibt keine zweifellose 
Antwort. So weit ich aus dem ungenügenden Material ereehen 
kann, liegt der Tempel ungefähr 

700. 
Dafs die westliche die Frontseite sei, beweist der erhaltene 
Altar. Trotzdem darf man nicht die Tempelaxe wie in 
Ephesos nach der untergehenden Sonne abgesteckt sein lassen. 
Dies würde in die winterliche Jahreszeit, Anfang Februar 
oder November führen, wo eine Panegyris ausgeschlossen ist. 
Die Hauptfeier der Artemis wird auch in dem nach ihr 
benannten Monat zu suchen sein. Den Inschriften zufolge ist 
er der eigentliche Festmonat (nr. 179, 23), am 6. wird der 
Einzug des Cultbilds in den Neubau begangen (nr. 100), am 
12. dem Zeus Sosipolis ein Staatsopfer dargebracht (nr. 98). 



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242 Kapitel VI. Hellenische Sonnentempel. 

Nun fällt aller Orten der Artemision in den Frühling, April 
oder Mai. Die Tempelaxe entspricht dem Sonnenaufgang 
42 Tage nach der Frühlingsnachtgleiche. Wenn wir dies 
Datum als Mittellage der Leukophryena ansehen, so würden 
diese den Ephesien etwa 14 Tage später nachfolgen. In seiner 
Abhandlung über das Fest (Hermes XXXVI, 1901, 491 fg.) 
hat Kern die Frage nach der Jahreszeit nicht berührt. Auch 
scheint nur eine Inschrift einen Anhalt zur Ermittlung zu 
gewähren, indem nämlich die Parier über die Ausstattung der 
Theorie nach Magnesia im Poseideon (Januar) Beschlufs fassen 
wollen (nr. 50, 49). Der Termin stimmt gut zu unserer obigen 
Annahme. Der anfängliche Plan ein asiatisches, der erweiterte 
Plan ein Nationalfest aller Hellenen zu schaffen konnte durch 
die Gunst der Seleukiden verwirklicht werden. Aber als 
diese Stütze durch die Faust der Römer brach, waren die 
Leukophryena zu einem schattenlosen Dasein verurteilt. Der 
Bürger wiegte sich nach wie vor in der Hoffnung die Ephesien 
zu überflügeln und wurde durch die pomphaften Schreiben 
die er an den Wänden der Agora las, darin bestärkt. Kein 
Wortschwall jedoch konnte die Ueberlegenheit der Mittel aus- 
gleichen, die der Nachbarstadt zu Gebote standen. 



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Geschichte der hellenischen Orientation. 

Die Erörterung in diesen beiden Kapiteln hat sich bisher 
UDQ den Nachweis gedreht, dafs die Axenrichtung der grie- 
chischen Tempel durch den Lauf der Sonne und einzelner 
Steine bedingt sei. Der Nachweis kann nur durch Rechnung 
erbracht werden und Rechnen ist nicht Jedermanns Sache. 
Wenn daher Robert Arch. Jahrbuch V 225 A. die ganze Theorie 
mit dem Worte paradox abtat, so war er der Zustimmung 
weiter Kreise sicher. In diesen Kreisen gehört die Orientirung 
zu den Gegenständen, die kein Kopfzerbrechen verursachen. 
Sie beschränken sich auf eine flüchtige Betrachtung der Fronten, 
fassen das Ergebnis zusammen in den kurzen Satz dals die 
griechischen Tempel nach Osten blicken, und nennen Tempel 
die davon abweichen, falsch orientirt. Aber leider widerspricht 
der Satz, wie bereits Templum p. 176 gesagt ward, den litte- 
rarischen Zeugnissen des Altertums, widerspricht den Tatsachen, 
übt noch heute einen nachteiligen Einflufs auf die monumen- 
tale Forschung aus. Ein derartiges Vorurteil (S. 116) hätte 
niemals Boden gewinnen können, wenn es nicht in dem letzten 
Rest des Gefühls für die religiöse Bedeutung der Weltgegenden 
der sich bei uns erhalten hat, wurzelte (S. 5). Die Unklarheit 
der herrschenden Vorstellungen über die Lage der christlichen 
Kirchen ist unbewulst von der Altertumswissenschaft auf die 
griechischen Tempel übertragen worden. In beiden Fällen 
hat die Frontrichtung eine hohe Wichtigkeit gehabt, weil der 
gottesdienstliche Ritus davon abhing. In beiden Fällen muls 
die Forschung mit der Aufnahme des Tatbestandes beginnen. 
Ich schicke also das S. 162 in Aussicht gestellte Verzeichnis 
voraus, in Betreff seiner Anordnung auf das dort Gesagte 
verweisend. 



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244 



Geschichte der hellenischen Orientation. 



Nr. 



Gott 



1. Apollon 

2. Apollon 

3. Amphiaraos 

4. [Aphrodite 

5. Apollon 

6. Apollon 

7. Zeus 

8. Demeter 

9. Aphaia 

10. Apollon 

11. Zeus 

12. Dionysos 

13. Dionysos 

14. Artemis 

15. Parthenon 

16. Zeus Olympios 

17. Asklepios 

18. Athena(alt.T.) 

19. Hera 

20. Zeus Kynthios 

21. Zeus 

22. Asklepios(j.T.) 

23. Hera? 

24. AskIepios(a.T.) 

25. unbekannt 

26. Apollon 

27. Vulean? 

28. Ereehtheion 

29. sog. Oratorio 

30. Kastor? 

31. Heraion 

32. Athena 

33. Hera Lakinia 

34. Zeus Olympios 

35. Neme8is(alt.T,) 

36. Athena 



Ort 

Phigalia 
Thermos 

Oropos 
Ancona 
Delphi 
Didyma 

Lebadea 

Selinunt 

Aegina 

Korinth 

Nemea 

Athen 

Athen 

Epidauros 

Athen 

Akragas 

Epidauros 

Athen 

Samos 

Delos 

Olympia 

Athen 

Akragas 

Athen 

Segesta 

Delos 

Akragas 

Athen 

Akragas 

Akragas 

Olympia 

Tegea 

Kroton 

Athen 

Rhamnus 

Syrakus 



Zeit Gewähr Lage 



430 Penrose 
600 Lykakis 



1800 26' 
1850 



200 Dörpfeld *222o 30' 

150 Penrose 223» 11'] 

700 Penrose 227« 8' 

1000 V. Maries 236« 25' 



300 Fabricius 

600 Koldewey 

550 Penrose 

600 Penrose 

300 Penrose 

550 Penrose 

420 Penrose 
200? Penrose 

500 Penrose 

450 Penrose 

400 Penrose 

600 Penrose 

600 Fabricius 

350 Nissen 

564 Penrose 

350 Penrose 

450 Penrose 

420 Penrose 

450 Penrose 

350 Nissen 

450 V. Sybel 

430 Penrose 

150? V. Sybel 

300 Penrose 

668 Penrose 

390 Penrose 

450 Penrose 

550 Penrose 

550 Penrose 

450 Penrose 



2430 

♦2440 

2490 0' 

2490 10' 
250« 39' 
2550 8' 
2550 49' 
2550 49' 
2570 7' 
2570 35' 
2590 25' 
2600 55' 
2620 30' 
2620 30' 
2620 38' 
2630 33' 
2640 0' 
2640 27' 
2640 36' 
2640 45' 
2650 
2650 
2660 
2660 
2660 14' 
2670 12' 
2670 26' 
2680 0' 
2680 30' 
2690 18' 



9' 



0' 



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Geschichte der hellenischen Orientation. 



245 



Nr. 


Gott 


Ort 


Zeit 


Gewähr 


Lage 


37. 


Herakles? 


Akragas 


450 


Penrose 


2690 56' 


38. 


Athena Polias 


Priene 


330 


Kummer 


269» 56V2' 


39. 


Asklepios 


Priene 


330 


Kummer 


270» 


40. 


Demeter 


Priene 


330 


Kummer 


2700 


41. 


Athena 


Magnesia a. M. 


. 220 


Humann 


2700 


42. 


Concordia? 


Akragas 


450 


Penrose 


2700 4' 


43. 


Zeus Olympioe 


i Athen 


170 


Penrose 


270« 5' 


44. 


[Athena 


Tegea 




Penrose 


2710 23'] 


45. 


Nemesis (j.T.) Shamnns 


450 


Penrose 


2710 25' 


46. 


Apollon 


Syrakus 


600 


Penrose 


2710 45' 


47. 


Asklepios 


Aknagas 


450 


V. Sybel 


272« 


48. 


Despoina 


Lykosura 


250 


Penrose 


2720 11/ 


49. 


Ceres? 


Paestum 


500 


Schoene 


2720 SO' 


50. 


Poseidon? 


Paestum 


450 


Penrose 


2730 9' 


51. 


Doppeltempel 


Paestum 


520 


Penrose 


2730 9' 


52. 


Kronion ? 


Athen 




Penrose 


2740 27' 


53. 


unbekannt 


Korkyra 




Penrose 


2740 40' 


54. 


C 


Selinunt 


600 


Penrose 


2740 52' 


55. 


F 


Selinunt 


600 


Penrose 


2750 35' 


56. 


Hera 


Selinunt 


500 


Penrose 


2750 40' 


57. 


Athena Nike 


Athen 


435 


Penrose 


2750 43' 


58. 


[0? 


Selinunt 




Koldewej 


' 2750 45'] 


59. 


D 


Selinunt 


600 


Penrose 


2760 18' 


60, 


Kabiren 


Theben 


550 


Penrose 


2760 28' 


61. 


Zeus Atabyrios 


1 Akragas 


550 


V. Sybel 


276» 30' 


62. 


Apollon 


Selinunt 


550 


Penrose 


2760 40' 


63. 


unbekannt 


Metapont 


550 


Penrose 


2760 57/ 


64. 


[Hafentempel 


Athen 


500? 


V. Alten 


2760 58'] 


65. 


A 


Selinunt 


500 


Penrose 


2770 21' 


66. 


B 


Selinunt 




Penrose 


2770 21' 


67. 


Zeus Olympios 


Syrakus 


550 


Penrose 


2770 26' 


68. 


Athena 


Akragas 


500 


V. Sybel 


2780 30' 


69. 


Zeus Soter 


Megalopolis 


250 


Penrose 


2790 42' 


70. 


Aphrodite 


Aegina 


500 


Penrose 


2800 16' 


71. 


Hera? 


Plataea 


550 


Penrose 


2800 38/ 


72. 


Theseion? 


Athen 


440 


Penrose 


2830 6' 


73. 


Poseidon 


Sunion 


430 


Penrose 


2840 9/ 



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246 



Geschichte der hellenischen Orientation. 



Nr. 


Gott 


Ort 


Zeit Gewähr 


Lage 


74. 


Heraion junges 


Argos 


420 Penrose 


285<> 59' 


75. 


Heraion altes 


Argos 


600 Penrose 


287« 13' 


76. 


Serapis 


Tauromenion 


200 V. Sybel 


287« 45' 


77. 


[Artemis Braur. 


Athen 


500? Penrose 


288« 23'] 


78. 


Ptolemaeion 


Samothrake 


250 Hauser 


2890 


79. 


Athena alt. T. 


Milet 


V. Marees 291» 40' 


80. 


Kybele? 


Sardes 


Judeieh 


292» 


81. 


Demeter? 


Tarent 


550 Penrose 


2940 25' 


82. 


Dionysos 


Pergamon 


Humann 


294« 42' 


83. 


Demeter 


Gela 


450 Koldewey 294» 45' 


84. 


Demeter 


Eleusis 


600 Penrose 


2950 51/ 


85. 


Persephone 


Lokri ep. 


430 Penrose 


296« 56' 


86. 


Artemis Limn.? Messene 


300? Fabricius 


297« 


87. 


[Pnyxaltar 


Athen 


600 V. Alten 


2980 41'] 


88. 


Demeter 


Akragas 


550 Schoene 


*299o 


89. 


ApoUon Lyk. 


Metapont 


550 Penrose 


306« 39' 


90. 


Persephone 


Lokri ep. 


500 Penrose 


3090 36' 


91. 


Apollon 


Thera 


600 Wilberg 


3170 


92. 


Dionysos 


Athen 


730 Penrose 


3170 28' 


93. 


Serapis 


Delos 


150 Nissen 


3520 30' 


94. 


della Pace? 


Paestum 


300? Koldewey 


^ *355o 


95. 


Isis 


Priene 


250 Kummer 


3600 


96. 


Athena 


Pergamon 


300 Humami 


30 SC 


97. 


Keraton 


Delos 


300 Nissen 


50 


98. 


Athena jang.T, 


Milet 


V. Maries 


j 240 20' 


99. 


Apollon Lyk. 


Letoon 


v.Lusehan*27o 30' 


100. 


Artemis Leuk. 


Magnesia a. M 


600? Humann 


♦700 


101. 


Arsinoeion 


Samothrake 


270 Hauser 


740 


102. 


Isis 


Delos 


150 Nissen 


830 


103. 


Leto 


Delos 


550 Nissen 


840 45/ 


104. 


Apollon 


Delos 


500 Nissen 


840 45/ 


105. 


Zeus Sosip. 


Magnesia a. M 


. 220 Humann 


900 


106. 


Felsentempel 


Delos 


1000 Penrose 


960 2' 


107. 


Metroon 


Olympia 


350 Penrose 


1010 47' 


108. 


Artemis 


Ephesos 


650 Penrose 


1040 35' 



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Geschichte der hellenischen Orientation. 


247 


Nr. 


Gott 


Ort 


Zeit Gewähr 


Lage 


109. 


Triptolemos 


Eleusis 


200 Penrose 


133<> 43^ 


110. 


Kabiren 


Samothrake 


800 Hauser 


1400 


111. 


Hekate 


Lagina 


1000 Niemann 


1440 


112. 


Göttermutter 


Samothrake 


300 Hauser 


168« 


113. 


unbekannt 


Mykenae 


Penrose 


1730 20' 



Die Uebersieht enthält nur einen Bruchteil der vor- 
handenen Tempel, ist indefs ansehnlich genug um eine Reihe 
von Tatsachen und Folgerungen zu ergeben. Obenan steht 
die Tatsache, dafs in der hellenischen Welt neben der östlichen 
auch die Orientation nach Norden Süden und Westen vor- 
kommt. Nach der vorliegenden Liste scheint es aber, als ob 
die Blicke der Götter einzelne Himmelsstriche völlig gemieden 
haben. Wie im Druck angedeutet, weist die fortlaufende 
Reihe gröfsere Lücken von 30 — 40« auf: zwischen N. 2 und 3, 
92 und 93, 99 und 100, 108 und 109, so dafs NNO, SSO, SW, 
NW, mehr als ein Drittel des Gesichtskreises von Tempeln ent- 
blöfst ist. Der Zufall kann sein Spiel treiben, das Material für 
die Abendseite ist gar dürftig, von näheren Erwägungen wird 
abzusehen sein. Immerhin will ich daran erinnern, dafs noch 
im 16. Jahrhundert, als in Folge des veränderten Weltbildes 
die bisherigen Vorschriften gemildert wurden, die Nordrichtnng 
unserer Kirchen verpönt blieb. Darin erkennt man eine 
Nachwirkung der mittelalterlichen Vorstellung welche die 
apokalyptischen Völker Gog und Magog, deren Einbruch das 
jüngste Gericht ankündigt, an den Nordrand der Erdscheibe 
versetzte. 

Die Unterscheidung der vier Weltgegenden kommt nicht 
nur in den ältesten aegyptischen Texten vor (S. 42), sondern 
ist so alt wie die Cultur überhaupt. Freilich beruht sie auf 
langer Beobachtung und gereiftem Nachdenken, der Mensch 
lernt früher bis zwei zählen als bis vier. Sein Körperbau, 
die Trennung der Geschlechter zeigen ihm, dals jede Einheit 
aus zwei Hälften besteht. Da er die Natur im Spiegel des 
eigenen Ich schaut, überträgt er auch auf sie zunächst die 
Zweiteilung. Solche wurzelt tief im Bewufstsein der Völker 



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248 Geschichte der hellenischen Orientation. 

und lebt in formelhaften Wendungen der Sprache fort. Der 
Gegensatz zwischen Licht und Finsternis bildet die Grundlage 
aller religiösen Vorstellungen (S. 21). Demgemäls unterscheiden 
die Alten nur eine zwiefache Richtung ihrer Tempel, eine 
östliche und eine westliche. Soweit unsere Gewährsmänner 
sich darüber auslassen, weichen sie in der Auffassung der 
Götter und deren Verhältnis zum Aufgang nicht von einander 
ab (S. 113). Es kann sich nur um eine Verschiedenheit des 
Rituals gehandelt haben, ähnlich wie solches in der Christen- 
heit der Fall ist. Diesseits der Alpen sind die Kirch^i nach 
Westen gewandt, haben den Eingang im Westen, den Chor 
im Osten. Wer in der Vorstellung dals es so sein müsse, 
aufgewachsen ist, wird in Rom und anderwärts im Süden 
durch die Wahrnehmung betroffen, dals die ältesten und 
gefeiertsten Heiligtümer die umgekehrte Lage aufweisen. Aber 
er braucht sich darüber nicht aufzuregen (S. 115); denn der 
Gegensatz spielt nicht hinüber auf das Gebiet des Glaubens, 
sondern entspringt aus uralter Sitte, aus der unverwüstlichen 
Zähigkeit mit der Lebensformen und -anschauungen sich fort- 
pflanzen und behaupten. Ob die Kirche nach Westen oder 
nach Osten gerichtet ist, der amtirende Priester schaut beim 
Mefsopfer immer gen Aufgang. Bei uns steht er deshalb vor 
dem Altar, dreht der Gemeinde den Rücken zu und muls sich 
beim Segen umwenden. Wo dagegen die Kirche ihren Ein- 
gang im Osten hat, steht nach altem Ritus der Priester hinter 
dem Altar und kehrt während der Messe das Antlitz ununter- 
brochen dem Volke zu. Nach dieser Analogie suchen wir in 
der abweichenden Frontrichtung des Altertums keinerlei dog- 
matischen Gegensatz, sondern lediglich einen Gegensatz der 
gottesdienstlichen Praxis die sich in getrennten Ländern 
geschichtlich ausgebildet hatte. 

Für Westen spricht sich um 200 n. Chr. Clemens von 
Alexandria aus und vor ihm Vitruv. Man wird nicht annehmen, 
dals das S. 113 angeführte Kapitel auf eigenem Acker ge- 
wachsen sei. Vitruv scheint es einem Schriftsteller der helle- 
nistischen Zeit entlehnt zu haben, vielleicht dem Hermogenes 
der um 220 v. Chr. die S. 240 besprochenen Bauten in Magne- 
sia a. M. leitete. Osten sehen als Normalrichtung an der 
Boeoter Plutarch und der Syrer Lukian. Befragen wir die 



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Geschichte der hellenischen Orientation. 249 

Denkmäler. In Sicilien und ünteritalien kommt kein Beispiel 
westlicher Lage vor; das griechische Festland weist ein solches 
im Metroon zu Olympia (107) auf, möglicherweise ein zweites 
in Mykenae (113) und ein drittes in Eleusis (109). Diese 
Fälle stammen aus jüngerer Zeit; während seiner Blüte wendet 
Hellas diesseit des aegaeischen Meeres die Tempelfronten 
nach der Lichtseite. Auf den Inseln und der jenseitigen Küste, 
die einst von den Hellenen erobert die Wiege ihrer Cultur 
werden sollten, ändert sich das Bild. So dürftig auch unsere 
Liste ist, enthält sie doch eine Reihe alter berühmter Tempel 
mit westlicher Lage, wie in Ephesos, Magnesia, Delos, Samo- 
thrake. Im Ganzen wiegt Osten vor, Priene hält noch 330 
V. Chr. bei seinem Neubau daran fest. Dann aber erhebt sich 
auf asiatischem Boden eine kräftige Reaction, deren littera- 
rischen Niederschlag wir bei Vitruv antreffen. Es wäre un- 
richtig die beiden Gegensätze innerhalb der hellenischen 
Orientation durch die Beiworte hellenisch und hellenistisch, 
national und monarchisch zu kennzeichnen. Denn diese 
passen nur für die spätere Epoche, nicht für die erwähnten 
alten Denkmäler. Es wird zweckmälsiger sein eine geogra- 
phische Scheidung vorzunehmen, von einer europaeischen und 
einer asiatischen Schule zu reden. Beide haben einander 
bekämpft. Man wird unwillkürlich an ähnliche Vorgänge in 
der Christenheit erinnert, wo viele alte Kirchen ihre ursprüng- 
liche Ostfront später umgekehrt und mit einer westlichen 
vertauscht haben. So lange Athen die Führung behauptet, 
hat Osten die Oberhand; nach seinem Sturze dreht sich 
das Blatt. In Milet schaut der im altionischen Stil ge- 
haltene Athenatempel (79) nach OSO; bei einem Neubau (98) 
in hellenistischer Epoche wird er um einen Quadranten nach 
SSW verschoben (Wiegand Arch. Anzeiger 1906 p. 11). Auf 
Delos schwankt die Wage hin und her. Die westliche Orien- 
tation ist hier zu Hause: ihr folgen nicht nur der Felsen- 
tempel (106) sondern auch das Letoon (103) und der ältere 
Apolltempel (104). Als die Athener Herren der Insel geworden 
waren, übertragen sie den ihnen vertrauten Brauch der Heimat: 
davon zeugt der grolse Apolltempel (26) und der Tempel des 
2ieus Kynthios (20). Weitere Messungen fehlen mir. Nach 
dem Plan liegt das ältere vermutUch athenische Artemision 



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250 Geschichte der hellenischen Orientation. 

um 280^ herum, das neue wird 60® weiter nach Süden gerückt. 
Die Beachtung dieses Gesichtspuncts kann vielleicht für die 
Baugeschichte von Delos von Nutzen sein. Unsere Aufgabe 
heifst uns die Entstehung beider Schulen und ihr Verhältnis 
zu einander ins Auge zu fassen. 

Nach der Genesis sprach Gott: ^es werde Licht! Und 
es ward Licht. Und Gott sah, dals das Licht gut war, und 
Gott trennte das Licht von der Finsternis. Und Gott nannte 
das Licht Tag, die Finsternis aber nannte er Nacht ... Es 
sollen Leuchten entstehen an der Veste des Himmels, um den 
Tag und die Nacht von einander zu trennen, und sie sollen 
dienen zu Merkzeichen und [zur Bestimmung von] Zeiträumen 
und Tagen und Jahren. Und sie sollen dienen als Leuchten 
an der Veste des Himmels, um die Erde zu beleuchten. Und 
es geschah so. Da machte Gott die beiden grofsen Leuchten : 
die grofse Leuchte, damit sie bei Tage die Herrschaft führe, 
und die kleine Leuchte, damit sie bei Nacht die Herrschaft 
führe, dazu die Sterne." Das Gebet zur aufgehenden Sonne 
betrachten wir als den Anfang in der Entwicklung unserer 
Eeligion (S. 21). Mit dem Gebet ist das Opfer verbunden, 
die Stellung des Opfernden bedingt die Richtung des Altars, 
hinter dem jener steht. Und wie der Altar ist auch das 
Bild und das über ihm erbaute Dach dem Urquell alles Lebens, 
der wahren Gottheit, von der das Bild nur einen sehwachen 
Abglanz wiedergibt, zugewandt. Die Ostrichtung der Heilig- 
tümer ist auf der ganzen Erde als die ursprüngliche anzusehen. 
Die grofsen Opfer die der Gottheit dargebracht, die Feste 
die ihr gefeiert werden, sind an einzelne Jahreszeiten gebunden, 
der Tempel zeigt durch seine Lage zur Sonnenbahn den 
Eintritt des Festes an. Aber mit den Fortschritten die er in 
der Kunst des Zählens macht, lernt der Mensch die Gegen- 
sätze Tag und Nacht als höhere Einheit begreifen : der Grieche 
hat keinen Ausdruck dafür als das späte vuxOr|)i€poV) der 
Römer bezeichnet sie als bürgerlichen Tag im Unterschied 
vom natürlichen. Beide Begriffe widersprechen einander. 
Es hat Jahrtausende gedauert, bevor dem Volksbewufstsein 
die Axenumdrehung der Erde als das vom Schöpfer gesetzte 
Zeitmafs in Fleisch und Blut überging. Erst die Erfindung 
der Räderuhren hat den Gebrauch gleich langer Stunden im 



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Geschichte der hellenischen Orientation. 251 

praktischen Leben ermöglicht, hat damit den Sieg des bürger- 
lichen über den natürlichen Tag vollendet. Seit Copemicus und 
Magelhaens ist die Orientation eine Antiquität, ein blutloser 
Begriff geworden. Vordem hat sie gelebt, die Vorstellungen 
der Menschheit in einem Umfang erfüllt, von dem wir uns 
heute kaum Rechenschaft geben können. Wer den Blick über 
die Zahlenreihe S. 244 fg. gleiten läfst, erkennt in ihr die 
stummen Zeugen des langwierigen Kampfes, der zwischen 
einer älteren und jüngeren, einer höheren und niederen Welt- 
anschauung geführt worden ist. Der Anfang des natürlichen 
Tages wird durch Sonnenaufgang bestimmt und ist keinen 
Schwankungen unterworfen. Der Anfang des bürgerlichen 
Tages kann verschieden angesetzt werden. Die Hellenen 
rechneten nach Mondmonaten. So unvollkommen auch dies 
uralte Zeitmafs ist, so sinnenfällig drängte es sich zur Benutzung 
auf. Der handlichen Dauer von dreimal zehn Nächten entsprach 
die scheinbare Sicherheit des Anfangs: wenn die Mondsichel 
Dach ihrem Verschwinden wieder am Abendhimmel sichtbar 
wurde, hob ein neuer Kreislauf an. Die Rechnung nach 
Mondmonaten führte folgerichtig dahin den bürgerlichen Tag 
mit der Nacht d. h. mit Sonnenuntergang beginnen zu lassen. 
Hier knüpft die Aenderung der Orientation an. — Man meint 
wohl, westwärts gerichtete Tempel seien den Göttern der 
Nacht geweiht. Die Meinung trifft nicht zu; denn Apollon 
ist sowenig ein Nachtgott wie Amon von Theben, der Eeichs- 
gott Aegyptens, und schliefslich müfsten die Himmlischen alle 
der Finsternis zugewiesen werden. Die Aussagen der Alten 
(S. 113) deuten eine andere Erkläi-ung an. Die asiatische 
Schule behält die herkömmliche Ostrichtung des Opfernden 
und des Altars bei, dreht aber den Tempel und das Götter- 
bild um. Nach europaeischem Ritus kehrt der Andächtige 
beiden den Rücken zu und verehrt die aufsteigende Sonne; nach 
asiatischem Ritus verehrt er das lichtumstrahlte Bild, nicht 
die lebendige Naturkraft. Scheinbar handelt es sich dabei 
um belanglose Aeulserlichkeiten, in Wirklichkeit um eine 
tiefgreifende Wandlung des religiösen Gefühls. Nach Piaton 
haben die ersten Bewohner von Hellas wie viele Barbaren 
Sonne Mond Sterne Erde und Himmel als alleinige Götter 
angesehen (S. 157). Die Vermenschlichung des Pantheon, 



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252 Geschichte der hellenischen Orientation. 

der Uebergang von der natürlichen zur politischen ReligioD, 
wie wir es S. 18 nannten, wird Schritt für Schritt durch das 
Wachstum der Cultur herbeigeführt. Bei den Hellenen hat 
die Kunst, die redende wie die bildende, den wirksamsten 
Beistand geleistet. Der unfreie Orient entbehrte solchen 
Beistands: das Allerheiligste seiner Tempel barg entweder 
überhaupt nichts oder einen Fetisch. Dafür aber war ihm 
die Wissenschaft dienstbar. Wir haben in der stellaren Orien- 
tation einen Ausflufs fremder Theologie erkannt, wir finden 
ihn wieder in der Westrichtung der Tempel. Das Gesetzbuch 
Israels von 623 v. Chr. bedroht die Anbetung der Sonne mit 
dem Tode durch Steinigung (S. 65). Mit sanfteren Mitteln, 
durch Güte und Belehrung arbeiten gleicher Mafsen Heidentum 
und Christentum und Islam darauf hin die alte Herrscherin 
in den Herzen der Menschen zu entthronen. Sollte die Ver- 
mutung sich bewähren, dals Amon von Theben ursprünglich 
gen Aufgang blickte (S. 41), so wäre dies ein Vorbild für die 
Umdrehung griechischer Tempel die uns S. 249 beschäftigte. 
Im üebrigen wird die Westrichtung sehr früh von den Hellenen 
in Asien angewandt. Wenn zwar den karischen Mustern 
(106. 111) das Grtindungsjahr 1000 beigefügt ist, so drückt 
die Zahl nur unbestimmt ein hohes Alter aus. Dagegen führt 
uns das Artemision (108) auf festen chronologischen Boden 
ins 7. Jahrhundert. Das ephesische Heiligtum (S. 238) ebenso 
wie der delische Felsentempel (S. 231) und das Metroon in 
Olympia (S. 201) bekunden, dafs ihre Axenrichtung durch die 
untergehende Sonne bestimmt war. Der Beginn der Feier 
schlofs sich also an die Epoche des bürgerlichen Tages an; 
aller Wahrscheinlichkeit nach ist auch die künstliche Zeit- 
rechnung in den asiatischen Colonien früher ausgebildet worden 
als im Mutterland. Bei der östlichen Orientation — so liefs 
sich mit besonderer Deutlichkeit in Olympia nachweisen 
S. 198. 200 — steht die Absteckung der Tempelaxe gleichfalls 
an der Spitze des Festes, aber hier fängt das Fest mit dem 
natürlichen Tage an. Wie die verschiedenen Bestandteile der 
Feier auf einander folgten, wird nur durch Untersuchung der 
einzelnen Fälle zu ermitteln sein. Man kann aber als sicher 
annehmen, dass der Sonnenaufgang bei westwärts gerichteten 
Tempeln in gleichem Mafse ausgezeichnet wurde wie bei 



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Geschichte der hellenischen Orientation. 253 

östlichen. Solches war durch die Natur der Dinge gegeben: 
namentlich das Hauptopfer liels sich von dieser Tageszeit 
nicht trennen. Es ist daher nicht zu verwundern, dafs die 
Axen mancher Tempel mit Westfront (100. 102. 103. 104) nach 
der aufgehenden Sonne abgesteckt sind : aus Vitruv kann man 
fast entnehmen, dats sein Gewährsmann dies als Regel be- 
trachtet habe (S. 113). 

Kein Schriftsteller erwähnt die nördliche und südliche 
Orientation; aber der zehnte Teil der S. 244 fg. aufgeführten 
Tempel gehört ihr an. Sie stammt aus der Fremde, aller 
Wahrscheinlichkeit nach aus Aegypten. Wann der bürgerliche 
Tag am Nil anfing, steht nicht fest (Ginzel Chron. I 160 fg.). 
Dafs der römische Anfang um Mitternacht von hier entlehnt 
ward (Plin. II 188), scheint sicher. Schon die Pyramiden des 
Alten Reiches zeigen durch ihre Anlage eine Zweiteilung des 
Tages und der Nacht an; der nach Mitternacht gerichtete 
Eingang läfst schliefsen, dafs der Kreislauf von diesem Zeit- 
punct aus gerechnet wurde. Indessen mag es sich nur um 
priesterlichen Brauch oder die Lehre einer einzelnen Schule 
handeln, die in der Folge nach Italien übertragen, von der 
heutigen Cultur aufgenommen wurde. Die Zeitrechnung der 
Aegypter liegt ebenso sehr im Dunkeln wie die Richtung 
ihrer Tempel. Auf den Gegensatz zwischen dem Alten und 
dem Neuen Reiche wurde S. 59 aufmerksam gemacht. Die 
Pyramiden von Memphis sind der Mitternacht, die Pyramiden 
von Meroe der aufgehenden Sonne zugewandt (Lepsius Denk- 
mäler I Bl. 134). Während die Grabtempel der alte» Phara- 
onen nach Osten schauen, werden im Laufe des zweiten Jahr- 
tausend V. Chr. die Hauptaxen von Nord nach Süd gerichtet. 
Die Abkehr von Sonnenaufgang, die Verdrängung der solaren 
durch die stellare Orientation wird schwerlich ohne Kämpfe 
erfolgt sein; die Reform Amenophis' IV zeugt von ihrer Heftig- 
keit (S. 64). Der nähere Nachweis des Hergangs dürfte für 
die aegyptische Religionsgeschichte von Wert sein. Uns geht 
hier dasSchlufsergebnis an. InLepsius' Denkmälern IBl. 51 — 140 
findet sich die Lage von 43 Tempeln verzeichnet; die Angaben 
erstrecken sich über die ganze Entwicklung des Neuen Reichs 
bis hinab in die römische Kaiserzeit. Von diesen 43 Tempel- 
fronten sind 5 der aufgehenden Sonne zugewandt, 38 halten 

Nissen, Orientation, Stud. z. Religionsgesch. II. 10 



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254 Geschichte der hellenischen Orientation. 

sich aufserhalb ihres Bereichs. Soweit ich sehe, lälst sich 
der allgemeine Satz aufstellen, dafs die aegjptischen Tempel 
seit dem Scheitern der Reform, also seit der 19. Dynastie 
Osten meiden und nach Norden oder Süden blicken. Dieselbe 
Richtung hat bei den Hellenen Eingang gefunden. 

Die Einwanderung eines fremden Gottes vollzieht sich 
unter verschiedenen Formen. Er wird entweder als neues 
Glied der bestehenden Cultgemeinschaft eingefügt, so zu sag^en 
nationalisirt. Oder er bleibt Gast, behält das Ritual seiner 
Heimat bei, das uns kenntlich durch die Tempelfront in die 
Erscheinung tritt. Ein anschauliches Beispiel bietet die 
Schöpfung der ersten Ptolemaeer die so erfolgreiche Propa- 
ganda machte, Serapis von Alexandria. Der Muttertempel lag 
3350 45^ (S. 37), die Filiale in Tauromenion (S. 229) 287» 45' 
der europaeischen Umgebung angepafst. Anders verfuhr man 
auf asiatischem Boden. In Priene ist die Ostrichtung nach 
der Nachtgleiche streng durchgeführt (S. 104); allein der 
Tempel der aegyptischen Götter (95) wird nach Mittag ge- 
wandt. In Delos ringen West und Ost mit einander um die 
Vorherrschaft (S. 249); Serapis erhält die ihm vertraute Süd- 
front (93). Der aegyptische Einfluls dringt in hellenistischer 
Zeit noch weiter: ihm wird die Verdrehung des delischen 
Artemision (S. 250) und der Athena von Milet (S. 249) zu- 
zuschreiben sein. In dieser Hinsicht bekunden die Bauten 
von Pergamon (96), auf die in einem folgenden Kapitel zurück- 
gekommen wird, einen völligen Bruch mit der nationalen Ver- 
gangenheit. Die jüngeren Erscheinungen von denen wir reden, 
dienen zur Erläuterung der älteren, auf die kein Strahl gleich- 
zeitiger üeberlieferung fällt. — Wenn die Kabiren in Samo- 
thrake nach Nordwest (110), in Theben nach Osten (60) 
schauen, so liegt die Sache ebenso einfach wie oben bei 
Serapis. Verwickelter erscheint sie bei Apollon, weil das von 
uns europaeisch benannte Gebiet nicht aller Orten das gleiche 
Aneignungsvermögen betätigte. Der Bogen den der Gott 
führt, ist einst die verbreitetste Kriegswaffe auf Erden gewesen, 
sowohl auf der östlichen als auf der westlichen Halbkugel. 
Aber bei den Völkern Europa's, soweit geschichtliche Kunde 
im letzten Jahrtausend v. Chr. hinauf reicht, wird der Fem- 
kampf vom Nahkampf abgelöst, der Bogen durch Speer und 



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Geschichte der hellenischen Orientation. 255 

Schwert verdrängt. Wenn nun Apollon auftritt mit der Waffe 
eines aegyptischen oder asiatischen Königs ausgerüstet, so hat 
er damit ein Erbstück aus der alten Heimat bewahrt. Die 
einzelnen Verzweigungen seines Stammbaums vermögen wir 
nicht nachzuweisen, betrachten aber als Ahnherrn den Osiris 
Horus oder irgend einen anderen Namen unter dem die Kraft 
der Sonne verkörpert worden ist. Der asiatische Culturgott 
wird von Homer den Eingebornen, Zeus und Athena an die 
Seite gestellt. Aber so sehr er in Litteratur und Kunst als 
reiner Typus des Hellenentums gilt, der Cultus verrät doch 
seine fremde Herkunft. Eine flüchtige Durchsicht unseres 
Verzeichnisses genügt zum Beweise. Athena begegnet 12mal: 
sie blickt 10 mal nach der aufgehenden Sonne, 2 mal in helle- 
nistischer Zeit (96. 98) gen Mittag. Zeus ist mit 1 1 Tempeln 
vertreten: davon sind 10 nach Aufgang, 1 junger (105) nach 
Untergang gerichtet. Hera mit 8 sowie Demeter mit 7 Tempeln 
halten sich im Bereich des Aufgangs. So die einheimischen 
Götter von Hellas; anders die zugewanderten. Aus der 
Gesamtheit ragt Apollon hervor durch die Menge und das 
Alter seiner Cultstätten. Bedeutsam ist ihre Beziehung zu den 
Jahrespuncten, den Wenden (6. 91) und Nachtgleichen (1. 2). 
Viel bedeutsamer ist ihre Zerstreuung über alle Teile der 
Windrose: Norden hat 2, Nordost 2, Osten 4, Südost 2, 
Süden 2, Westen 2 aufzuweisen ; Südwest und Nordwest gehen 
leer aus. Wenn man die sechs Gruppen nach dem Alter 
ordnet, so nimmt die nordöstliche den ersten, die westliche 
den zweiten, die südliche den untersten Platz ein. Die letzt- 
genannte steht unter dem Einflufs der hellenistischen Strömung, 
deren oben gedacht wurde. Die drei anderen Gruppen gehören 
der nämlichen Epoche von 600 abwärts an. Auffallend schwach 
ist Osten vertreten. Nun kann man ja wohl aus der home- 
rischen Wendung npöq f[(x) t' ^eXiöv re schliefsen, dafs die 
Zeitgenossen des Dichters diese Himmelsgegend nicht auf die 
Grenzen der jährlichen Sonnenbahn beschränkten, weiter dafs 
die Inhaber von Tempeln mit nordöstlicher und südöstlicher 
Lage keine Ausländer zu sein brauchen. Allerdings ist die 
Orientation nach Sternen nur aus dem Einflufs der Fremde 
zu erklären, aber dieser Einflufs macht sich auch bei so 
nationalen Gottheiten wie Hera (S. 198) und Zeus (S. 201) 



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256 Geschichte der hellenischen Orientation. 

in Olympia bemerkbar. Insofern kann die Richtung nach 
Nordost und Südost nicht unbedingt als beweiskräftig für den 
unhellenischen üreprung Apollons in Anspruch genommen 
werden. Dagegen wohnt der Nordgruppe eine bündige Beweis- 
kraft inne; denn der Pol wird weder von Helios noch von 
Eos erreicht. Hatte man früher bei Phigalia die Ausnahme 
durch die Bodengestaltung rechtfertigen wollen (S. 214), so 
nötigt das neu entdeckte Thermos (S. 219) nach einer anderen 
Erklärung zu suchen. Die Verschiedenheit der Culturentwick- 
lung in Hellas gibt sie an die Hand. Die Front der Apollo- 
tempel in Korinth Syrakus Selinunt wurde der aufgehenden 
Sonne zugewandt, weil diese Städte mit dem Bürgertum auch 
eine bürgerliche Theologie ins Leben riefen (S. 160). In den 
Bergen Arkadiens und Aetoliens war keines von beiden zu 
Hause, das Hirtenvolk nahm das fremdartige Ritual mit der 
gleichen Scheu und Ehrfurcht auf wie den Gott selbst. Im 
letzten Grunde wird die Nordrichtung auf Osiris von Abydos 
(S. 50) und die mächtige Anziehung die der Gnadenort übte, 
zurückzuführen sein. Der Mythos von Apoll und den Hyper- 
boreern knüpft an die Nordlage an. Wir begnügen uns mit 
Andeutungen. Wenn die in diesen Blättern empfohlene Samm- 
lung des Materials die gewünschten Fortschritte macht, werden 
die Wanderungen der Götter und die iBeziehungen der Cult- 
stätten zu^einander deutlicher hervortreten als jetzt der Fall ist. 
Mit der Errichtung von Tempeln ist der üebergang von 
der natürlichen zur politischen Religion endgiltig vollzogen 
(S. 19). Unter den verschiedenartigen Gemeindebildungen 
steht der Staat an Wichtigkeit obenan. Von seinem Belieben 
hängt es ab, welche Götter er sich aneignet und welche er 
verschmäht. In Folge dessen umfafst Hellas ebenso viel hundert 
kirchliche Verbände wie Staaten. Der bunten Mannichfaltigkeit 
gegenüber erscheinen im Einzelnen die ursprünglichen Grund- 
züge einfach und klar. Von einem Tyrannen wird als Zeichen 
der Härte gemeldet, daf s er nur zwei Volksfeste im Jahre 
gestattete (Herakl. 32 Müller FHG II 222). In WirkUchkeit 
erneuerte die Vorschrift lediglich älteren Brauch. Die Juden 
hatten Anfangs zwei Festzeiten: im Frühling und Herbst (S. 67); 
als Ergänzung zu jenem kam noch ein Erntefest (Pfingsten) 
hinzu. Eine ähnliche Ordnung haben wir in Städten einheit- 



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Geschichte der hellenischen Orientation. 257 

lieber Orientation wie Priene Paestum Selinunt voraus zu 
setzen; wenn die Strahlen der aufgehenden Sonne in die 
Axe der Heiligtümer fallen, zweimal im Jahre wird gefeiert. 
An die eine Hauptfeier knüpft das bürgerliche Neujahr an: 
so war es in Aetolien (S. 219) und vermutlich auch an anderen 
Orten. Die Dauer der Feste nimmt stetig zu, umfafst in 
Selinunt um 500 v. Chr. mindestens 5 Tage. Wir reden hier 
von jungen Gründungen die ihren Gottesdienst nach Gutdünken 
einheitlich regelten. Durchweg sind die Verhältnisse viel 
verwickelter. — Die gröfseren Staaten haben eine Anzahl 
kleiner einverleibt und damit auch deren Götter übernommen 
(S. 19). Sodann macht die Verschiedenheit der Lebensweise 
sich geltend: die Tätigkeit des Ackerbauers ist nicht an die 
nämlichen Himmelserscheinungen gebunden wie die des See- 
manns, Stadt und Land gehen ihre eigenen Wege. Endlich 
führt die fortlaufende Geschichte, der auswärtige Verkehr, 
Krieg und innerer Umsturz die Aufnahme neuer Culte herbei. 
Auf Grofsstädte wie Athen Syrakus Akragas Tarent erleidet 
das einfache Schema einer Colonie keine Anwendung. Mit 
dem steigenden Wohlstand wächst unaufhörlich die Zahl der 
Tempel und die Zahl der Feiertage Indessen genügen die 
staatlichen Veranstaltungen noch nicht, um das religiöse Be- 
dürfuis oder richtiger die Schaulust zu stillen. Es gibt aber 
eine lange Reihe von Heiligtümern, die von nah und fem 
Besucher anziehen, als Wallfahrtsorte der hellenischen Welt 
von der Staatskirche unabhängig sind. Dadurch erhält das 
Festleben einen neuen und reichen Inhalt. Das S. 244 fg. zu- 
sammengestellte Verzeichnis lehrt uns nun die Verteilung der 
Feste an die einzelnen Jahreszeiten kennen und gestattet die 
Hauptzüge eines allgemeinen Festkalenders der Hellenen zu 
entwerfen. — Wir gingen S. 125 von der merkwürdigen Tat- 
sache aus, dafs keine einzige Tempelaxe nach der Sonnen- 
wende gerichtet sei. Wir fanden dafs Kastor und Pollux 
dazu verwandt wurden die Endpuncte der Sonnenbahn zu 
bestimmen. Damit diente man den praktischen Aufgaben der 
Zeitrechnung, eine Verehrung der Sterne wie Aegypter (S. 35) 
und Araber (S. 71) sie übten, ist den Hellenen durchaus fremd. 
Weiter aber fehlt Juden und Hellenen gleicher Mafsen die 
dem Abendländer so nahe ans Herz gewachsene Sonnenwend- 



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^58 Geschichte der hellenischen Orientation. 

feier. Die Bedeutung die dieser Umstand für die Gestaltung 
des christlichen Festjahrs gehabt hat, wird in anderem Zu- 
sammenhang darzulegen sein. Das Fehlen der Sommerfeier 
bei den Hellenen kann mit der Ernte begründet werden 
(S. 194); das Fehlen der Winterfeier mit der Schwierigkeit 
des Eeisens und den Unbilden des Wetters die eine Panegyris 
verhinderten. Von örtlichen und klimatischen Bedingungen 
abgesehen mag auch ein vorläufig nicht nachweisbarer Ein- 
flufs der orientalischen Cultur mitgewirkt haben. Wie dem 
nun auch sei, so umfalst nach Ausweis unserei' Liste die 
sommerliche Festpause rund drei Monate (10. Mai bis 10. August), 
wird aber in der Epoche des Verfalls (7) um einen verkürzt. 
Die winterliche Pause überschreitet von vornherein einen zwei- 
monatigen Zeitraum nicht. Dies rührt daher dats der Saat-, 
monat November der Demeter heilig ist, wiederam dals der 
Lenz im Februar seine Schwingen regt. Aber die festliche 
Zeit beginnt für die Hellenen doch erst mit der Eröffnung 
der Schiffahrt im März. Im April bis in den Mai drängen 
die Schaufeste einander. Nach der Ernte und der Sommer- 
ruhe hebt Ende August ein zweiter Cyclus an: die Weinlese 
unterbricht ihn, das Aufhören der Schiffahrt bringt ihn zum 
Abschlufs. Derart sind von den zwölf Abschnitten der Sonnen- 
bahn fünf der Lebensfreude geweiht, die das Volk im Dienst 
seiner Götter betätigt. Die Monate März April Anfang Mai, 
sodann August September Anfang October befassen die grofsen 
Feste und Lustbarkeiten. Scharf lassen sich die beiden 
Perioden um so weniger umschreiben, als sie im Laufe der 
Dinge ihre Grenzen andauernd vorrücken. Immerhin halten 
sich von den hundert nach der Sonne gerichteten Tempeln 
die unser Verzeichnis aufführt, drei Viertel innerhalb des 
bezeichneten Bereichs. Die Nachtgleichen bilden die Axe, um 
welche das hellenische Festleben sich bewegt. Die Christenheit 
verschob die Herbstfeier der Juden und Hellenen in den 
Winter, machte die Wenden zum Rückgrat des Kirchenjahrs 
und beschränkte die grofsen Feste auf die ansteigende Hälfte 
der Sonnenbahn. — Durchmustern wir unsere Liste im Einzelnen, 
so treten die einem und demselben Gott geheiligten Tempel 
nicht vereinigt, sondern zerstreut auf. Die einzige Ausnahme 
gibt die Demetergruppe ab, die an den Saatmonat November 



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Geschichte der hellenischen Orientation. 259 

gebunden ist, daher übereinstimmend 295 — 97® aufweist. Da- 
gegen liegen die 11 Zeustempel 30®, die 12 Atbenatempel 
34® ausjeinander. Aehnlich verhält es sich mit den übrigen 
Namen. Die Ausprägung der Göttertypen reicht eben viel 
höher hinauf als der Tempelbau und die geordnete Zeitrechnung. 
Als beides eingeführt wurde, regelte der Staat seinen Kalender 
nach freiem Ermessen und wies den Festen den Platz an der 
ihm gut schien. Auch bei der Aufnahme von Culten in be- 
kannter Zeit band er sich keineswegs an den Tag der in der 
Heimat des Gottes begangen wurde (S. 207). üeberhaupt 
erschwerte ja die Rechnung nach Mondmonaten eine üeber- 
einstimmung wie sie unser Heiligenkalender bietet. Aber die 
endlose staatliche Zersplitterung ist doch als die eigentliche 
Ursache anzusehen für die bunten Farben die das Bild des 
hellenischen Festlebens auszeichnen. — Im offenen Gegensatz 
dazu arbeitet die Monarchie auf eine einheitliche Gestaltung 
von Gottesdienst und Zeitrechnung, damit auch der Orientation 
hin (S. 104. 177. 240). Seit den grolsen Fortschritten der 
Astronomie und der allgemeinen Verbreitung der Uhren ver- 
loren die Dienste welche die Tempelaxen vordem als Zeit- 
messer leisteten (S. 122. 160), ihren praktischen Wert. Aber 
der alte Glaube an die Allmacht (Jer Sonne hielt Stand. Die 
Weisheit der Chaldaeer, die mit der Monarchie die Mittel- 
meerländer erfüllt, ihren Hokuspokus auch baulich zum Aus- 
druck bringt (S. 36), droht ihn zu verdunkeln. In den Kreisen 
der Gebildeten nicht ohne Erfolg. Das Volk jedoch blieb der 
Ueberlieferung seiner Vorfahren treu, die Verehrung der Sonne 
lieferte einen Eckstein für den Bau der neuen Weltreligion. 



Die umstehende Tafel gibt das Azimuth der Sonne beim 
Aufgang und Untergang in den Schaltjahren 601 und 1 v. Chr. 
unter Berücksichtigung der Refraction für den^ Seehorizont von 
Athen. Sie ist den Astronomischen Hülfstafeln entnommen^ die 
Tiele zu meinem Templum beigesteuert hat. Will man für andere 
Orte genau rechnen, so zeigen dessen Erläuterungen den Weg. 
Zur allgemeinen Umschau in dem behandelten Gebiet genügt die 
Tafel. 



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f 



260 



Geschichte der hellenischen Orientation. 
Athen, 9= +37^58'. 



Länge 


Julian. Datum 


Azimuth 


beim 


Julian. Datum 


Länge 
























-600 





Aufgang 


Untergang: 


-600 







2700 


Dec. 27Dec. 22 


300010' 


8'- 


590 50' 

f 


Dec. 27 Dec. 22 


2700 


275 


Jan. 1 27 


300 2 „ 




59 58 


22 18 


265 


280 


6 Jan. 2 


299 39 ll 


60 21 


17 13 


260 


285 


11 7 


299 1 f^ 


60 59 


12 8 


255 


290 


16 12 


298 9 ll 


61 51 


7 3 


250 


295 


21 17 


297 3 ll 


62 57 


2 Nov. 28 


245 


300 


26 22 


295 45 ^^ 


64 15 


Nov. 27 23 


240 


305 


31 27 


294 14 '1 


65 46 


22 18 


235 


310 


Febr. 5 Febr. 1 


292 32 J? 


z 


67 28 


17 13 


230 


315 


10 6 


290 41 ]l 


1 


69 19 


13 8 


225 


320 


15 11 


288 41 ]l 





71 19 


8 3 


220 


325 


20 16 


286 33 ]l 


8 


73 27 


3 0ct. 29 


215 


330 


25 21 


284 19 ^^ 


4 


75 41 


Oct. 29 25 


210 


335 


Mrz. 1 26 


13 

282 ,. 


9 


78 


24 20 


205 


340 


6 Mrz. 2 


279 36 ^ 


4 


80 24 


' 19 15 


200 


345 


12 7 


277 8 ]l 


8 


82 52 


14 10 


195 


350 


17 12 


274 38 ]l 





85 22 


9 5 


190 


355 


22 17 


272 6 ]l 


2 


87 54 


4Spt. 30 


185 





27 22 


269 33 ^^ 


3 


90 27 


Spt. 29 25 


180 


5 


Apr. 1 27 


267 ,^ 


3 


93 


24 20 


175 


10 


6 Apr. 2 


264 28 ll 


2 


95 32 


19 15 


170 


15 


12 7 


261 57 ll 


1 


98 3 


14 10 


165 


20 


17 12 


259 29 ]] 


8 


100 31 


9 5 


160 


25 


22 17 


257 4 1^ 


6 


102 56 


4 Aug. 31 


155 


30 


27 22 


254 44 ^* 





105 16 


Aug. 30 25 


150 


35 


Mai 3 28 


252 29 ' 


5 


107 31 


25 20 


145 


40 


8 Mai 3 


250 21 ^l 


8 


109 39 


20 15 


140 


45 


13 8 


248 20 Jf 


1 


111 40 


15 10 


135 


50 


18 13 


246 28 " 


2 


113 32 


10 5 


130 


55 


24 19 


244 46 ^l 


2 


115 14 


5 Juli 31 


125 


60 


29 24 


243 15 ^ 


1 


116 45 


Juli 30 26 


120 


65 


Juni 3 29 


241 56 , 


9 


118 4 


25 20 


115 


70 


8 Juni 3 


240 49 l 


7 


119 11 


20 15 


110 


75 


14 9 


239 56 l 


3 


120 4 


15 10 


105 


80 


19 14 


239 17 l 


9 


120 43 


10 5 


100 


85 


24 19 


238 54 ^ 


3 

o_l_ 


121 6 


4 Juni 30 


95 


90 


29 


24 


238 46"" 


^+121 14 


Juni 29 


23 


90 



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